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Bildung

Lehren fürs Leben -analog und digital

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In den Lehrplänen von heute findet sich ja allerhand. Aber sich selbständig um eine Impfung kümmern? Das gehört definitiv nicht dazu. Jene acht Schülerinnen und Schüler der HTL Wiener Neustadt, die gemeinsam mit ihren Lehrkräften zu einem vierwöchigen Arbeitseinsatz nach Tansania aufgebrochen waren, standen freilich genau vor dieser Herausforderung. Welche Impfungen braucht man vor einer solchen Reise? Wo bekommt man sie? Und vor allem: Wer checkt das alles? "Oft ist es die Schule, die Jugendlichen solche Aufgaben abnimmt", weiß Josef Schneider, der an der Wiener Neustädter HTL unterrichtet. "Aber wenn man ihnen mehr Verantwortung gibt, dann nehmen sie diese auch sehr gut an."

Beim Projekt "Lugarawa/Tansania", für das Schneider gemeinsam mit seinen Kollegen Johann Wagner und Oskar Lehner beim diesjährigen "IV-Teacher's Award" der Industriellenvereinigung (siehe Kasten) mit dem ersten Preis in der Kategorie "Lebenskompetenz" ausgezeichnet wurde, herrschte punkto Zutrauen jedenfalls kein Mangel. Es begann schon damit, dass die Erzdiözese Wien mit der Idee an die Schule herantrat, im Dorf Lugarawa -einer ehemaligen Missionsstation der Benediktiner im westlichen Hochland Tansanias auf 1500 Metern Seehöhe -das örtliche Krankenhaus mit einem Computersaal für die Laboranten-Schule auszustatten. Bald war klar, dass man das Projekt noch weiter ausbauen wollte - und dass neben dem Elektrotechnik-Lehrer Johann Wagner und dem Baumeister Oskar Lehner auch der für Bautechnik zuständige Josef Schneider gefordert war: Schließlich war er bereits sieben Jahre lang in der Entwicklungszusammenarbeit tätig gewesen, bevor er 2012 als HTL-Lehrer nach Wiener Neustadt kam. Nun sollte er seine Expertise auch in Lugarawa einbringen -und mit Schülern eine moderne Abwasseranlage für das Krankenhaus errichten. "Zuvor gab es dort ja nur eine Senkgrube, deren Inhalt im Wald entsorgt wurde", erzählt Schneider.

Organisieren lernen

So ambitionierte Pläne brauchten freilich eine lange Vorbereitung -und die Impfungen waren dabei nur der letzte Schritt: Das Mädchen und die sieben Burschen der vierten Klassen, die sich für dieses Abenteuer gemeldet hatten und ausgewählt wurden, konnten je einen Teilbereich des Projekts für ihre Diplomarbeit im Rahmen der Reifeprüfung verwenden. Um die Reisekosten niedrig zu halten, wurde auch nach Sponsoren gesucht und ein Benefizkonzert organisiert. Zudem mussten die Jugendlichen den Kauf der Computer in der Hauptstadt Daressalam organisieren, NGOs kontaktieren und ein Computer-Schulungsprogramm in englischer Sprache für die Verantwortlichen vor Ort vorbereiten. Im Fach "Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit" besprachen sie mit Josef Schneider -auf englisch -auch Grundlagen der Entwicklungszusammenarbeit. Und mit Baumeister Oskar Lehner mussten sie die Möblierung des Computersaales organisieren: "Sogar die Computertische haben sie ja erst vor Ort bauen müssen", erinnert sich Josef Schneider.

Im August 2015, zwei Wochen vor Ferienende, begann schließlich die Reise: Man flog nach Daressalam, konnte alles Nötige besorgen und landete nach hunderten Kilometern auf Schotterstraßen in Lugarawa. Vier Wochen tauchten die Schülerinnen und Schüler ein in eine völlig neue Welt: mit einer fremden Kultur, sehr sporadischem Internet - und der Erfahrung, dass Kreativität, Einsatz und eine gute Organisation Unglaubliches vermögen. Eine einzigartige Lektion punkto "Lebenskompetenz" also -möglich gemacht durch engagierte Lehrkräfte. "Man hat hier gesehen, was Schüler alles schaffen", lautet das Resümée von Josef Schneider. "Man muss ihnen nur mehr zutrauen."

