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"Jedem sein Ödipus"

Der Wiener Psychoanalytiker August Ruhs über Freuds Vater, den Unterschied zwischen Familienaufstellung und Psychodrama, die Aktualität des Ödipus-Komplexes und die Fallstricke in Patchworkfamilien.

Die Furche: Herr Professor Ruhs, was wäre herausgekommen, wenn Sigmund Freud eine Familienaufstellung gemacht hätte?

August Ruhs: Wenn er sich auf eine solche Methode eingelassen hätte, dann wäre er wahrscheinlich auf biographische Daten gestoßen, die auch in seiner sogenannten Selbstanalyse zum Vorschein gekommen sind - auf eine Familie, wo es vielleicht einige Geheimnisse um den Vater gibt. Als Freud ein ganz kleines Kind war, ist die Familie ziemlich schnell von Freiberg in Mähren weggezogen. Man munkelt, dass der Vater ein Schwerenöter gewesen sei und eine außereheliche Beziehung begonnen habe, aus der eine Schwangerschaft entstanden sein soll - und dass sich diese junge Frau umgebracht habe. Das ist völlig unbewiesen, aber Indizien sprechen dafür, dass Freud sich an einem Vaterbild abgearbeitet hat, das mit Schuld verbunden war, und dass er seine Neigung zum Don-Juanismus in ein Hobby des Sammelns übergeführt hat - ob das Statuen oder andere Gegenstände waren. Die Neigung selbst wurde verdrängt und sublimiert, denn Freud war alles andere als ein Frauenheld, er war ein treuer Familienvater und Ehemann. Aber die einzige Oper, die er mochte, war doch der "Don Giovanni".

Die Furche: Was hätte Freud von der Methode der Familienaufstellung an sich gehalten?

Ruhs: Diese agierenden Verfahren waren ihm eher fremd. Er hat ja bereits die Hypnose überwunden und ist auf die partizipative Psychotherapie der Psychoanalyse gekommen, wo Patient und Therapeut mehr oder weniger gleichrangig an der Erforschung von Rätseln und Geheimnissen beteiligt sind. Freud hat gesagt: Der Patient weiß alles, er weiß nur nicht, dass er alles weiß, denn der größte Teil ist unbewusst. Bei den Familienaufstellungen scheint es mir umgekehrt zu sein: Der Patient weiß nichts, aber der Therapeut weiß sein Unbewusstes. Da war Freud viel bescheidener.

Die Furche: Sie selbst arbeiten auch mit Psychodrama, einer gruppenpsychotherapeutischen Methode, die von Jakob Levy Moreno entwickelt wurde und aus der Bert Hellinger Anleihen für die Familienaufstellung genommen hat. Worin unterscheiden sich diese beiden Methoden?

Ruhs: Im Psychodrama wird eine "Hier und Jetzt"-Situation im Sinne einer ganz bestimmten konflikthaften Beziehungsstruktur - zwischen einem Menschen und dem Therapeuten bzw. den Gruppenmitgliedern - auf ein früheres Ereignis zurückgeführt und gefragt: Wie ist das entstanden? Warum kann der mit dem so schlecht in der Gruppe umgehen? Warum nehme ich diese Position in der Gruppe ein? Bin ich besonders eifersüchtig? Dann wird eine Urszene gesucht, die sich auf dieses Ereignis zurückführen lässt. Das geschieht mit relativ wenig Suggestion und sehr viel Besprechung dessen, was man erlebt. Bei der Familienaufstellung fehlt oft dieses Moment des Durcharbeitens: Die Leute machen ein Wochenende, haben irrsinnig viel Material vor sich, aber nicht die Möglichkeit, es zu verdauen. Auch der Suggestionseffekt durch den Therapeuten ist wesentlich höher.

Die Furche: Ob Psychodrama, oder Familienaufstellung: Die eigene Kindheit spielt eine tragende Rolle. Wie groß ist Ihrer Ansicht nach der Einfluss der Herkunftsfamilie auf unser psychisches So-Sein - und inwiefern sind wir autonom?

Ruhs: Das lässt sich nicht einheitlich sagen und hängt auch vom Familientyp ab. In der analytischen Familientherapie, die in den 1970er Jahren en vogue war, hat man mehrere Familien-Typen unterschieden: den hysterischen Typ "Theater", den paranoischen Typ "Festung", den depressiven Typ "Sanatorium". Das sind zum Teil pathologisch wirksame Familienkonstellationen, bei denen die Zugehörigkeit zur Familie und die "soziale Vererbung" verschieden sind. Oder wenn man an eine aristokratische Familie denkt, so wird sie größten Wert auf Weitergabe der familiären Traditionen legen, während eine kleinbürgerliche Aufsteigerfamilie gerade größten Wert auf die Überwindung der Traditionen legt. Oder wenn in einer Familienkonstellation das Kind immer in einer kindlichen Position gehalten wird, dann hat diese Familie natürlich wesentlich höheren Anteil an der Persönlichkeits- und Charakterbildung als dort, wo die Familienbande nicht so pathologisch und intensiv sind. Kurzum: Die Psychoanalyse und Psychotherapie ist im Gegensatz zur Philosophie nicht die Wissenschaft vom Allgemeinen, sondern vom Besonderen: Jeder Mensch ist einzigartig.

Die Furche: Um bei der Psychoanalyse zu bleiben: Inwiefern hat sich der Blickwinkel auf das System Familie seit Freud verändert?

