Mit sozialem Rucksack belastet

Analphabetismus ist nicht ausschließlich ein Problem von Entwicklungsländern. Von den 862 Millionen Betroffenen leben Schätzungen zufolge 45 bis 90 Millionen in der EU. In Österreich sollen es über 300.000 sein.

Eine vergessene Brille verhindert das Ausfüllen des Formulars, Krankenstände oder sogar absichtlich gebrochene Handgelenke die Teilnahme an einer Prüfung; wenn diese nicht umgangen werden kann, werden auch lange Texte auswendig gelernt: Aus der ständigen Angst "entdeckt" zu werden, entwickeln Menschen, die nicht über ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse verfügen - "Funktioneller Analphabetismus" (siehe Kasten) lautet der Fachausdruck für dieses Phänomen - die unterschiedlichsten Kompensationsstrategien. Die Angst ist nicht ganz unbegründet: Das Thema ist nach wie vor tabu, Betroffene sind stigmatisiert.

Gesellschaftliches Tabu

Analphabetismus wird gerne als Problem abgetan, das nur die Entwicklungsländer betrifft und in den westlichen Industrienationen höchstens in Verbindung mit Migranten anzutreffen ist. Weit gefehlt: Das Europäische Parlament geht von 10 bis 20 Prozent Betroffenen der eu-Gesamtbevölkerung aus: Somit würden 45 bis 90 Millionen der weltweit 862 Millionen Analphabeten in der eu leben. Für Österreich, wo vor allem die Gruppe der funktionellen Analphabeten ein Problem darstellt, würde dies bedeuten, dass die letzte Schätzung der unesco aus dem Jahr 1990 von 300.000 funktionalen Analphabeten noch als optimistisch zu bezeichnen ist. Abgesicherte Zahlen gibt es allerdings kaum. Die Österreichische unesco-Kommission (öuk) fordere seit langem die Durchführung einer Studie, denn nur so könne man die tatsächliche Tragweite des Problems vor Augen führen, heißt es in einer Aussendung.

Zahlreiche Faktoren

Die Ergebnisse der Pisa-Studien konnten die Schätzungen für die 15- bis 16-jährigen Schüler allerdings bestätigen. 2000 erreichten im Bereich Lesekompetenz 14 Prozent der getesteten Schüler nur die unterste Stufe. 2004 waren es sogar 20 Prozent. Diese Jugendlichen bezeichnet Peter Webhofer von ibap (wobei i für isop - Innovative Sozialprojekte - und bap für Basisbildungsprogramme steht) als "Paradekandidaten": "Sie brauchen Lesen und Schreiben gar nicht erst zu verlernen, sie können es bei Schulabgang nicht ausreichend, um sich selbstständig lesend Wissen zu erwerben."

Auf den ersten Blick fällt es schwer zu verstehen, wie ein neunjähriges Pflichtschulsystem bei so vielen Schülern sein Bildungsziel verfehlt. Verschiedene Faktoren spielen zusammen und machen monokausale Schuldzuweisungen unmöglich: "Die Betroffenen sind schon als Kinder mit einem großen sozialen Rucksack belastet", so Webhofer. Die außerschulischen Ungleichheiten bedingt durch die soziale Stellung der Eltern, durch Arbeitslosigkeit, ökonomische aber auch pädagogische Armut - die Erfahrung von Schrift als Kommunikationsmittel fehlt häufig im familiären Alltag - werden in vielen Fällen von der Schule nicht ausgeglichen sondern, im Gegenteil, noch verstärkt.

Nötige Maßnahmen

Um dem Problem beizukommen ist somit auch ein Bündel an Maßnahmen von Nöten: Webhofer sieht im Schulbereich vor allem den Bedarf an mehr menschlichen Ressourcen und kleineren Klassen, damit die individuelle Förderung gewährleistet werden kann. Aber auch der Ausbau an Angeboten für Erwachsene ist unabdingbar. Die derzeit in Österreich agierenden Alphabetisierungsinitiativen erreichen nur einen Bruchteil der betroffenen Personen.

Diese begegnen auf Grund ihrer Basisbildungsdefizite extremen Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags. Die Anforderungen der Gesellschaft an das Individuum sind in den vergangenen zehn Jahren enorm gestiegen: Saß früher zum Beispiel in jedem kleinen Bahnhof noch ein Fahrkartenverkäufer, gibt es heute häufig nur noch Automaten, die eigenhändig bedient werden müssen und relativ gute Lesekenntnisse erfordern.

Sozialer Rückzug

Auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es selbst auf Hilfsarbeiterniveau kaum noch Tätigkeiten, die keinerlei Lese-, Schreib- oder ein Mindestmaß an Computerkenntnissen erfordern. In Bereichen wie beispielsweise dem Lager wird mittlerweile mit computergestützten Verwaltungsprogrammen gearbeitet.

Bei vielen Kursteilnehmern hat Peter Webhofer außerdem beobachten können, dass Defizite in der Grundbildung häufig auch zu einem Rückzug aus dem gesellschaftspolitischen Leben sowie zu einem geringen Selbstbewusstsein führen.

Funktionale Ansätze der Alphabetisierung, deren Motivation es ist, wirtschaftshemmende Faktoren zu minimieren, scheinen darum zu kurz zu greifen. Die Grundbildung ist auch eine nötige Voraussetzung für die soziale und politische Partizipation.

Das Thema Analphabetismus dringt nur langsam ins öffentliche Bewusstsein vor. Ein Thema, das so tabuisiert sei, brauche eben auch seine Zeit, um salonfähig zu werden, meint Webhofer. "Es ist aber vor allem auch eine Frage des Geldes, wie gut Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden kann: Mit den 3000 Euro, die uns zur Verfügung stehen, gehen sich gerade ein Plakat, ein paar Free-Cards und Veranstaltungen im Jahr aus."

info:

www.alphabetisierung.at

Analphabetismus

Unterschieden wird zwischen primärem und sekundärem Analphabetismus. Primärer Analphabetismus liegt vor, wenn eine Person keinerlei Schreibkenntnisse erworben hat. Von sekundärem Analphabetismus spricht man hingegen dann, wenn nach einem mehr oder minder erfolgreichen Schulbesuch die erworbenen Schreib- und Lesekenntnisse wieder verloren gehen. Mit dem Ausdruck "funktionaler Analphabetismus" soll das Phänomen beschrieben werden, dass eine Person zwar durchaus über schriftsprachliche Kenntnisse verfügen kann, diese aber nicht ausreichen, um den Anforderungen der jeweiligen Gesellschaft zu entsprechen. Diese Anforderungen können im Lauf der Zeit stark variieren. Funktionaler Analphabetismus ist kein eindeutig abgrenzbares Phänomen, da die Betroffenen in den verschiedenen Teilbereichen unterschiedlich literalisiert sein können. VerT

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