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Einsame Dompteure

Undisziplinierte Schüler, wenig Wertschätzung, karge Karrierechancen: Ist der "Traumberuf Lehrer" zum Albtraumjob mutiert?

Unser Schulsystem fußt auf vier Säulen: Angst, Jammer, Lüge und schöner Schein." Glaubt man Erwin Wabnegger, dann ist der Lehrberuf nicht nur "in Irritation" - wie der Untertitel seines umstrittenen Buches "Feindbild Lehrer" (Edition Va Bene 2002) glauben macht - sondern längst zum reinsten Horrorjob geworden. "Lehrer haben eine diffuse Angst - vor den Schülern, den Vorgesetzten, ihresgleichen und um ihren Arbeitsplatz", behauptet der Gymnasiallehrer aus Köflach. Kein Wunder, so Wabnegger, dass diese omnipräsente Angst zu chronischem Jammern führe: "Lehrer sind vielfach überfordert, weil sie es mit einer viel schwierigeren Schülergeneration zu tun haben. Viele, die über das ewige Klagelied lästern, würden sich diesen Beruf keine drei Wochen lang antun."

Frustration als Tabu

Die (Selbst-)Lüge sei eine Folge dieser Überforderung, glaubt der Psychologie-, Philosophie- und Deutschlehrer: "Informell jammern Lehrer ständig. Offiziell hingegen wird kein Lehrer zugeben, dass er frustriert ist." Schließlich lebten sie in den Schulen in einer Welt des "schönen Scheins", wo mit Hilfe von chronischer "Projektitis" die Illusion erzeugt werde, dass an den Schulen alles zum Besten stünde: "Zwei Drittel der Projekte entstehen aber nur zur Glorifizierung des Lehrers", behauptet Wabnegger. "Lehrer sind eben hungrig nach Anerkennung, weil in diesem Beruf Leistung nicht honoriert wird."

Auf die Frage, warum er selbst 23 Jahre lang in dieser "Hölle" verharrt habe, gibt sich Wabnegger bedeckt: "Es gibt eben auch Highlights im Umgang mit den Jungen."

Speziell diese betont AHS-Lehrergewerkschafter Helmut Jantschitsch: "Lehrer sein ist sicher ein Traumjob, weil man es mit jungen, offenen Menschen zu tun hat. Nur die Politik macht einen Alptraumjob daraus." Als Beispiel nennt er die jüngsten Stundenkürzungen (vgl. S. 9: Interview mit Bildungsministerin Gehrer).

Allen Widrigkeiten zum Trotz haben österreichweit rund 125.000 Menschen den Lehrberuf ergriffen. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen macht freilich nur ein gutes Drittel ihrer Tätigkeit aus. Laut der Studie "LehrerIn 2000" des SORA-Instituts verbringen Lehrende mehr Zeit mit der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Administration, Sprechstunden, Schulveranstaltungen oder Fortbildung.

Auch die Gesundheit der Pädagogen wurde in der Studie untersucht. Fazit: Obwohl nur wenige Hinweise auf berufsspezifische Krankheiten - etwa Burnout - bestehen, nehmen Lehrer subjektiv eine Reihe von Belastungen wahr. 60 Prozent klagen über mangelnde Disziplin der Schüler, 19 Prozent über Probleme mit den Eltern und 18 Prozent über ein schlechtes Berufsimage.

Tatsächlich ist der Job des Lehrers "sicher schwerer geworden", glaubt Josef Thonhauser vom Institut für Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Universität Salzburg: "Lehrer sind von Berufs wegen in einer schwierigen Position, weil sie den Schülern gegenüber täglich unvermeidlich Zumutungen machen und etwas verlangen müssen, was diese von sich aus nicht machen würden." Gab es für diese Zumutungen früher eine tragfähige Koalition zwischen Eltern und Lehrern, so habe sich das entscheidend geändert, meint Thonhauser: "Man kann als Lehrer heutzutage nicht mehr mit der Unterstützung der Eltern rechnen."

Hildegund Bauer-Polt, Mitarbeiterin am LehrerInnenberatungszentrum des Pädagogischen Instituts in Wien, kennt die Be-lastungen des Lehrberufs aus langjähriger Supervisions-Tätigkeit: "Zu uns kommen vor allem besonders Engagierte, die das Gefühl haben, ihre Arbeit wird weder von den Eltern, noch von der Gesellschaft oder den Kindern wertgeschätzt." Manche Lehrer müssten sogar wüste Beschimpfungen oder tätliche Gewalt ertragen, weiß Bauer-Polt. Umso mehr bräuchten sie einen Raum, wo sie sich Luft machen könnten. Doch derzeit stünden am Beratungszentrum nur 80 Wochenstunden an Supervision für den gesamten Wiener Raum zur Verfügung. Tatsächlich gibt es keinen rechtlichen Anspruch der Lehrer auf Supervision, bestätigt der zuständige Sektionschef im Bildungsministerium, Heinz Gruber: "Supervision ist Bestandteil der Lehrerfortbildung an den Pädagogischen Instituten - und die ist in ihrem Ausmaß natürlich begrenzt."

Gerüchte statt Austausch

Ebenso begrenzt ist der kollegiale Austausch zwischen den Lehrerinnen und Lehrern, weiß die Supervisorin Eva Scala: "Es ist schwer für einen erwachsenen Menschen, 40 Jahre lang immer mit Kindern oder Pubertierenden zu tun zu haben. Damit das nicht infantilisiert oder zu Aggressionen führt, bräuchte man mehr institutionalisierten Erfahrungsaustausch. Aber meist gibt es den nicht - sondern nur Gerüchte."

Den Austausch zwischen den Lehrerinnen und Lehrern zu forcieren, hat sich Herbert Altrichter, Professor am Institut für Pädagogik und Psychologie der Universität Linz, zum Ziel gesetzt. Im Rahmen einer kollegialen Fortbildung sollen sie von ihren Erfahrungen und Methoden in der Klasse berichten. Erst diese reflektierte Praxiserfahrung mache einen qualifizierten Lehrer aus, betont Altrichter. Mit der universitären Lehrerausbildung allein sei es keinesfalls getan: "Gerade die ersten Jahre der Berufsausübung sind ausschlaggebend. Hier wird aber noch immer viel zu wenig unterstützt und betreut."

Rückmeldung und Evaluation sei auch deshalb wichtig, so Altrichter, weil sich Erfolg im Lehrberuf meist sehr spät zeige: "Erfolg ist, wenn nach Jahren ein Schüler zurück kommt und sagt: Bei Ihnen habe ich etwas gelernt."

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