Ruhs: Wenn man genau nachliest, ist bei Freud in Andeutungen und Fußnoten fast alles gesagt, was wir heute an wesentlichen Erkenntnissen haben. Freud hat im Grunde über die Illustration der zwei wichtigsten Mythen - Narziss-Mythos und Ödipus-Mythos - die spezifische Entwicklung des Menschen beschrieben, die darin beruht, dass er unfertig auf die Welt kommt und auf einen anderen angewiesen ist, dessen Liebe er benötigt. Dann hat Freud erkannt, dass die wesentlichen innerpsychischen Beziehungen bzw. die Entwicklungsbedingungen zum Teil über Generationen hinweg wirksam sind. Das hat er aber nur erahnt. Erst nach ihm hat man das festgelegt. Kennzeichnend dafür ist, dass Freud in seinem Ödipus-Komplex auf die Ödipus-Fassung von Sophokles zurückgegriffen hat, die unvermittelt damit anfängt, dass ein kleiner Bub ausgesetzt wird, weil auf ihm ein Fluch lastet, dass er den Vater erschlagen und die Mutter heiraten wird. Nachfolgende Generationen haben dann unter Heranziehung der längeren Ödipus-Versionen bei Aischylos und bei Euripides gemerkt, dass die Sache eine Vorgeschichte hat. Laios, Vater von Ödipus, war ein Waisenkind, das auf den Königshof von Theben aufgenommen wurde und den Sohn des Königs zur Homosexualität verführt hat, worauf sich dieser das Leben genommen hat. Daraufhin ist Laios vom Hof verstoßen worden, und die Götter haben Laios mit dem Fluch belegt, dass er keine Kinder bekommen dürfe. Es liegt also eine Schuld aus einer anderen Generation auf Ödipus, die weitergetragen wird.

Die Furche: Eine klassische "Verstrickung", wie Bert Hellinger sagen würde …

Ruhs: Freud hat das so nicht gesehen. Aber sehr wohl hat er die Bedeutung des Mitmenschen und einer Gruppe - und damit auch der Familie - in "Massenpsychologie und Ich-Analyse" von 1921 erkannt, wo er gesagt hat, dass der "Mensch sich am Nebenmenschen aufrichtet". Deshalb sei beim Menschen Individualpsychologie und Sozialpsychologie von Anfang an ein- und dasselbe.

Die Furche: Wie aktuell ist die Freud'sche Vorstellung vom Ödipus-Komplex noch für heutige Familien-Systeme, in denen etwa Väter oft eine viel innigere Beziehung zu ihren Kindern haben?

Ruhs: Natürlich kann die Liebe eines Vaters genauso groß sein wie die Liebe einer Mutter, aber sie ist qualitativ anders, weil es eine ursprüngliche biologische Einheit zwischen der Mutter und dem Kind gegeben hat, die eine Vater-Kind-Beziehung nie hat. Aber natürlich kann ich als Vater mit dem Kind eine psychosoziale Einheit bilden, die aussieht wie eine Mutter-Kind-Dyade. Und wenn dann etwa eine Stiefmutter dazukommt, dann hat man einen inversen Ödipus-Komplex: Die neue Mutter ist dann die Rivalin. Und trotzdem kann es - wie in allen Patchworkfamilien - zu einer völlig normalen Entwicklung kommen, wenn jeder seinen basalen Ödipus-Komplex durchgemacht hat.

Die Furche: Was heißt das?

Ruhs: Das heißt nichts anderes als dass ich lerne, auf ein ursprüngliches Liebes-Objekt zu verzichten, das Inzest-Verbot anzuerkennen, ein Substitut zu suchen und ein Begehren zu entwickeln. Wenn ich diese Frustration ertrage und diese Kastration akzeptiere, dann ist das gleichbedeutend mit dem Begriff der Normalität.

Die Furche: Was bedeutet das konkret für eine Patchworkfamilie?

Ruhs: Es ist wichtig, dass nicht irgendwelche Konkurrenzen um die Mutter- oder Vaterschaft auftreten oder überhaupt eine Umkehrung geschieht, sodass es zu einer Parentalisierung der Kinder kommt: Vor lauter Angst, die Kinder könnten Schaden erleiden, werden sie dann zu heimlichen Autoritäten der Familie und später zu autoritären Personen. Man raubt ihnen damit die Kindheit! Am wichtigsten ist es, dass die leiblichen Eltern einander nicht abwerten, denn dann entstehen die größten Probleme für die Identität des Kindes: Wenn die Mutter den Vater entwertet, dann nimmt sie dem Buben ein Identifikationsobjekt weg und dem Mädchen vergiftet sie ein mögliches Liebesobjekt. Und umgekehrt wenn der Vater die Mutter entwertet, dann nimmt er dem Mädchen ein Identifizierungsobjekt und dem Buben ein mögliches Liebesobjekt.

Die Furche: Die französische Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco hat in ihrem Buch "La famille en désordre", das im März in deutscher Übersetzung erscheint ("Die Familie ist tot - Es lebe die Familie!", Verlag Klett-Cotta), ein Revival der Familie konstatiert. Sie schreibt, dass allein die Familie in unserer dekonstruierten Welt den Hort biete, der dem Einzelnen größtmögliche persönliche Entwicklungsmöglichkeit gewährleiste …

Ruhs: Roudinesco erkennt eine gewisse Neigung dazu, dass die Welt unter den gegenwärtigen Bedingungen des Neoliberalismus und des unbegrenzten Wachstums aus den Fugen gerät. Sie sieht darin eine Dekadenz und versucht etwas zu retten, was mehr Stabilität gewähren könnte. Hierher gehört natürlich auch die Rettung der Familie. Man muss sich aber überlegen, wie das mit den gleichzeitig bestehenden Neigungen zusammenpasst, die Familie in ihrer engen Definition auseinanderzureißen und den Ehebegriff für alle stabilen, zwischenmenschlichen Beziehungen zu erweitern. Das sind Auseinandersetzungen, von denen wir noch nicht wissen, wohin sie uns führen.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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