Auch bei Michael Fleischhacker spielen Eigenverantwortung und "Lebenskompetenz" eine zentrale Rolle, wenn auch in einem anderen Sinn als bei seinen Kollegen von der HTL Wiener Neustadt. Seit drei Jahren unterrichtet der Quereinsteiger, der vor seinem Studium als Tischler und im Sozialbereich tätig war, Mathematik an der Neuen Mittelschule Kinzerplatz in Wien-Floridsdorf -und zwar nach der Methode des "Flipped Classroom", des umgekehrten Unterrichts: Statt neuen Unterrichtsstoff frontal zu präsentieren, packt er ihn in anschauliche "Lernvideos" und stellt diese auf seinen eigenen YouTube-Channel. Die Schülerinnen und Schüler haben nun als Hausübung die Aufgabe, auf ihren eigenen Smartphones ein entsprechendes Lernvideo anzusehen und die wichtigsten Informationen handschriftlich (!) in ihr "schlaues Buch" - einen analogen Schnellhefter -einzutragen. "Wenn nötig können sich die Schüler bei diesen deutschsprachigen Videos auch Untertitel in ihrer Muttersprache einblenden lassen", erklärt der Lehrer. "Das hilft nicht nur ihnen selbst, sondern ist auch gesellschaftsbildend, weil damit auch Eltern, die nicht so gut deutsch sprechen, ihr Kind unterstützen können." Zudem ist zu Hause auch ein "Online-Quiz" zu erledigen.

Im Unterricht selbst findet dann "nur" noch die eigentliche Übungsphase statt, bei der jeder auf seinem individuellen Niveau und in seinem eigenen Tempo arbeiten kann - und Fleischhacker sowie ein weiterer Teamlehrer als Coach jedes Kind zielgerichtet unterstützen. Auch die quadratischen "QR-Codes" kommen bei ihm kreativ zum Einsatz: Bei Stundenwiederholungen projiziert er Fragen mit je vier Antwortmöglichkeiten an die Wand und bittet die Jugendlichen, die aus ihrer Sicht korrekte Antwort mit Hilfe entsprechender Codes auf ihren Smartphones anzuzeigen. Er selbst scannt anschließend die Antworten, indem er sein Handy quer über den Klassenraum schwenkt -und sieht sofort, wer richtig geantwortet hat und wer nicht.

Man hat in unserem Projekt gesehen, was Schülerinnen und Schüler alles schaffen können. Man muss ihnen nur mehr Verantwortung geben und ihnen mehr zutrauen. (Josef Schneider)

Kein Kind über-oder unterfordern

Ein faszinierendes Spielzeug. Doch warum auch guter Unterricht?"An so genannten Brennpunktschulen wie der unseren, wo es sehr heterogene Klassen mit unterschiedlichsten sozialen Herkünften und Sprachen gibt, ist es oft sehr schwierig, allen gleichzeitig denselben Input zu geben", erklärt Fleischhacker. "Durch das individuelle System des 'Flipped Classrooms' wird kein Kind überfordert und keines unterfordert. Jeder kann lernen, wo und wie er will."

Das "analoge Lernen" habe damit freilich keineswegs ausgedient, betont der Pädagoge, der beim "IV-Teacher's Award" mit dem zweiten Preis in der Kategorie "Individualität" geehrt wurde und seine Methoden auch auf flippdenfleischhacker.at präsentiert: "Es braucht eine Kombination aus beidem. Die Kulturtechniken des Schreibens und Konstruierens müssen wir uns natürlich bewahren." Dass er punkto Hardware auf die Smartphones der Kinder zurückgreift und nicht -wie Bundeskanzler Christian Kern - iPads für alle Zehnjährigen fordert, hat für Fleischhacker einen einfachen Grund: "Bei den Smartphones gibt es jetzt schon eine Auslastung von 99 Prozent. Und wer keines hat, kann sich die Lernvideos zuhause einfach per USB-Stick ansehen."

Pädagogisch sinnvoll einsetzen lassen sich digitale Medien jedenfalls in jedem Fach, ist Fleischhacker überzeugt. Es brauche aber geschulte Lehrpersonen -und hier sei (trotz neuer Fortbildungsangebote wie dem "Massive Open Online Course") noch "viel Luft nach oben". Zentral sei jedenfalls, die künftige Lebenswelt der Kinder in die Schule hereinzuholen, meint der engagierte Pädagoge -und klingt hier fast wie seine Wiener Neustädter HTL-Kollegen. "Wir müssen die Schüler auf die Zukunft vorbereiten. Und dazu gehört neben dem Erlernen der Kulturtechniken eben auch der Umgang mit den digitalen Tools."

Diese seite entstanD mit finanzieller unterstützung Der inDustriellenvereinigung. Die reDaktionelle verantwortung liegt bei Der furche.

