Der Abschied vom Leitbild

Die viel diskutierte Krise des Mannes hat weitreichende Wurzeln: Die FURCHE sprach mit August Ruhs über mehr als 100 Jahre Patriarchatsverfall.

Die Furche: Haben es heranwachsende Männer heute schwerer als je zuvor, sich in eine männliche Rolle hinein zu entwickeln?

August Ruhs: Die Probleme gelten für beide Geschlechter, da in beiden Fällen die Rollenbilder nicht mehr fixiert sind. Nur die Männer sind das nicht so gewohnt, denn sie haben die längste Zeit eine relativ stabile Identität gehabt - auch als Leitbild für den Menschen generell, wenn man bedenkt, dass "Mann“ und "Mensch“ in manchen Sprachen das gleiche Wort ist. Auf einmal wird dieses Leitbild nun in Frage gestellt.

Die Furche: Die Begründung der Psychoanalyse erfolgte noch in einer stark patriarchal geprägten Gesellschaft. Was ist da passiert?

Ruhs: Der männliche Herrschaftsanspruch über die Frauen führte zu einer stillen Revolte von Frauen gegen ihre Unterdrückung. Das hat sich in der Literatur genau so wie in der Medizin niedergeschlagen, insbesondere in Form des "Frauenleidens“ Hysterie. Freud hat geahnt, dass sich hier eine soziale Aufbruchsbewegung verbirgt. Eine ähnliche Funktion wie die damalige Hysterie hat heutzutage das Burnout-Syndrom, das auch als eine Art Streik oder Revolte gesehen werden kann. Burnout äußert sich zwar als Krankheit, in Wirklichkeit ist es aber eine Form von zum Teil unbewusstem Protest gegen unerträgliche Arbeitsbedingungen. Ähnlich kann man die Hysterie gegen Ende des 19. Jahrhunderts bewerten, wo Frauen durch seltsame Symptome versuchten, über die Medizin die ganze Gesellschaft zu erschüttern. Freud hat sich bereits sehr früh die Frage gestellt: Was will "das Weib“? und die Frau als dunklen Kontinent betrachtet.

Die Furche: Wie ist das Verhältnis der männlich geprägten Psycho-analyse zu den Frauen?

Ruhs: Freud hat sich gefragt, was das hysterische Subjekt mit diesem unverständlichen Verhalten zum Ausdruck bringen möchte. Die Aufforderung einer seiner Patientinnen, ihr "Hören Sie mir zu!“ war diesbezüglich hilfreich. Das war, anekdotisch gesagt, die Geburtsstunde der Psychoanalyse. Freud hat gemerkt, dass hinter den hysterischen Anfällen ein Begehren nach Anerkennung, nach Gleichberechtigung steckte. In der Wissenschaft war Freud wohl einer der ersten "Frauenversteher“ im 20. Jahrhundert. In der Literatur gab es ja schon zuvor männliche Autoren großer Frauenromane, die die Frauen sicherlich besser verstanden haben als die Ärzte oder Psychologen ihrer Zeit.

Die Furche: Was bedeutet der Niedergang des Patriarchats für heutige Männer?

Ruhs: Männer werden mit jeder weiblichen Emanzipationsbewegung auch entwertet, das heißt der Mann fühlt sich nicht mehr so selbstsicher wie früher. In der Gesellschaft kommt es zur Forcierung des Geschlechterkampfes. Männer und Frauen treffen heute in einer Konkurrenzsituation aufeinander, und das wirkt sich sowohl im beruflichen als auch im familiären Bereich negativ aus: Beide Geschlechter wollen beide Elternrollen gleichzeitig übernehmen. Männer gehen beruflich in neue Domänen und werden Kindergärtner oder Krankenpfleger - Berufsfelder, die ursprünglich weiblich dominiert waren. Und auch die Frauen haben heute Berufe, die früher nur Männern zugänglich waren, und erobern jüngst sogar sportliche Domänen wie Schifliegen oder Eishockey. Zudem tauchen pathologische Entwicklungen wie die Magersucht, die früher praktisch nur bei Frauen vorkam, nunmehr auch schon bei Männern auf.

Die Furche: Welche Probleme sehen Sie, damit einhergehend, als Psychotherapeut?

Ruhs: Durch die Konkurrenz der Geschlechter wird Liebe oft pervertiert oder sie kommt unter die Räder. Heute ist ein Niedergang der "romantischen Liebe“ zugunsten einer eher durch Feindseligkeit bestimmten Partnerschaft zu beobachten. Es gibt zunehmend mehr "Quäl-Gemeinschaften“, die jahrzehntelang miteinander streiten. Wenn Kinder in solchen Beziehungen aufwachsen, kann es zu Identitätsproblemen in Bezug auf die Geschlechtsrolle kommen. Auch narzisstische Störungen und Borderline-Störungen, bei welchen das eigene Selbst und der Andere stark polarisiert erlebt werden - also nur gut oder nur schlecht, alles oder nichts -, sind bezeichnend für gesellschaftliche Tendenzen. Hinzu kommt, dass eine Geschlechtsumwandlung medizinisch machbar geworden ist. Das führt bei Eltern eventuell dazu, dass sie die Geschlechter ihrer Kinder manipulieren wollen. Es gibt schon Versuche, dass Eltern den Kindern Hormone verabreichen lassen, um sie auf eine Geschlechtsumwandlung vorzubereiten. Das ist eine höchst bedenkliche Entwicklung, denn die Manipulation des Geschlechts kann zu schwersten Störungen der Identität und des seelischen Gleichgewichts führen.

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