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Das Leben der Anderen

covid 19 gebärdensprache - © Illustration: Rainer Messerklinger
Gesellschaft

Virale Barrieren

1945 1960 1980 2000 2020

Wie geht es jenen, die schon vor Corona am Rand von Gesellschaft und Arbeitsmarkt standen? Was ist mit denen, die auch fernab der Pandemie mit Einschränkungen kämpfen? Über die Rolle von Menschen mit Behinderungen bei politischen Entscheidungen.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie geht es jenen, die schon vor Corona am Rand von Gesellschaft und Arbeitsmarkt standen? Was ist mit denen, die auch fernab der Pandemie mit Einschränkungen kämpfen? Über die Rolle von Menschen mit Behinderungen bei politischen Entscheidungen.

Etwa 1,4 Millionen Österreicherinnen und Österreicher leben mit einer körperlichen, kognitiven oder Sinnesbehinderung – das ist jeder sechste. Einer von ihnen ist Daniele Marano. Wegen eines angeborenen grauen Stars ist er von Geburt an hochgradig sehbehindert. Seine Sehfähigkeit liegt bei zehn Prozent. Die Coronakrise macht das Leben mit seiner Behinderung nicht einfacher. Aktuell macht ihm die Registrierungspflicht in der Gastronomie, die der Nachverfolgbarkeit von Corona-Infektionen dient, zu schaffen. In seiner Mittagspause, die er am liebsten im Restaurant verbringt, steht er dadurch vor einer weiteren Hürde. „Die Leute glauben, jeder könne diese kleinbedruckten Zettel lesen“, sagt Marano. „Ich kann es aber nicht.“

Beim Ausfüllen der Registrierungsformulare ist er daher auf fremde Hilfe angewiesen. Ein tiefer Eingriff in die Selbstbestimmtheit des 55-Jährigen. Und nicht nur in seine: 318.000 Menschen leben in Österreich mit permanenten Sehleiden, viele davon sind hochgradig sehbehindert oder vollständig erblindet. Der Alltag dieser Bevölkerungsgruppe steht seit Monaten Kopf. „Vor allem die Einführung des Mindestabstands hat zu Verunsicherungen geführt“, erklärt Helga Bachleitner von der „Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs“. Die Interessenvertreter der vulnerablen Gruppe mussten zunächst einmal wochenlang insistieren, damit sehbehinderte Personen von den Abstandsregeln ausgenommen wurden. „Dabei ist es selbstredend, dass diese Menschen keinen Mindestabstand einhalten können“, sagt Bachleitner. „Sie erkennen ihre Umgebung schwer oder gar nicht. Viele sind auf eine Begleitperson angewiesen, die sie über die Berührung von Arm oder Schulter anleitet.“

Abstandhalten ist für Blinde schwierig

Warum wurden Menschen mit Sehbehinderungen bei den Abstandsregeln nicht von Anfang an berücksichtigt? Auf Nachfrage der FURCHE heißt es vom Sozialministerium: „Viele Maßnahmen mussten auch mit den Ländern koordiniert werden, die für große Bereiche der Behindertenpolitik verfassungsgemäß zuständig sind.“ Aus Gründen wie diesen seien vor allem in der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie Verzögerungen entstanden. Neben Registrierungspflicht und Mindestabstand ist auch die Maskenpflicht eine Barriere für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen. Der Mund-Nasen-Schutz schränkt nicht nur das Gesichtsfeld ein, sondern mindert auch den Geruchssinn.


„Die Obstabteilung im Supermarkt, die Bäckerei, die vorbeifahrende Straßenbahn – all das erkennen viele von uns am Geruch oder der Art, wie der Wind das Gesicht streift“, so Marano. „Die Maske dämpft diese Sinneseindrücke.“ Auch für Gehörlose und Gebärdensprachdolmetscher bringt das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes Schwierigkeiten mit sich. So setzt die Gebärdensprache neben Gestik stark auf Mimik und Mundbild. „Durch die Maske geht ein großer Teil des Inhalts verloren“, erklärt Monika Mück-Egg. Die Verbandsleiterin des „Gehörlosenverbands Tirol“ ist – wie schätzungsweise 10.000 Menschen in Österreich – selbst von Gehörlosigkeit betroffen. Auch wenn sie die Maskenpflicht im Supermarkt und in den öffentlichen Verkehrsmitteln für richtig und notwendig hält, will sie aufzeigen, dass es sich um Settings handelt, die Gehörlose ausgrenzen. Mehr denn je seien Betroffene innerhalb der Pandemie auf das Verständnis ihrer Mitmenschen angewiesen.

Mück-Egg weiß von unterschiedlichen Erfahrungen zu berichten. Bei Verständigungsproblemen sind die meisten Menschen bereit, ihre Maske abzunehmen, um das Lippenlesen zu ermöglichen. Ausgerechnet beim Arzt oder im Krankenhaus stoße diese Bereitschaft jedoch oft an ihre Grenzen. „Ich kenne Gehörlose, die Spitalsmitarbeiter darum baten, die Maske abzusetzen, weil sie nicht lesen konnten, was sie sagten. Die sind richtig wütend geworden, haben die Bitte verweigert. Für solche Situationen bräuchte es eine Befreiung von der Maskenpflicht oder ein Visier.“