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Kindsein zwischen ZWEI WELTEN

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Vom Notquartier in die Schule - und zurück: Was bedeutet das für Flüchtlingskinder? DIE FURCHE hat Lara und Hussein dabei begleitet.

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Vom Notquartier in die Schule - und zurück: Was bedeutet das für Flüchtlingskinder? DIE FURCHE hat Lara und Hussein dabei begleitet.

Das rote Backsteingebäude in Wien-Heiligenstadt hat schon viel erlebt: Es war Heimstatt einer K. u. K.-Handschuhmanufaktur, Lager eines Antiquitätenhändlers und schließlich Großraumbüro einer Werbeagentur. Vergangenen September, nach jahrelangem Leerstand, füllte sich das Haus in der Bachofengasse 8 endlich wieder mit Leben -wenn auch etwas anders als erwartet: Rund 250 Flüchtlinge fanden hier notdürftig Unterschlupf, Menschen, die vor Krieg, Terror oder schierer Perspektivenlosigkeit geflohen und in überfüllte Schlauchboote geklettert waren, um hier ein Europa endlich Zukunft zu finden.

Auch Familie Al Kometi ist Ende September im Notquartier der Wiener Caritas gelandet - nach einem einmonatigen Fußmarsch von Griechenland aus. Um einen Rest an Privatsphäre zu retten, haben sie die gläsernen Raumteiler des einstigen Büros mit Packpapier beklebt, ein blickdichter Vorhang wurde zur neuen Tür. Gegen den Lärm des Massenquartiers und das grelle Neonlicht, das bis 22 Uhr eingeschaltet bleibt, hilft das freilich nicht. Doch die allein reisenden Männer, deren Feldbetten am anderen Ende des Stockwerks stehen, könnten von solch kleinen Intimitäts-Inseln nur träumen.

Flucht aus dem Massenquartier

180 Asylwerber harren derzeit im "Haus Damaris" aus, je zur Hälfte Männer bzw. Familien aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Die rund 40 Kinder und Jugendlichen wurden hingegen, so das ging, auf die nächstgelegenen Kindergärten und Schulen verteilt. Zumindest sie haben die Möglichkeit, der Enge des Massenquartiers zu entfliehen und in eine andere - bessere - Welt einzutauchen.

Für den zehnjährigen Hussein und seine achtjährige Schwester Lara ist diese Welt namens "Schule" absolutes Neuland. Damals, vor 2013, in ihrer syrischen Heimatstadt Dar ā, waren sie noch zu jung; später, in Jordanien und im Libanon, war ein Schulbesuch unmöglich, und auch in der Türkei, wo sie immerhin ein Jahr verbrachten, gab es keine Option. Für die Eltern ein entscheidender Grund, die gefährliche Überfahrt nach Griechenland zu wagen. Vater Mohammad, von Beruf Handballtrainer, war schon zuvor aufgebrochen. Das Foto, das ihm die Familie nach ihrer glücklichen Landung schicken sollte, bewahrt er wie einen Schatz.

Es sind existenzielle Erfahrungen wie diese, mit denen Hussein und Lara Al Kometi nun erstmals in einer Klasse sitzen. Seit Mitte Jänner machen sie sich allmorgendlich auf den Weg in die Ganztagsvolksschule Mannagettagasse in Wien-Grinzing - ein großes Glück, weiß Steffi Fischer, die das 15-köpfige Caritas-Team im "Haus Damaris" leitet und neben den Al Kometis noch 14 weitere Familien betreut. "Die Kinder gehen wirklich gerne in die Schule: Erstens kommen sie hier raus. Und zweitens gibt es dort auch eine Hausaufgabenbetreuung. Hier bei uns kann man sich ja nicht wirklich zurückziehen, geschweige denn lernen."