In den Lehrplänen von heute findet sich ja allerhand. Aber sich selbständig um eine Impfung kümmern? Das gehört definitiv nicht dazu. Jene acht Schülerinnen und Schüler der HTL Wiener Neustadt, die gemeinsam mit ihren Lehrkräften zu einem vierwöchigen Arbeitseinsatz nach Tansania aufgebrochen waren, standen freilich genau vor dieser Herausforderung. Welche Impfungen braucht man vor einer solchen Reise? Wo bekommt man sie? Und vor allem: Wer checkt das alles? "Oft ist es die Schule, die Jugendlichen solche Aufgaben abnimmt", weiß Josef Schneider, der an der Wiener Neustädter HTL unterrichtet. "Aber wenn man ihnen mehr Verantwortung gibt, dann nehmen sie diese auch sehr gut an."

Beim Projekt "Lugarawa/Tansania", für das Schneider gemeinsam mit seinen Kollegen Johann Wagner und Oskar Lehner beim diesjährigen "IV-Teacher's Award" der Industriellenvereinigung (siehe Kasten) mit dem ersten Preis in der Kategorie "Lebenskompetenz" ausgezeichnet wurde, herrschte punkto Zutrauen jedenfalls kein Mangel. Es begann schon damit, dass die Erzdiözese Wien mit der Idee an die Schule herantrat, im Dorf Lugarawa -einer ehemaligen Missionsstation der Benediktiner im westlichen Hochland Tansanias auf 1500 Metern Seehöhe -das örtliche Krankenhaus mit einem Computersaal für die Laboranten-Schule auszustatten. Bald war klar, dass man das Projekt noch weiter ausbauen wollte - und dass neben dem Elektrotechnik-Lehrer Johann Wagner und dem Baumeister Oskar Lehner auch der für Bautechnik zuständige Josef Schneider gefordert war: Schließlich war er bereits sieben Jahre lang in der Entwicklungszusammenarbeit tätig gewesen, bevor er 2012 als HTL-Lehrer nach Wiener Neustadt kam. Nun sollte er seine Expertise auch in Lugarawa einbringen -und mit Schülern eine moderne Abwasseranlage für das Krankenhaus errichten. "Zuvor gab es dort ja nur eine Senkgrube, deren Inhalt im Wald entsorgt wurde", erzählt Schneider.

Organisieren lernen

So ambitionierte Pläne brauchten freilich eine lange Vorbereitung -und die Impfungen waren dabei nur der letzte Schritt: Das Mädchen und die sieben Burschen der vierten Klassen, die sich für dieses Abenteuer gemeldet hatten und ausgewählt wurden, konnten je einen Teilbereich des Projekts für ihre Diplomarbeit im Rahmen der Reifeprüfung verwenden. Um die Reisekosten niedrig zu halten, wurde auch nach Sponsoren gesucht und ein Benefizkonzert organisiert. Zudem mussten die Jugendlichen den Kauf der Computer in der Hauptstadt Daressalam organisieren, NGOs kontaktieren und ein Computer-Schulungsprogramm in englischer Sprache für die Verantwortlichen vor Ort vorbereiten. Im Fach "Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit" besprachen sie mit Josef Schneider -auf englisch -auch Grundlagen der Entwicklungszusammenarbeit. Und mit Baumeister Oskar Lehner mussten sie die Möblierung des Computersaales organisieren: "Sogar die Computertische haben sie ja erst vor Ort bauen müssen", erinnert sich Josef Schneider.

Im August 2015, zwei Wochen vor Ferienende, begann schließlich die Reise: Man flog nach Daressalam, konnte alles Nötige besorgen und landete nach hunderten Kilometern auf Schotterstraßen in Lugarawa. Vier Wochen tauchten die Schülerinnen und Schüler ein in eine völlig neue Welt: mit einer fremden Kultur, sehr sporadischem Internet - und der Erfahrung, dass Kreativität, Einsatz und eine gute Organisation Unglaubliches vermögen. Eine einzigartige Lektion punkto "Lebenskompetenz" also -möglich gemacht durch engagierte Lehrkräfte. "Man hat hier gesehen, was Schüler alles schaffen", lautet das Resümée von Josef Schneider. "Man muss ihnen nur mehr zutrauen."

