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Von Hilfsempfängern zu Experten

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Zwei steirer haben ein system entwickelt, das die lebensqualität von Menschen mit Behinderung revolutionieren soll: Es befähigt die Betroffenen, ihre Zufriedenheit in diversen lebensbereichen zu evaluieren.

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Zwei steirer haben ein system entwickelt, das die lebensqualität von Menschen mit Behinderung revolutionieren soll: Es befähigt die Betroffenen, ihre Zufriedenheit in diversen lebensbereichen zu evaluieren.

Als wir damals propagiert haben, dass Menschen mit geistiger Behinderung die Qualität von sozialen Einrichtungen bewerten können, haben uns alle für verrückt erklärt." Walburga Fröhlich und Klaus Candussi haben für die Umsetzung genau dieser Idee nun das renommierte "Ashoka"-Stipendium für soziales Unternehmertum gewonnen. Heute sitzen die Gründer und Geschäftsführer von "Atempo" am Tisch ihres erfolgreichen Unternehmens in Graz und erzählen, wie alles begann. Schon damals, vor über 15 Jahren, ist ihnen die Unzufriedenheit der Betreuten in den Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen aufgefallen - obwohl sie bei einer Organisation arbeiteten, die als Avantgarde galt. "Wir hatten den Eindruck, dass diese Unzufriedenheit nicht aus überzogenen Erwartungen resultiert, sondern offensichtlich etwas an der Qualität nicht passt", betont Fröhlich. Der Umstand, dass diese Menschen in manchen Bereichen Hilfe brauchen, führe schnell dazu, dass sie auch in vielen anderen Bereichen nicht selbst entscheiden dürften, wie sie leben wollen.

Diesen Eindruck bestätigen auch die Statistiken: Nach Angaben der Europäischen Kommission befinden sich 20 bis 30 Prozent der Menschen in Österreich, die man früher als "geistig behindert" bezeichnete, in Ganztags-Betreuung. Das bedeutet, dass der Lebensalltag jeder fünften Person mit permanenten Lernschwierigkeiten vollkommen von sozialen Dienstleistungen abhängig ist. Doch laut Experten könnten 20 Prozent dieser Menschen in Ganztags-Betreuung sehr wohl eigenständig wohnen. Ein weiteres Drittel könnte nach einer Übergangsphase zu betreutem Wohnen wechseln.

Wie fremdbestimmt das Leben schnell werden kann, zeigt das Beispiel eines Wohnhauses für Menschen mit Behinderung, in dem keiner der Bewohner ein Mitspracherecht darüber hat, mit wem man sich Küche oder Bad teilt. "Wenn hier wer lebt, der ständig den Kühlschrank leer isst, lösen Fachleute dieses Problem gerne, indem sie den Kühlschrank ab 19 Uhr versperren -was dazu führt, dass alle anderen auch keinen Zugang mehr haben", kritisiert Candussi. Für die sogenannten Experten die einfachste Lösung -sie müssen schließlich nicht die Konsequenzen tragen. "Hier braucht es ein Controlling, ein professionelles Feedback aus Nutzer-Perspektive, um gemeinsam Lösungen zu finden", sagt Fröhlich.

Also fragten sich die beiden Sozial-Pioniere, ob denn nicht die Betroffenen mit ihrem praxisnahen Blick die weitsichtigeren Fachleute wären. Menschen mit Behinderung könnten schließlich alles lernen, sie bräuchten nur die richtigen Hilfsmittel und ihr eigenes Tempo, ist Fröhlich überzeugt.

1200 Kriterien für Lebensqualität

Die "Atempo"-Gründer arbeiteten also mit 24 Erwachsenen mit Behinderung -bei den meisten handelt es sich um permanente Lernschwierigkeiten -ein Jahr lang dazu, wie sich Qualität im Betreuungsbereich definiert. So wurden ganze 1200 Kriterien zusammengetragen. Statt "Haben Sie genug Privatsphäre?" heißt es im Fragebogen: "Klopfen die Mitarbeiter an meiner Zimmertür an?", oder "Kann ich hier gemeinsam mit meinem Freund baden?" Schnell entwickelte sich daraus ein wissenschaftlich haltbares, erprobtes Evaluations-Instrument.