In Laras 1B-Klasse geht es an diesem Freitagmorgen tatsächlich ganz beschaulich zu - wenn auch nicht sofort. Zuerst wärmen sich die Kinder beim Abklatschspiel "Oh bonny-bonny-bonny Makaronni-ronni-ronni" auf, erst dann machen sie sich im Sitzkreis bereit für die "Wochenenabschluss-Gedanken". Lehrerin Solveig Rochhart verteilt kleine Kärtchen auf dem Boden, die von den Kindern abwechselnd vorgelesen werden. "Womit bist du in dieser Woche besonders zufrieden gewesen?", steht darauf geschrieben. Oder: "Gibt es etwas, das du uns heute morgen unbedingt sagen möchtest?" Als die Lehrerin Lara an die Reihe nimmt, wird es plötzlich noch ruhiger. Mit gesenktem Kopf und kaum hörbarer Stimme kämpft sich das Mädchen durch den Satz: "Hast Du in dieser Woche Deine Arbeit machen können?", flüstert sie -und schaut etwas ratlos Richtung Lehrerin. Die Hilfe kommt prompt. "Hast du in dieser Woche etwas geschrieben?", fragt sie das Mädchen und macht mit ihrer Hand eine entsprechende Gebärde. Lara nickt. "Hast du etwas gerechnet?" Lara nickt. "Und hast Du auch etwas gelesen?" Lara zieht die Schultern hoch - und lächelt.

"Am Anfang muss man mit Händen und Füßen kommunizieren, aber das wird schon", erzählt Rochhart später im Lehrerzimmer. Die kleine Lara ist zwar das erste Flüchtlingsmädchen in ihrer Klasse - aber keineswegs das erste Kind ohne Deutschkenntnisse. Zum Glück gibt es die "Neu in Wien-Kurse", in denen "außerordentliche Schülerinnen" wie Lara - parallel zum Regelunterricht - individuell gefördert werden. Zusätzlich werden die Klassenlehrerinnen hier, an der Ganztagsschule, auch stundenweise durch Freizeitpädagogen oder zweite Teamlehrer unterstützt. "Noch besser wäre es, wenn ich wirklich jeden Tag zwei bis drei Stunden lang jemanden in der Klasse hätte, der sich speziell um Lara kümmert", betont Rochhart. "Aber diese Ressourcen haben wir leider nicht."

Melanie Hopf, die Lehrerin von Hussein, sieht das ähnlich. "Wir sind schon stundenweise zu zweit, aber ich stehe auch oft alleine in der Klasse - und dabei ist es besonders schwierig, allen gerecht zu werden." Insgesamt sei sie aber "begeistert gewesen", was der Zehnjährige trotz fehlenden Schulbesuchs schon alles könne: Er beherrsche nicht nur Arabisch, Türkisch und die Fußball-Kunst; er könne auch lateinische Buchstaben schreiben und schaffe Rechnungen im Zahlenraum bis hundert. Auch sozial gebe es bislang kaum Probleme. "Der Hussein ist ein ganz ein Lieber", erzählt seine Lehrerin. "Aber manchmal möchte ich schon gern wissen, was in ihm vorgeht."

Eine Frage, die sich bei allen Kindern stellt - aber bei Flüchtlingskindern wohl noch etwas stärker. Insgesamt sieben haben in der Grinzinger Mannagettagasse eine neue Heimat gefunden. Mehr als zwei seien es aber in keiner Klasse, betont die Direktorin der Schule, Heidi Leopold. Auch dürfe das generelle Schülerlimit von 25 Kindern pro Klasse nicht überschritten werden. Die Sorge der Pflichtschullehrergewerkschaft, dass es angesichts steigender Flüchtlingszahlen vermehrt Ressourcen an den Schulen brauche, kann sie grundsätzlich nachvollziehen (vgl. unten). Hier, an der Ganztagsschule, habe man gegenüber halbtägigen Schulformen aber schon so manche Vorteile, erklärt Leopold: "Nicht nur, weil wir über mehr Personalressourcen verfügen, sondern auch, weil die Kinder durch die Nachmittagsbetreuung länger Deutsch lernen und auch miteinander spielen können."

Auch Lara hat sich schon eine neue Freundin gefunden: Sie heißt Mirai, spricht ebenfalls Arabisch - und nebenbei noch Deutsch ohne Akzent. Vor allem Schnurspringen mache ihnen Spaß, verkündet Mirai. "Und heute hat es auch Lara zum ersten Mal geschafft."

