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Besinnung in der Corona Krise - © Foto: ROBIN WORRALL / Unsplash
Lebenskunst

Besinnung: Vom Umgang mit der Coronakrise

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Wie man mit Furcht umgeht und sie konstruktiv transformiert: eine Anleitung in fünf Schritten.

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Wie man mit Furcht umgeht und sie konstruktiv transformiert: eine Anleitung in fünf Schritten.

Noch nie, scheint es, wirkten innere und äußere Erschütterung in ihrer digitalen Globalität so gleichzeitig und -räumig wie hier und jetzt. Die uns Sekunde um Sekunde medial erreichenden Nachrichten, lassen uns – im Zwangsblick auf das Smartphone – manchmal erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange. So wandelt sich die Weite der Außenwelt in Windeseile zur Enge der Innenwelt. Enge und Angst sind vom Wortstamm her verwandt, und „Angst vor der Angst“ nennen wir Panik. Sie beherrscht uns, wenn der Kontrollverlust, mit dem man – auf Reflexion sind „User“ nämlich selten geprägt – automatisch konfrontiert ist, nicht mehr partiell bleibt, sondern total wird! Wie agieren und
reagieren wir am besten möglichst gelassen?

Soziale Medien: "Community" ohne Gemeinschaft

Gerade wenn es um „Attacken“ geht: Der Versuchung, virtuell so-fort und so-gleich [sic] zu erwidern, wird häufig nicht widerstanden. Das gilt umso mehr, wenn der Inhalt (Content) einer Nachricht (Message) ein gravierendes Problem mitteilt, worüber man im Affekt der Panik, ohne lang zu denken, lieber ein rasches Urteil fällt: „like“ oder „dislike“. Damit wird man es nicht nur rasch los. Vielmehr täuscht die Weiterleitung an eine „Community“ ohne Gemeinschaft vor, man beherrsche die Angelegenheit. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Kontrollverlust wird nicht kleiner, sondern größer, und die virale Pandemie breitet sich physisch wie psychisch aus: existenzanalytisch betrachtet, mit dem Fall unseres Selbst in ein Nichts des Web, das kein Netz mehr ist. Denn es verliert seine wichtigsten Funktionen: zu binden und zu halten. Besser als eine vordergründige Flucht vor der Furcht ist es, sich ihr mit Bedacht zu nähern und damit die hintergründige Angst zu stellen, um schließlich deren panischen Kreislauf zu durchbrechen.
Dazu gibt es mehrere Varianten, deren fünf vorgestellt werden:

Erstens braucht es ein Wissen, worum es sich dreht. Die Psycho- und Logotherapie nennt einen solchen Vorgang Psycho- bzw. Logoedukation, und allein sie sichert bereits einen ersten Bund und Halt gegen den Absturz in einen Abgrund. Wichtig dabei sind Be-griffe [sic] im Wortsinn quasi als „Geländer“, die uns unsere Stimmungen zu unterscheiden helfen. Theoretisch: ungehemmte Panik von gehemmter Angst und unbestimmte Angst von bestimmter Furcht. Benennen wir unsere Sorge genau und tauschen wir uns dazu mit unseren Nächsten aus. Damit ordnen wir uns ein und richten uns auf. Am aktuellen Beispiel der „Corona-Krise“ unterstützt uns ein seriös vermitteltes (Basis- und Zusatz-)Wissen über das Virus dabei, Panik abzuwehren und Angst so zu kanalisieren, dass eine bleibende Furcht einigermaßen berechenbar wird. Sorge wird so zu Vor- und Fürsorge für mich und meine Umwelt.

Zweitens: So ausgestattet, gehen wir im Alltag daran, die äußerlich gebotenen Präventionsmaßnahmen etwa von physischer Distanz (Physiohygiene) einzuhalten und uns innerlich nicht zuletzt einen psychologischen Dreiklang (Psycho- und Logohygiene) als bindende und tragende Werte zu bewahren: Vertrauen, Zuneigung und Zuversicht – oder anders: glauben, lieben und hoffen.

Hilfe im Haus, Applaus vom Balkon

Mit der Modulation unserer Ein- und Aufstellung erreichen wir drittens eine weitere Etappe: Damit aus den gegenwärtig einschneidenden Erfahrungen kein nachhaltiges Trauma wird, können wir uns schon hier und jetzt die Frage stellen, ob wir – kollektiv und individuell – es zulassen, dass die Krise tatsächlich die einzige Norm bleibt, die unser Leben regeln soll. Wollen wir das? Gefragt ist ein Willensakt (Intention)! Dass Krise nicht nur Risiko, sondern auch Chance bedeutet, wissen wir. Was fällt uns dabei spontan ein: Änderung von Melodie und Rhythmus im Leben; Entschleunigung statt Beschleunigung; Begrenzung des quantitativen und Entgrenzung des qualitativen Wachstums; Auflösung der räumlichen und zeitlichen Trennung von Beruflichem und Familiärem; aber auch: Hilfe im Haus und auf der Gasse; Applaus vom Balkon; Zwitschern der Vögel im Hof; Läuten der Kirchenglocken u. v. a. m.

Dabei handelt es sich viertens um Anforderungen an unsere Struktur, die von Mensch zu Mensch, von Familie zu Familie, von Beruf zu Beruf usw. den anderen Gegebenheiten anzupassen notwendiger ist denn je. Gerade bei Teleworking bzw. Homeoffice: Treiben wir nicht uferlos von der einen zur anderen Aufgabe, sondern teilen wir unsere neue Zeit und unseren neuen Raum wohl ein und machen wir Pausen für uns selbst. Sowie: Bewegen wir uns im Bereich des Erlaubten, um Depressionen vorzubeugen.

Konzentrieren wir uns schließlich fünftens auf einen Vorgang, den die Höhenpsychologie (im Gegensatz zur Tiefenpsychologie Sigmund Freuds) „Selbsttranszendenz“ nennt: Dabei blicken wir so auf die Situation, als wäre unsere Position nicht dies-, sondern jenseits des Szenarios. Viktor Frankl sagt als Schlüssel dazu: „Im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst. Je mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner, umso mehr ist er Mensch, umso mehr wird er er selbst.“ Von oben betrachtet: Welche Aufgaben sind das für Sie? Welche Menschen sind das für Sie? Wie verbinden Sie das eine und das andere? Gerade eine Krise von heute gibt uns Gelegenheit für morgen, uns solche Fragen zu stellen. Oder besser: uns solchen Fragen zu stellen, die, indem sie unser Innerstes berühren, darauf verweisen, was die Höhenpsychologie „Sinn“ nennt.

Das Coronavirus wird, entgegen seinem Namen, nicht die „Krönung“ der Schöpfung sein. Das ist der Mensch in seinem Entwurf im Dasein selbst. Viele Spuren, die wir im Wortsinn gegen-wärtig setzen, sind zukunfts-trächtig.

Der Autor ist Psycho- und Logotherapeut in Wien (www.lebenmitsinn.at).