Die 29-jährige Elisabeth Luttenberger ist eine der Evaluatoren. Nach einer zweijährigen Vollzeit-Ausbildung führt sie Interviews, wertet die Fragebögen aus, präsentiert die Ergebnisse, reist ins Ausland, um Kollegen in die neue Methode einzuschulen. Schon früh wurde bei ihr eine Lernschwäche diagnostiziert. "Ich habe gemerkt, es gibt doch eine Firma, die mich will und braucht, eben weil ich eine Behinderung habe", sagt die junge Frau mit den kurzen Haaren und der Brille strahlend. Sie besuchte von der Volksschule bis zum Polytechnischen Lehrgang Integrationsklassen, danach verschiedene Ausbildungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen -und immer fühlte sie sich "echt fehl am Platz". Seit sie bei "Atempo" arbeitet, ist ihr Selbstwertgefühl ein ganz anderes. "Jetzt kann ich wirklich etwas Besonderes und darf für den Job sogar reisen. Und ich bin nun auch beruflich unter Gleichgesinnten, da fällt mir das Arbeiten gleich leichter."

Als Evaluatorin arbeitet Luttenberger sogar am ersten Arbeitsmarkt, nicht in einer Sozialeinrichtung. Das Projekt ist damit ein wichtiger Kontrapunkt zur österreichweiten Entwicklung der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung. Diese ist heuer um weitere 14 Prozent gestiegen und betrifft bereits rund 68.400 Menschen im Land.

Es ist auch ganz im Sinne der UN-Behindertenkonvention und der EU-Direktive, die Nutzer sozialer Services am Design derselben zu beteiligen. Bisher blieb dieser Anspruch eine hohle Phrase. Mitarbeiter konnten nur indirekte Schlüsse ziehen, ob und wie ihre Arbeit bei ihren Kunden ankommt.

Nun erhalten sie ein professionelles Feedback. "Aus unseren Ergebnissen lassen sich konkrete Handlungsmöglichkeiten ableiten, die dann gemeinsam mit den Nutzern diskutiert werden", betont Candussi. Über das Social Franchising-System wurde das neue Modell bereits nach Berlin oder Hamburg exportiert. Mit dem Ashoka-Netzwerk soll die Idee nun noch weiter in die Welt hinaus getragen werden.

Die meisten Mitarbeiter bei "Atempo" ändern ihr Leben in den ersten drei Jahren grundlegend. So ging es auch der Kärntnerin Katrin Poleßnigg, die für diesen Job nach Graz zog. Die 36-Jährige sitzt im Rollstuhl, ist Spastikerin, kann ihre rechte Hand nicht benutzen, doch ist inzwischen in ihre erste eigene Wohnung gezogen. Der Frau mit den tätowierten Unterarmen geht es um neue Rollen für Menschen mit Behinderungen. "Ich will nicht als passive Patientin, Klientin, Hilfsempfängerin wahrgenommen werden, sondern als aktive Kundin, Mitarbeiterin, Kollegin", erklärt sie.

Endlich nicht mehr unterfordert

Gerade Menschen mit Behinderung leben oft schon als Kind in eingeschränkten Welten. "Befragt man sie nur dazu, wie zufrieden sie mit dem sind, was sie schon kennen, kommen sie nie auf die Idee, dass sie auch etwas anderes haben könnten", betont Poleßnigg. Sie weiß, wovon sie spricht. Obwohl sie nur körperlich behindert ist, wurde sie in die Sonderschule gesteckt, durfte keinen Hauptschulabschluss machen. "Meine Eltern haben es für gut geheißen, dass ich unter meines gleichen aufwachse." Zwölf Jahre ihres Lebens musste sie in einer Behinderteneinrichtung und in einer Behindertenwerkstätte verbringen. "Nach einem Arbeitstag durfte ich nicht selbst entscheiden, wann ich zu Bett gehe. Und auch in der Arbeit fühlt man sich diskriminiert, wenn man so sinnlose Dinge machen muss, wie stundenlang Kugelschreiber zu zählen", schüttelt sie den Kopf. Immer wieder ist sie ausgebrochen, musste mehrmals wöchentlich im Büro des Chefs sitzen.

"Ich hätte nie geglaubt, dass ich das einmal sagen kann, aber ich habe jetzt den perfekten Job", sagt Poleßnigg mit voller Überzeugung. "Egal, welche Behinderung die Leute haben, wir bringen neue Perspektiven in ihr Leben. Sie trauen sich, wieder Fragen zu stellen oder Kritik zu äußern." Besonders schön ist es für sie, wenn sie zwei Jahre nach einer Befragung die Leute wieder trifft, und sieht, dass sie jemanden inspiriert hat, in kleinen Schritten das Leben selbstbestimmter zu gestalten. Dann ist Poleßnigg richtig stolz. "Das ist der wahre Lohn der Arbeit."

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