Kein Land in Sicht

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Die Krankenkassen schreiben wieder Milliardendefizite. Doch wo und bei wem gespart werden soll, darüber herrscht nach wie vor Uneinigkeit.

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Die Krankenkassen schreiben wieder Milliardendefizite. Doch wo und bei wem gespart werden soll, darüber herrscht nach wie vor Uneinigkeit.

Die Krankenkassen schreiben nach zwei positiv abgeschlossenen Jahren wieder ein beträchtliches Defizit. Über drei Milliarden fehlten 1999 voraussichtlich im Topf. Dieses Geld aufzutreiben wird nicht einfach, denn die Auflagen des Bundeskanzlers machen den Spielraum eng. Es darf weder Beitragserhöhungen geben, noch an den Leistungen für die Versicherten gespart werden, so die Vorgaben.

Hauptverursacher für das neuerliche Defizit sind die stark gestiegenen Kosten für Medikamente, die 1999 gleich mit einem Plus von 14 Prozent das Budget der Krankenkassen belasteten. "Maßnahmen, die in die Wege geleitet wurden, konzentrieren sich primär auf dieses Ausgabensegment", bestätigt Josef Probst, Generaldirektor-Stellvertreter vom Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger. Bei den gesamten Gesundheitsausgaben liegen Medikamente mit einem Anteil von 18 Prozent an dritter Stelle (siehe Grafik) nach den Ausgaben für Spitäler und Ärzte.

Fronten sind starr Primär gebe es Verhandlungen mit den Großproduzenten von Medikamenten, um die Großhandelsspanne von derzeit 14,5 Prozent zu drücken, erklärt Probst die Bemühungen der Sozialversicherungsanstalten, das Defizit wieder auszugleichen. Auch mit den Apotheken wird derzeit über eine Verringerung der Gewinnspanne gesprochen. "In den gemeinsamen Verhandlungen mit der Österreichischen Ärztekammer wurde klargestellt, daß der Aufwärtstrend bei den Medikamenten gebremst werden muß", meint Probst.

Viele Medikamente werden verordnet und dann nicht oder nur unregelmäßig eingenommen, kritisiert Probst. "Dieses Geld ist wirklich verschwendet. Es gibt jetzt genug Anlaß, dem intensiv entgegenzutreten."

Die Krankenkassen setzten langfristig vor allem auf eine Aufklärung der Bevölkerung. Weniger Medikamente einnehmen und dafür gesünder Leben lautet die Devise. "Ein negativer Laborwert wird heute durch die dauernde Einnahme eines Medikaments auf den Normwert gebracht. Wenn es aber gleichwertig ist, regelmäßig Bewegung zu machen, ist das für den Menschen insgesamt gesünder. Wir wollen die Therapie ohne Medikamente bewerben", erklärt Probst.

Beitragszuschläge für Raucher oder Menschen mit Übergewicht werde es aber auf keinen Fall geben, stellt Probst klar: "Wir wollen keinen Wächter der kontrolliert, ob jemand raucht, einen fetten Schweinsbraten ißt, dazu drei Bier trinkt und Sport nur aus dem Fernseher kennt. Da müßten beispielsweise auch Hundehalter höhere Beiträge zahlen, da es jährlich rund 1.000 Hundebisse gibt. Das kommt für uns nicht in Frage. Specksteuer und all diese Dinge sind relativ naive Denkansätze."

Doch den schwarzen Peter wollen sich die Medikamentenhersteller auch nicht so ohne weiteres zuschieben lassen. Die Arzneimittelhersteller hätten, so der Präsident der Vereinigung pharmazeutischer Unternehmer (Pharmig) Ulrich Bode, stets für die finanziellen Nöte der Krankenkassen Verständnis gehabt. 1996 leisteten sie mit Preissenkungen ihren Beitrag zur damaligen Trendumkehr. Die Herstellerpreise seien - umgekehrt zum Wohlstand in Österreich - nach wie vor unter dem europäischen Durchschnitt. Weitere Absenkungen der Preise seien daher kontraproduktiv, weil sie zu Versorgungsproblemen führen würden. "Die österreichische Sozialpolitik muß endlich ehrlich werden und den Versicherten klar sagen, daß Gesundheit für alle und auf dem höchsten Niveau in Zukunft auch mehr Geld kosten wird", meint Pharmig-Präsident Bode.

Schon in relativ kurzer Zeit werden neue, innovative Arzneimittel den Patienten zur Verfügung stehen. Eine Behinderung dieser Innovationen, so Bode, käme einem Ausgrenzen der betroffenen Patienten gleich. Deshalb sei hier an ein weiteres Sparen, im Interesse der Patienten, wohl nicht zu denken.

Im Gesundheitswesen sind die Fronten also relativ starr. Weder Ärzte noch die pharmazeutische Industrie sind kampflos bereit, auf Kosten ihrer Mitglieder das Budgetloch zu stopfen. Ohne umfassende Maßnahmen wird das Defizit aber vermutlich weiter anwachsen. Denn es kommen heuer zusätzliche Ausgaben auf die Krankenversicherungsanstalten zu. Derzeit wird die "Psychotherapie auf Krankenschein" verhandelt. Weiters soll der Krankenschein durch die Chipkarte ersetzt werden. Veranschlagter Kostenpunkt für die Umstellung: eine Milliarde Schilling. Für die In-vitro-Fertilisation gewähren die Krankenkassen seit Anfang dieses Jahres ebenfalls einen Kostenzuschuß, was jährlich mit rund 300 Millionen Schilling zu Buche schlagen wird. Mit Interesse werden auch die kommenden Finanzausgleichsverhandlungen Ende 2000 erwartet. Die Länder wollen mehr Geld für die Spitäler.

Klarheit über Ziele Allein mit Einsparungen bei Medikamenten werden sich die Krankenkassen nicht sanieren können, gibt auch Josef Probst vom Hauptverband der Sozialversicherungsanstalten zu. "Ich rechne damit, daß bei den Medikamenten ein Einsparungspotential von etwa einer Milliarde Schilling vorhanden ist. Das wird in Summe zur langfristigen Stabilisierung der Einnahmen und Ausgaben nicht ausreichen."

Wie soll dann das Budgetloch gestopft werden, wenn bereits vergangenes Jahr über drei Milliarden fehlten? Darüber, so bekommt man den Eindruck, herrscht eher Ratlosigkeit. "Es muß zuerst einmal Klarheit über die Ziele im Gesundheitswesen herrschen", meint Probst. Da in wohlhabenden Ländern die Gesundheitsausgaben überproportional steigen, werde man mit den vorhandenen Ressourcen äußerst sparsam umgehen und nach Rationalisierungspotential suchen müssen und: "Das Gesundheitssystem des Jahres 2005 wird halt nicht zum Preis des Jahres 1999 erhältlich sein."

Josef Probst spricht damit Beitragserhöhungen an, die wohl langfristig unvermeidlich sind, will man die hohe Qualität des Österreichischen Gesundheitswesens aufrecht erhalten. Derzeit beträgt der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt rund 8,3 Prozent Im internationalen Vergleich liegen wir damit im Mittelfeld, weit hinter den USA mit einem Anteil von rund 14 Prozent und Deutschland mit über zehn Prozent.

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