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#Wir müssen echt sein!#

Ingrid Teufel ist selbst unter schwierigsten Bedingungen aufgewachsen. Heute lehrt sie Kinder im Wiener #Problembezirk# Rudolfsheim-Fünfhaus nicht nur lesen, schreiben und rechnen, sondern auch die nötige Portion Lebenskunst.

Das Viertel riecht nach Problem; die Adresse riecht nach Problem; das Stiegenhaus, das seit Jahren auf seine Renovierung wartet, riecht erst recht nach Problem. Doch hoch oben, im dritten Stock der Volksschule Friedrichsplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk, herrscht trotzdem gute Stimmung. Draußen auf dem Gang haben sich die Neun- bis Zwölfjährigen der Stammklasse 2 versammelt, um Richtung Donaukanal zu marschieren. #Wer nicht mitgehen will, bleibt einfach bei uns#, erklärt Ingrid Teufel gut gelaunt und deutet durch eine offene Tür in ihre eigene Stammklasse 1. Dort, bei den Sechs- bis Neunjährigen, wird gerade angeregt gelernt: Zwei Mädchen üben auf dem Boden mit Montessori-Materialien Dividieren; ein Grüppchen Kinder sitzt rings um einen Tisch herum und füllt ein Lernbuch aus; und ein kleiner Bub hat momentan ein Tête-à-tête mit einem Lehrer. 24 Kinder # darunter vier Integrationskinder, aber auch Hochbegabte, die anderswo vielleicht Probleme hätten # werden von drei Lehrkräften betreut. #Es ist schon beglückend, wenn man so arbeiten kann#, sagt die 59-jährige Pädagogin. #Alle sollen ja dort lernen können, wo sie gerade stehen.#

#Ich bin meines Glückes Schmied!#

Seit 38 Jahren ist Teufel am Friedrichsplatz im Einsatz # und hat dort gemeinsam mit Kolleginnen und Vorgesetzten ihre eigene Vision von Schule verwirklicht: Kinder aller Begabungsarten sollen in Mehrstufenklassen ohne Nahtstelle zwischen erster und achter Schulstufe mit- und voneinander lernen können.

Im Zentrum steht die Vermittlung von Lebenskunst, erklärt die engagierte Pädagogin: Es gehe darum, den Kindern # umso mehr jenen aus sozial benachteiligten Familien # nicht nur lesen, schreiben und rechnen, sondern auch jene Kompetenzen beizubringen, die für ein glückliches, gelingendes Leben notwendig sind. Jetzt, am Anfang des neuen Schuljahres, stehen etwa Gefühle im Mittelpunkt. Da greift Ingrid Teufel gern zur Puppe #Oups# vom #Planet der Herzen#, der den Kindern Werte wie Fröhlichkeit, Achtsamkeit und Respekt nahebringen will. #Sie sollen spüren, dass man sie mag und ernst nimmt#, sagt die Lehrerin. #Und sie sollen das Gefühl bekommen: Ich bin meines Glückes Schmied.#

Wie sehr Eigenverantwortung und Zuwendung ein Leben prägen können, hat Ingrid Teufel selbst erfahren. 1951 in Wien geboren, durchlebt sie eine schwierige Kindheit: Die psychisch labilen Eltern ziehen fort und lassen das Mädchen bei den Großeltern zurück. Nachdem auch die Großmutter das Kind nur widerwillig aufnimmt, wird der Großvater zur einzigen, herzlichen Bezugsperson. #Auch die Volksschullehrerin war sehr kalt und hat uns immer verglichen#, erinnert sich Teufel. Erst in der Hauptschule trifft sie auf Lehrkräfte, die ihr Halt geben. Als der Großvater stirbt, die Leistungen der 14-Jährigen in den Keller rasseln und ein Übertritt ins Oberstufenrealgymnasium gefährdet scheint, steht ihr eine Pädagogin zur Seite: #Sie hat meine Situation verstanden, mir vertraut und mir eine bessere Note geschenkt#, erinnert sich Ingrid Teufel. #Wenn sie das nicht getan hätte, wäre mein Leben anders verlaufen.# Die junge Frau macht also Matura, heiratet, besucht die Pädak und bekommt 1972 eine Stelle in der Volksschule am Friedrichsplatz, wo sie sich schon bald mit unorthodoxen Lehrmethoden und einem besonderen Talent für #schwierige# Kinder einen Namen macht. In ihrer Klasse sammeln sich Autisten ebenso wie Kinder mit ADHS, Suizidvergangenheit, Depressionen oder traumatischen Fluchterfahrungen. #Wenn ein Kind nirgendwo anders bleiben konnte, hat es immer geheißen: Die Teufel nimmt es schon#, erinnert sich die Pädagogin, die selbst keine Kinder hat. #Bei mir hat es dann immer geklappt. Das waren meine größten Glücksmomente.# Auf ihre Initiative entsteht eine der ersten Integrationsklassen Wiens, dann eine Mehrstufenklasse und schließlich 2005 die #Lerngemeinschaft Wien 15#, die # parallel zur klassischen Volksschule Friedrichsplatz # als Schulversuch läuft sowie Grund- und Mittelstufe vereint. #Mittlerweile haben uns schon drei Jahrgänge verlassen#, sagt die Pädagogin stolz, #und alle Richtung weiterführende Schulen # auch Kinder, von denen wir es nie geglaubt hätten.#

Eine positive Anlaufstelle sein

Auch Ingrid Teufels Werdegang hätte wohl niemand vorausgeahnt. Die Antwort, wie dies trotzdem möglich war, findet die Pädagogin vor allem in der Resilienzforschung. #Kinder, die aus schlimmen Verhältnissen kommen und es trotzdem schaffen, haben meist zwei Dinge gemeinsam#, erzählt die Lehrerin. #Sie haben viel Fantasie, um sich wegträumen zu können. Und sie haben zumindest einen Mentor, der es gut mit ihnen meint.# Ingrid Teufel will ihren Kindern heute eine solche, gute Anlaufstelle sein. #Was ich positiv ausstrahle, kommt dann auch zurück#, sagt sie lächelnd. #Es muss aber echt sein, wir müssen echt sein. Wenn man nur freundlich tut, merken das die anderen sofort.#

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