Ab 15 Uhr 30 heißt es freilich auch bei ihnen Abschiednehmen. Während auf die meisten anderen Schüler heimelige Kinderzimmer warten, machen sich Hussein und Lara auf den Rückweg in ihr Notquartier. Heute fahren sie allein mit dem Bus die Grinzinger Straße hinunter, manchmal werden sie auch von ihrer Mutter geholt. Nicht selten ist es aber Regina Drlik, die sie vor dem Schultor empfängt. Eigentlich ist die Nussdorfer Immobilienmaklerin nur eine von etwa 50 Freiwilligen, die sich im "Haus Damaris" in der Bachofengasse nachhaltig engagieren. Für Linda Al Kometi und ihre vier Kinder ist die 44-Jährige aber zu einem Anker in Zeiten völliger Entwurzelung geworden.

Es begann mit dem Martinsfest, für das Drlik gemeinsam mit einer Freundin noch Laternen basteln wollte. Als sie merkte, dass es für die vielen Kinder im Notquartier keinen einzigen Raum zum Spielen gab, startete sie eine private Spendenaktion. Bald darauf gab es links neben dem Eingang ins "Haus Damaris" nicht nur Bücher, Puppen und Spiele, es gab auch riesige Stoffhäuser, einen "Wuzeltisch", ein Pianino - und einen neuen Teppichboden. Bis heute steht Regina Drlik den Al Kometis als freiwilliger "Buddy" zur Seite: ob es um einen Termin beim Zahnarzt geht, um Second-Hand-Kleidung für die Kinder oder um diverse Behördengänge. Es war auch Drlik, die dafür sorgte, dass die sechsjährige Tamara einen nahen Kindergartenplatz bekam. Und es wird auch Drlik sein, die sich - gemeinsam mit der Caritas - um das schier Unmögliche bemüht: eine kleine, leistbare Wohnung in Wien.

Schon diese Woche hat Linda Al Kometi ihr entscheidendes "Interview" mit der Asylbehörde. Verläuft es positiv, könnte sie schon bald anerkannter Flüchtling sein - und damit zwar Anspruch auf Mindestsicherung erhalten, aber zugleich auch eine neue Bleibe suchen müssen. Ihr Mann Mohammad, der schon vor zwei Monaten einen positiven Asylbescheid erhielt, hat einstweilen bei einem Cousin in Favoriten Unterschlupf gefunden. Doch jeden zweiten Tag kommt er hierher nach Heiligenstadt, um nach dem Rechten zu sehen.

Ein Kommen und Gehen

Heute freilich sollte es für ihn eine böse Überraschung geben: Seine Frau Linda liegt im Krankenhaus. "Ein medizinischer Notfall", erklärt Teamleiterin Fischer. Andere werden konkreter und sprechen von starken Rückenschmerzen, die die vierfache Mutter ins Spital gezwungen hätten. Ihre beiden Kinder vermag diese Meldung jedoch nicht zu erschüttern: Nebenan, im Kinderraum, ist schließlich meistens jemand da, der sich um sie kümmert.

Tatsächlich sitzt da Zahra, eine neue Freiwillige mit persischen Wurzeln. "Hallo du", sagt sie zu Lara, "könntest mir helfen, dieses Buch auf Deutsch zu lesen?" Auch Hussein und sein Papa Mohammad nähern sich der Szenerie: Auf dem linken Arm des Vaters döst die zehnmonatige Selma, am anderen zerrt die sechsjährige Tamara. Als das Buch zu Ende ist, beginnt der 53-Jährige mit Hilfe eines Dolmetschers schließlich selber zu erzählen: von den Bomben auf Dar ā, von den hilfsbereiten Österreichern - und von seinem drängenden Wunsch, irgendwann nach dem Ende des Krieges zurück nach Syrien zu gehen. Seine Kinder werde er aber nicht dazu zwingen können, ist er sich bewusst: "Sie werden hier studieren und sich ihr Leben aufbauen", sagt er auf Arabisch. Was sie einmal werden wollen?"Doktorin", kommt es aus Laras Mund geschossen. "Handballer", ergänzt Hussein. Vater Mohammad verzieht den Mund zu einem müden Lächeln. Aber bis zum Ingenieur ist ja noch jede Menge Zeit.

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