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Suche nach dem verlorenen Arzt

Dem österreichischen Gesundheitssystem fehlen zunehmend praktische Ärzte. Das ist ein doppeltes Problem: Geringere Versorgung bei höheren Kosten.

Am Fuße des Großglockners liegt Heiligenblut. Touristen schätzen die schöne Pfarrkirche sowie die zahlreichen Hotels und Pensionen des Bergdorfes. Für die 1000 Bewohner der Gemeinde jedoch könnte die Idylle bald ein jähes Ende nehmen. Heiligenblut droht in Zukunft ohne praktischen Arzt dazustehen. Denn bislang findet sich kein Mediziner, der die Ordination des kürzlich verstorbenen Dorfarztes endgültig übernehmen will. Dieses Problem ist kein Einzelfall, wie Gerd Wiegele, Vizepräsident der Ärztekammer für Kärnten, klagt: "Es wird immer schwieriger, Kassenstellen in abgelegenen Orten neu zu besetzen. Quer durch alle Bundesländer gibt es derzeit rund hundert ähnliche Fälle.“

Einige in der Politik haben das Problem erkannt: "Die Anzahl der Bewerber für eine freie Landarztpraxis sinkt, in immer mehr Fällen braucht es mehrere Ausschreibungs-Anläufe, um die Praxis nicht endgültig aufgeben zu müssen“, weiß Helmut Mödlhammer, Präsident des Gemeindebundes. Die Bevölkerung habe bereits eine Art von Kahlschlag bei zahlreichen Dienstleistungen und Einrichtungen hinnehmen müssen, kritisiert der Chef der Interessensvertretung der Gemeinden: "Mit der Gefährdung der ortsnahen ärztlichen Versorgung ist die Schmerzgrenze allerdings erreicht.“

Die Gründe, die den Beruf des niedergelassenen Arztes im ländlichen Raum zunehmend unattraktiv machen, sind vielfältig. Zum einen bedeutet das Landarztdasein Arbeit rund um die Uhr und wenig Freizeit. Man muss den Patienten auch in der Nacht und am Wochenende zur Verfügung stehen, es sind zahlreiche Hausbesuche mit weiten Wegstrecken zu absolvieren.

Vielfacher Verzicht erforderlich

Immer weniger junge Ärzte sind bereit, ihr Privatleben in diesem Ausmaß zugunsten des Berufes zu opfern. Dazu kommt, dass in abgelegenen Regionen die von der Studienzeit gewohnte städtische Infrastruktur mit ihren kulturellen und schulischen Angeboten fehlt. Auch wenn der Arzt oder die Ärztin selbst auf all das verzichten kann: Was ist mit den Kindern und dem Ehepartner? "Die Arbeitsbedingungen eines Landarztes sind familienfeindlich und vor allem für Frauen untragbar“, meint Günther Wawrowsky, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer. Was das Problem verschärft: Mittlerweile gibt es in Österreich mehr Ärztinnen als Ärzte - Tendenz steigend.

Ein weiterer Grund, warum freie Arztstellen im ländlichen Bereich nicht mehr besetzt werden können, ist das Verschwinden der Hausapotheken. Gibt es in der Nähe keine Apotheke, darf der Arzt seinen Patienten Medikamente verkaufen. Seit Apotheker sich verstärkt in kleineren Gemeinden niederlassen, müssen sich immer mehr Ärzte per Gesetz von ihren Hausapotheken trennen. "Kleine Landarztpraxen mit vergleichsweise wenig Patienten sind ohne Hausapotheken kaum überlebensfähig“, warnt der dafür zuständige Funktionär der Österreichischen Ärztekammer Otto Pjeta. Bundesweit seien es 116 Kassenplanstellen, die in nächster Zeit aufgrund der Rechtslage ihre Hausapotheken verlieren, warnt der Arzt. Es sei zu befürchten, dass 60 Prozent davon nicht mehr nachbesetzt werden können. "Damit verlieren 70 Ortschaften ihren Hausarzt“, betont Pjeta. Vor allem alte, kranke und immobile Menschen, die von ihrem Arzt abhängig seien, erlitten dadurch schwere Nachteile.

Allein die von der Ärztekammer geforderte Änderung des Apothekengesetzes, womit die Hausapotheken als versteckte Subvention für ansonsten nicht lebensfähige Ordinationen erhalten bleiben, wird den Schwund an Landärzten nicht verhindern können. Die vakante Kassenstelle in Heiligenblut zum Beispiel ist sehr wohl mit einer Hausapotheke verbunden. Daher sucht man händeringend nach Wegen, den Beruf des niedergelassenen Allgemeinmediziners wieder attraktiv zu machen.

Pensionswelle steht bevor

Schon seit Langem propagiert die ärztliche Standesvertretung ihr Modell des "Hausarztes als Vertrauensarzt“, das den Hausarzt zum Lotsen für die Patienten durch das Gesundheitssystem aufwertet. Auch bei der Ausbildung soll angesetzt werden. Derzeit ist es so, dass Ärzte im Rahmen ihrer Ausbildung kaum jemals eine allgemeinmedizinische Ordination von innen zu sehen bekommen und daher gar nicht auf die Idee kommen, den Beruf des praktischen Arztes zu ergreifen. Die Ärztekammer fordert daher die Finanzierung der sogenannten Lehrpraxis, bei der Jungärzte in der Ordination eines qualifizierten Kollegen Erfahrung sammeln können.

Es besteht jedenfalls dringender Handlungsbedarf, wie Günther Wawrowsky betont: "In den nächsten zehn Jahren werden fast 40 Prozent der niedergelassenen Allgemeinmediziner in Pension gehen. Das sind mehr als 2400 Ärzte.“

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