Auch bei Michael Fleischhacker spielen Eigenverantwortung und "Lebenskompetenz" eine zentrale Rolle, wenn auch in einem anderen Sinn als bei seinen Kollegen von der HTL Wiener Neustadt. Seit drei Jahren unterrichtet der Quereinsteiger, der vor seinem Studium als Tischler und im Sozialbereich tätig war, Mathematik an der Neuen Mittelschule Kinzerplatz in Wien-Floridsdorf -und zwar nach der Methode des "Flipped Classroom", des umgekehrten Unterrichts: Statt neuen Unterrichtsstoff frontal zu präsentieren, packt er ihn in anschauliche "Lernvideos" und stellt diese auf seinen eigenen YouTube-Channel. Die Schülerinnen und Schüler haben nun als Hausübung die Aufgabe, auf ihren eigenen Smartphones ein entsprechendes Lernvideo anzusehen und die wichtigsten Informationen handschriftlich (!) in ihr "schlaues Buch" - einen analogen Schnellhefter -einzutragen. "Wenn nötig können sich die Schüler bei diesen deutschsprachigen Videos auch Untertitel in ihrer Muttersprache einblenden lassen", erklärt der Lehrer. "Das hilft nicht nur ihnen selbst, sondern ist auch gesellschaftsbildend, weil damit auch Eltern, die nicht so gut deutsch sprechen, ihr Kind unterstützen können." Zudem ist zu Hause auch ein "Online-Quiz" zu erledigen.

Im Unterricht selbst findet dann "nur" noch die eigentliche Übungsphase statt, bei der jeder auf seinem individuellen Niveau und in seinem eigenen Tempo arbeiten kann - und Fleischhacker sowie ein weiterer Teamlehrer als Coach jedes Kind zielgerichtet unterstützen. Auch die quadratischen "QR-Codes" kommen bei ihm kreativ zum Einsatz: Bei Stundenwiederholungen projiziert er Fragen mit je vier Antwortmöglichkeiten an die Wand und bittet die Jugendlichen, die aus ihrer Sicht korrekte Antwort mit Hilfe entsprechender Codes auf ihren Smartphones anzuzeigen. Er selbst scannt anschließend die Antworten, indem er sein Handy quer über den Klassenraum schwenkt -und sieht sofort, wer richtig geantwortet hat und wer nicht.

Man hat in unserem Projekt gesehen, was Schülerinnen und Schüler alles schaffen können. Man muss ihnen nur mehr Verantwortung geben und ihnen mehr zutrauen. (Josef Schneider)

Kein Kind über-oder unterfordern

Ein faszinierendes Spielzeug. Doch warum auch guter Unterricht?"An so genannten Brennpunktschulen wie der unseren, wo es sehr heterogene Klassen mit unterschiedlichsten sozialen Herkünften und Sprachen gibt, ist es oft sehr schwierig, allen gleichzeitig denselben Input zu geben", erklärt Fleischhacker. "Durch das individuelle System des 'Flipped Classrooms' wird kein Kind überfordert und keines unterfordert. Jeder kann lernen, wo und wie er will."

Das "analoge Lernen" habe damit freilich keineswegs ausgedient, betont der Pädagoge, der beim "IV-Teacher's Award" mit dem zweiten Preis in der Kategorie "Individualität" geehrt wurde und seine Methoden auch auf flippdenfleischhacker.at präsentiert: "Es braucht eine Kombination aus beidem. Die Kulturtechniken des Schreibens und Konstruierens müssen wir uns natürlich bewahren." Dass er punkto Hardware auf die Smartphones der Kinder zurückgreift und nicht -wie Bundeskanzler Christian Kern - iPads für alle Zehnjährigen fordert, hat für Fleischhacker einen einfachen Grund: "Bei den Smartphones gibt es jetzt schon eine Auslastung von 99 Prozent. Und wer keines hat, kann sich die Lernvideos zuhause einfach per USB-Stick ansehen."

Pädagogisch sinnvoll einsetzen lassen sich digitale Medien jedenfalls in jedem Fach, ist Fleischhacker überzeugt. Es brauche aber geschulte Lehrpersonen -und hier sei (trotz neuer Fortbildungsangebote wie dem "Massive Open Online Course") noch "viel Luft nach oben". Zentral sei jedenfalls, die künftige Lebenswelt der Kinder in die Schule hereinzuholen, meint der engagierte Pädagoge -und klingt hier fast wie seine Wiener Neustädter HTL-Kollegen. "Wir müssen die Schüler auf die Zukunft vorbereiten. Und dazu gehört neben dem Erlernen der Kulturtechniken eben auch der Umgang mit den digitalen Tools."

Diese seite entstanD mit finanzieller unterstützung Der inDustriellenvereinigung. Die reDaktionelle verantwortung liegt bei Der furche.