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"Unsere Gesellschaft ist bunt - so wie ich“

Beim Preis der Wiener Vielfalt erhielt Heinz Wagner, Initiator des Kinder-Kurier, den Sonderpreis der Jury. Ein Porträt eines Unangepassten.

Die Redaktion des Kinder-Kurier, kurz KiKu, in Wien ist fröhlich und bunt, genauso wie der Herr über dieses kleine Reich: "Heinz Wagner, ich kann nichts dafür“, stellt sich der Journalist vor und schüttelt seine rote Mähne. Und erklärt später, dass er sich seinen Namen schließlich nicht ausgesucht habe. Die Computer stehen für Schulklassen bereit, die regelmäßig die Redaktion besuchen, aber auch für Teilnehmer des Wiener Ferienspiels. Wagner nennt es "unaufgeräumtes Kinderzimmer“: "Deshalb fühlen sich die meisten Kinder hier auch wohl.“

Die Kinder, die Wagners Reich besuchen, sind oft bunt zusammengewürfelt, viele mit Migrationshintergrund. "Kürzlich war eine kleine Gruppe hier, bei denen sich nach ein bisschen Nachbohren herausgestellt hat, dass sie die ‚Braveren‘ der Klasse sind“, erzählt Wagner lachend. "Ich mag es ja nicht, wenn Kinder in brav und weniger brav eingeteilt werden. Die weniger Braven sind oft diejenigen, die aufmüpfiger sind.“

Der Journalist, der sich selbst als "schrägen Vogel“ bezeichnet, begrüßt seine Gäste meist in verschiedenen Sprachen und fragt nach, welche Sprachen sie mitgebracht hätten. "Ich kann Begrüßungen in zirka 20 verschiedenen Sprachen, ‚Danke‘ sogar in 50 bis 60.“ Als Beweis streckt Wagner seine Zunge heraus und erklärt lachend: "Das bedeutet in Tibet: ‚Ich lüge nicht, ich bringe keine bösen Worte mit.‘“ Es sei ihm wichtig, seinen Gästen zu vermitteln: "Alle eure Sprachen sind willkommen.“

Positive Geschichten von und mit Kindern

Beim erstmals vergebenen Preis der Wiener Vielfalt wurde dem Begründer des Kinder-Kuriers der Sonderpreis der Jury zugesprochen. Der Preis kam für den 57-Jährigen überraschend: "Als die Jurysprecherin die Arbeit des Preisträgers beschrieb, dämmerte es mir: ‚Die sprechen ja von mir!‘“ An dem Preis gefällt ihm, dass die Statue das Wort Migration in persischer Sprache darstellt. "Ich wurde von einer persischen Künstlerin nominiert.“

Wagner gründete 1993 den Kinder-Kurier, der damals noch eine wöchentliche Beilage war, um Kinder ins Zentrum der Berichterstattung zu rücken. "Mir war es wichtig, den Kindern und Jugendlichen ein Forum zu geben.“ Zum einen ist da die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Redaktion, zum anderen die Berichterstattung über Aktionen oder Veranstaltungen.

Wagner legt dabei Wert auf positive Geschichten: "Jugendliche werden viel zu oft medial abgewatscht und als prügelnd oder saufend dargestellt. Er nennt es "gegen den Strich bürsten“ und ist der Meinung, dass die negative Berichterstattung auf die Jugendlichen zurückfällt.

"Über Veranstaltungen wie Jugend Innovativ oder ‚Sag’s Multi‘, einem Redebewerb für Jugendliche mit nicht-deutscher Muttersprache, wird dagegen viel zu wenig berichtet.“ Beim Redebewerb "Sag’s Multi“ halten Jugendliche mit nicht-deutscher Muttersprache Reden in zwei Sprachen. "Kinder lernen eine zweite Sprache nur dann gut, wenn sie auch ihre Erstsprache beherrschen - und bei vielen Kindern ist das nun mal nicht Deutsch. Aber so etwas hört ein Sebastian Kurz nicht gerne.“

Vor fünf Jahren begann ein Reduzierungskurs beim Kinder-Kurier, aus der vierseitigen Beilage wurde eine Seite. "Seit einiger Zeit erscheint die KiKu-Seite in der Print-Ausgabe nur noch sporadisch.“ Es ist dem engagierten Zeitungsmacher anzumerken, wie sehr ihn dieser Sparkurs schmerzt. Interessierte könnten die News von und für Kinder zwar in der Online-Ausgabe des Kurier verfolgen, aber das sei nicht dasselbe: "Ich höre immer wieder heraus, dass es für KInder etwas Besonderes ist, ihren Beitrag auf Papier gedruckt zu sehen. Ins Internet kann schließlich jeder etwas stellen.“ Umso mehr Genugtuung war es für ihn, dass seine Arbeit nun in Form des Preises der Wiener Vielfalt bestätigt wurde. "Meine Arbeitszeit wurde vor kurzem auf Teilzeit reduziert, daher kann ich das Preisgeld (2500 Euro) gut brauchen.“

Authentisch und nicht belehrend

Auf das Thema Vielfalt angesprochen, zeigt der gebürtige Schweizer, der als Kind nach Wien kam, auf sich: "Ich bin das beste Beispiel dafür, bunt und vielfältig.“ Erst vor kurzem hätte er eine Rüge aus der Geschäftsführung deshalb bekommen: "Sie haben mir vorgeworfen, ein Freigeist zu sein. Wenn ein Markus Hengstschläger in seinem aktuellen Buch vor der ‚Durchschnittsfalle‘ warnt, wird dagegen auf einer Doppelseite darüber berichtet.“ Für den Journalisten ist es völlig normal, bunt und vielfältig zu sein - "so ist doch unsere ganze Gesellschaft!“

Schon als Jugendlicher hob Wagner sich von der Masse ab, ein Schlüsselerlebnis war Nestroys "Der Talisman“: "Damals wurde mir klar, dass es keine Lösung sein kann, sich anzupassen, nur damit die Anderen nett zu dir sind.“ Der 17-Jährige trug lange Haare und Bart, woraufhin ihm vor der Matura von einem Lehrer nahelegt wurde, sich die Haare abzuschneiden. "Da beschloss ich, zum ersten Mal in meinem Leben zu strebern.“ Er schloss die Matura mit drei "Sehr gut“ ab - und langen Haaren.

Bei seinen jungen Mitarbeitern ist Wagners Anderssein jedenfalls kein Thema: "Die akzeptieren mich gerade deshalb, weil ich authentisch und nicht belehrend bin.“ Seinem eigenen Sohn war es zwar manchmal peinlich, dass der Vater "ein bisschen verrückt“ war. "Aber es war mir wichtig, ihm vorzuleben, zum eigenen So-Sein zu stehen. Außerdem finden in einem gewissen Alter fast alle Jugendlichen ihre Eltern peinlich.“ Umso mehr schmerzt ihn, dass es heute einen Rückschritt in Richtung Uniformierung gäbe: "‚Das kleine Ich bin Ich‘ gilt zwar als Vorbild für viele Kinder, im Erwachsenenalter bleibt aber wenig davon übrig.“

Auch wenn seine Arbeit schrittweise reduziert wird, denkt Heinz Wagner nicht ans Aufhören. Die Pension ist für den ihn noch lange kein Thema. "Es wäre doch verrückt, nicht mehr weiterzumachen, wenn der Job dermaßen viel Spaß macht.“

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