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Exportierte Tradition

1945 1960 1980 2000 2020

Elfter Teil der Furche-Serie über Kaffeehäuser: "Die an der Südbahn". Auch in Graz, Gmunden und Klagenfurt lebt die Wiener Kaffeehauskultur.

1945 1960 1980 2000 2020

Elfter Teil der Furche-Serie über Kaffeehäuser: "Die an der Südbahn". Auch in Graz, Gmunden und Klagenfurt lebt die Wiener Kaffeehauskultur.

Cafe auweh!" übertitelte Wolfgang Kühnelt in der Zeitschrift "Graz derzeit" eine Exkursion durch die Kaffeehauslandschaft der steirischen Landeshauptstadt. Von den zweihundert Lokalen im Grazer Telefonbuch, die sich mit "Cafe" bezeichnen, bleiben nach der Zählung des ortskundigen Autors nur noch sechzehn über, die dem Anspruch, ein echtes Kaffeehaus zu sein, genügen. Dieses Phänomen tritt in ganz Österreich auf, im Verhältnis zu seiner Größe schneidet Graz sogar noch gut ab.

Eines der schönsten Grazer Kaffeehäuser ist das "Cafe Promenade". Zwar hat die Inneneinrichtung des Gartenpavillons, der 1835/36 von Franz Xaver Aichinger als Wachhaus für die Burgwache erbaut wurde, für puritanische Geschmäcker zu viel postmoderne Anklänge, die Lage am Burgring und die klassische, dorische Tempelfront entschädigen aber mehr als genug. Schon die Löwen am Eingang vermitteln imperiales Wohlgefühl, spielt noch die Sonne mit, steht einer lustvollen Beobachtung der vorbeipromenierenden Grazer nichts mehr im Wege. "Für mich ist das das schönste Kaffeehaus," schwärmt ein Gast mit Glatze, Brille, Handy und Hund. "Ich hätt' gern zwölf Kugeln Eis zum Mitnehmen," ordert er. "Natürlich, Herr Professor!", entpuppt sich der freundliche Ober mit Mascherl und blitzblauer Weste als stammgastgeeicht.

Er weiß auch sofort, für welch familiären Anhang das eisige Vergnügen gedacht ist. Kollegin Manuela Stroißnig eilt auf Anfrage stolz und diensteifrig mit einem eigens zusammengestellten Büchlein der Kaffeegeschichte herbei. In Klarsichthüllen gesteckte, kopierte Artikel, alte Ansichtskarten und ähnliches beweisen die Liebe der neuen Besitzer zur Historie. "Ich war ganz glücklich, als ich diese Karte gefunden habe," ist Robert Pichler (30) ganz stolz auf eine historische Postkarte, die in den vierziger Jahren von Graz nach Paris geschickt wurde und nun den liebevoll gesammelten Ordner um ein wertvolles Stück bereichert. Mit seinem Bruder Oswald(38) gemeinsam führt er seit Dezember 1996 das Lokal.

"Jetzt ist das ,Promenade' zum Glück etwas seriöser geworden. Das Ziel, ein Mediencafe in Graz einzuführen, ist zwar nicht gelungen, trotzdem ist es beliebter Ort für Pressekonferenzen", ist Wolfgang Kühnelt erleichtert, daß die "ausländerreine" Periode des Vorgängers Michael Milenkovics vorbei ist: "Das war eben ein Bauunternehmer, der war nicht aus der Branche und der Jugend gegenüber nicht sehr tolerant." Nachfolger Oswald Pichler hingegen ist ein Gastronom mit Herz und Seele: "Alle Wünsche und Beschwerden werden ernst genommen, wir sind viel offener." Das "Promenade" ist wieder ein Ort, an dem "von 20 bis 70, von den Leuten, die Zeit haben am Vormittag bis zum Nachmittagsplauscherl bei Kaffee und Kuchen und den Gästen, die nach 22 Uhr aus dem Schauspielhaus kommen" alle Platz haben. Sogar die ARGE gegen Gewalt und Rechtsextremismus und die ARGE Jugend haben ihren jour fixe im "Promenade".

Die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche, die Züricher Post, die Presse, die Kleine Zeitung, News, profil, Krone und Kurier gibt es zu lesen, genauso wie ein Plättchen Schokolade, das obligate Glas Wasser und zwei Rollen Zucker zum Lavazza Kaffee. "Wir haben zwischen fünfzehn und zwanzig Titel," kommt Oswald Pichler am Telefon gar nicht rasch genug zum Nachzählen der vielen Blätter. Frisch gepresste Gemüsesäfte, Alkoholika, eine volle Speisekarte, ein ausgewogenes Bierangebot und Kondome auf der Damentoilette komplettieren das umfassende Angebot, neun Angestellte - "viel zu viel, weil die sind teuer," wie der Chef sagt, kümmern sich von neun bis 24 Uhr um das Wohl der Gäste.

