Biographisch fundierte Anmerkungen über den Genuss von Bier - Kontinuitäten und Brüche (© Forum Alpbach 2003).

Es war Anfang der achtziger Jahre, als der Autor dieser Zeilen eine Abtweihe im Benediktinerstift Kremsmünster erlebte. Das festliche Ereignis stand am Ende einer sogenannten Jugendwoche - in jeder Hinsicht dichte Tage für unruhige, suchende Teenager-Köpfe und -Herzen. Gerade das machte wohl auch das Besondere dieser Weihezeremonie aus: die spürbare Verbundenheit von Jugendlichen, sonstigen Gästen und der Gemeinschaft der Mönche. Den Ausklang bildete eine, wie wir Katholiken zu einem schlichten Buffet sagen, Agape im Stiftshof, u. a. mit Würsteln und - Bier. Aber es war eben nicht irgendein Bier. Wir meinten, in unserer damals noch relativ jungen Biertrinkerlaufbahn noch nie ein so gutes Bier getrunken zu haben: ein uns unbekanntes Produkt der oberösterreichischen Brauerei Zipf mit dem vielversprechenden Namen "Doppelgold".

"Doppelt vergoldeter Gruß"

Wieder in Wien, machten wir uns wacker auf die Suche nach der neu entdeckten Marke, suchten diverse Zipfer-Gaststätten auf, erkundigten uns im Getränkehandel und bei Vertriebsstellen - alles ohne Erfolg: Niemand kannte hier das "Doppelgold", geschweige denn, dass der köstliche Gerstensaft irgendwo erhältlich gewesen wäre. Es handelte sich dabei, so mussten wir zur Kenntnis nehmen, um eine bloß regional vertriebene Sorte. Auch ein Schreiben an die Brauereileitung in Redl-Zipf führte nicht zum Ziel.

Immerhin aber war die Causa dem legendären Presse-Reporter Peter Zehrer, dem wir die Geschichte erzählten, eine Glosse in einer der von ihm liebevoll gestalteten Bier-Beilagen wert: Er lobte darin unseren Idealismus und schloss mit dem Satz: "Ein doppelt vergoldeter Gruß sei den jungen Bierenthusiasten jedenfalls beschieden".

Warum ich das hier erzähle? Weil es so schön illustriert, dass beim Bier - ich behaupte jetzt: mehr als beim Wein - ziemlich viel von den Umständen abhängt, unter denen es getrunken wird. Etliche Zeit später nämlich sollten wir doch wieder einmal ein "Doppelgold" trinken, irgendwo in Oberösterreich - und waren maßlos enttäuscht. Nein, nicht schlecht, aber ziemlich gewöhnlich, gewiss nicht das Beste, was das Haus zu bieten hatte, jedenfalls den ganzen Aufwand nicht wirklich wert.

Wenn es bei Jesus Sirach heißt, "Frohsinn, Wonne und Lust bringt Wein, zur rechten Zeit und genügsam getrunken. Kopfweh, Hohn und Schimpf bringt Wein, getrunken in Erregung und Zorn" (Sir 31,28 f.), so gilt dies mehr noch vom Bier. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass im Prinzip ohnedies jedes Bier mehr oder weniger gleich gut sei - aber das "Drumherum" macht hier eben besonders viel aus.

Dazu zählt nun freilich nicht nur die aktuelle persönliche Verfasstheit, die wohl für das doppelgoldige Biererlebnis von Kremsmünster ausschlaggebend gewesen sein dürfte, sondern auch Lagerung und Zapf- bzw. Einschenkkultur. Wenn ein kühles, richtig (also entgegen einer weit verbreiteten Annahme auch nicht zu lang) gezapftes Krügerl nicht mundet, muss das Bier schon sehr schlecht sein - umso besser natürlich, wenn einem hochqualitativen Produkt oder einer erlesenen Bierspezialität die entsprechende Pflege zuteil wird.

Angebotsvielfalt

Aber dass wir solcherlei Überlegungen anstellen können, ist eigentlich gar nicht selbstverständlich. Der Autor kann sich noch ganz gut an Zeiten erinnern, da die Rubrik "Bier" auf der Speisekarte zwei Positionen umfasste: "Krügerl" und "Seiterl". Zugegeben: Unter Wein waren es meist auch nicht mehr als sechs: "Weiß" und "Rot", jeweils ein Achterl, ein Vierterl oder gespritzt. Aber immerhin gab es damals schon in der gehobenen Gastronomie und in ausgewählten Feinkostläden edle Tropfen zu edlen Preisen (der Beitrag der österreichischen Winzer nahm sich im Vergleich zu heute freilich äußerst bescheiden aus). Ein Bier hingegen war ein Bier, und das schmeckte manchmal (s. o.) besser, manchmal schlechter.

Das war in Ordnung - und auch heute will unsereins bisweilen einfach "auf ein Bier gehen". Gleichzeitig haben wir eine enorme Vielfalt des Angebots auch beim Bier schätzen gelernt (siehe Interview auf der nächsten Seite). Das hat nicht nur dazu geführt, dass es Bierlokale mit einer beeindruckenden Produktpalette gibt, sondern auch dazu, dass Gaststätten, die auf sich halten, ihren Besuchern ein, zwei ausgewählte Biere anbieten. Ein frischherbes Pils etwa, von duftig-feinporigem Schaum gekrönt, ist längst auch im Haubenrestaurant eine ernst zu nehmende Aperitivvariante und steht als solche dem Glas Muskateller oder Winzersekt nicht nach. Und Conrad Seidl, der den Titel eines "Bierpapstes" trägt, bemüht sich seit Jahren, die Leute zu überzeugen, dass Bier nicht nur zu Schweinsbraten oder Gulasch passt, sondern - im Extremfall, wenn es das richtige Bier ist - auch zu Schokolade.

Pils & Riesling

Auf die Spitze getrieben hat diese Entwicklung zuletzt die Brauerei Puntigam/Reininghaus mit dem Reininghaus-Jahrgangspils. Für dieses Pils wird nur südsteirischer Hopfen eines einzigen Jahrgangs verwendet, sodass - ähnlich wie beim Wein - jeder Jahrgang seine besondere Note hat. Eine, gewiss originelle, Form, Bier als Edelprodukt zu positionieren. Und selbst wer, wie der Autor, die Unterschiede zwischen den Jahrgängen (noch) nicht herauszuschmecken imstande ist, wird feststellen: Es ist einfach ein ausgezeichnetes Bier.

Manche mögen solche Trends für bedenklich halten - als Entfernung von dem, was Bier "eigentlich" sein sollte. Wir hingegen glauben, dass beides seine Berechtigung hat: Man wird sich Experimenten nicht verschließen, prüfen, was Qualität bringt und was sich vielleicht nur als Marketinggag entpuppt; und man wird deswegen nicht weniger gern ein paar Krügerl Budweiser im "Schweizerhaus" genießen, die so mild und dunkel timbriert wie eh und je die Kehle hinunterrinnen.

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