Züchtig und eher langweilig geht es im "Operncafe" zu. Hier sitzen vor allem die Grazer Ursulinenschülerinnen nach dem Nachmittagsunterricht, um zu tratschen. Ältere Herrschaften tun dasselbe, und der Teppichbelag schluckt jeden Schritt. Viele Spiegel und opulente Luster, die als Ansammlung vieler Röhren von der Decke hängen, schaffen eine eigenartige Atmosphäre. Trotzdem zählt das Cafe in Graz zu denen, die jeder kennt. Deswegen werden Wiener aus dem fernen Osten auch meist von Grazern dorthin geschickt.

Vor allem im Sommer ist das "Cafe Kaiserhof" zu empfehlen. Das Sitzen im Freien bietet auch hier den Ausblick auf viel wanderndes Volk, besonders zu empfehlen ist das Eis. Der stolze Preis von 12 Schilling pro Kugel zahlt sich aufgrund der gebotenen Qualität mit Sicherheit aus. Das Personal tritt gediegen in Schwarz mit rotem Mascherl auf, und im Inneren des schönen Eckhauses prangt würdevoll eine Büste des Kaiser Franz Joseph. Den Cappuccino gibt es mit ordentlich viel Schlag, auch das obligate Glas Wasser fehlt nicht. Die Sitznischen haben mit ihrer Anordnung im 45 Grad Winkel ein Faible für das Spitze, damit haben auch an den winzigsten Tischen noch sieben Personen locker Platz. Besonders eindrucksvoll ist die selbstreinigende Toilette, der Kampf gegen Ungeziefer wird hier wirklich ernst genommen. Auch an Patriotismus mangelt es nicht: der prominenteste Eisbecher um fast 90 Schilling ist nach dem Fußballklub GAK benannt, und likörhältig. Allzulange sollte man allerdings nicht sitzenbleiben, bis zum ersten Mai schließt das "Kaiserhof" um 19.30, im Sommer läßt sich bis 21 Uhr dem Eisgenuß frönen.

Die Kaffeehäuser an der Südbahnstrecke sind allgemein für den Sommer prädestiniert: auch das Cafe Rathaus in Gmunden besticht durch die Möglichkeit des Seeblicks unter freiem Himmel auf der Terasse. Allerdings ist hier das Interieur auch wirklich stilvoll. Seit 1880 gibt es dieses Traditionscafe an der Seepromenade, das Innere ist klassisch intellektuell. Runde, existentialistische Lampen hängen von der Decke, hinter den halbkreisbogenförmig abgeschlossenen Fenstern öffnen sich Sitznischen, die Bankbezüge bestechen durch einen klassisch textilen Blumenbezug in gedeckten rotbraunen Tönen. Liebevoll ausgesuchte Bilder an der Wand mit Motiven von Marilyn Monroe und Humphrey Bogart zielen auf ein jüngeres Publikum, das auch gerne an der geschwungenen Bar lehnt und lässig in die Runde blickt. Ein Spielautomat, dezent im Raum vor der Toilette aufgestellt, bildet den Anziehungspunkt im Hintergrund für all jene, denen es nicht reicht, zeitungslesend auf den See zu blicken.

In Klagenfurt, der südlichsten aller österreichischen Landeshauptstädte, gibt es ein Cafe, das die Wiener Kaffeehaustradition förmlich nach Kärnten exportiert hat. "Wir haben eine typische Wiener Atmosphäre, Sie müssen das einfach gesehen haben", schwärmt Geschäftsführer Hans Kowatsch vom ersten Kaffeehaus am Platz. Immerhin heißt es "Musil", doch der intellektuelle Anspruch, den der Name weckt, ist hier kulinarisch umzudeuten. Der Name hat nichts mit dem Autor des "Mannes ohne Eigenschaften" zu tun. "Der Urgroßvater des heutigen Chefs, der Bartholomäus Musil, war Koch beim Kaiser Franz Joseph," erzählt Hans Kowatsch, "der ist nach Klagenfurt gezogen, und hat hier die erste Wiener Konditorei aufgemacht." Die gehorcht bis heute obersten Ansprüchen. "Bei uns gibt's keine Mehlspeise, die es erlebt, daß es am Tag zweimal zwölfe läutet," garantiert Kowatsch absolute Frische. Alles, was älter als vierundzwanzig Stunden ist, wird um 50 Prozent verkauft.

Außerdem gibt es natürlich vom Verlängerten über den Cappuccino alles, was sich der Kaffeeexperte wünscht. Sogar einen "Diplomatenkaffee" mit Eierlikör kann man neben dem "Fiaker" und dem "Pharisäer" bestellen. Weil der Andrang so groß ist, hat der "Musil" vor kurzem erweitert. Das über vierhundert Jahre alte Gebäude, das seit fünfundvierzig Jahren ein Kaffeehaus ist, wurde aufgestockt. Im ovalen Innenhof, in dem früher einmal Pferde untergestellt waren, wird heute Kaffee getrunken. "Bei uns gedeihen die Blumen innen wie nirgendwo sonst, die brauchen eben Rauch und Alkohol!", schwärmt Kowatsch. Wiener mit Heimweh sollten wissen, wo sie in Klagenfurt ein Stück Wien finden können: zwischen der Blumenpracht des "Musil."

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