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"Sozialere Ventile finden“

Jeglicher Medienkonsum sollte dem realen Leben nutzen, anstatt es zu stören oder zu ersetzen. Ansonsten kann die virtuelle Welt schnell süchtig machen.

Vor allem für Kinder, Jugendliche und deren Eltern birgt der Umgang mit elektronischen Medien viele Herausforderungen, sagt die Wiener Psychologin Malgorzata Zanki, die sich auf Suchtforschung und Suchttherapie spezialisiert hat.

Die Furche: Haben elektronische Medien tatsächlich ein so hohes Suchtpotenzial, wie oft behauptet?

Malgorzata Zanki: Elektronische Medien üben eine große Faszination aus. Die Gefahr besteht, dass User immer mehr in die virtuelle Welt gezogen werden, sich alles andere dem Computer unterordnen muss. Die Welt der Computerspiele ist so schnell und bunt - da kann das reale Leben nach dem Ausschalten schnell trist wirken.

Die Furche: Wie entsteht eine Sucht nach elektronischen Medien?

Zanki: Hinter jeder Sucht stehen ungestillte Bedürfnisse. Wenn sämtliche Bedürfnisse durch die Beschäftigung mit dem PC gestillt werden sollen, wird diese zur Ersatzbefriedigung. Das gehirnphysiologische Problem: Je öfter ein Kind Computer spielt, umso mehr neuronale Verbindungen entstehen im Gehirn. Das Belohnungszentrum wird dabei jedes Mal aktiviert. Beim Ausschalten wird klar: Die Erfolgserlebnisse waren nur virtueller Natur. Das frustriert.

Die Furche: Welche Folgen kann ein übermäßiger Konsum elektronischer Medien haben?

Zanki: In Extremfällen werden Kinder zu "sozialen Invaliden“: Soziale Fähigkeiten wie Empathie, etwa aus Gesichtern Emotionen abzulesen, können nicht online erworben werden. Der Körper spielt in der virtuellen Welt abgesehen von der Auge-Hand-Koordination keine Rolle, sodass die Entwicklung vieler anderer motorischer Fähigkeiten auf der Strecke bleibt. Auch für Erwachsene werden physiologische Bedürfnisse im virtuellen Raum zur Last. Die Folgen sind Schlafentzug, Haltungsschäden oder Fettleibigkeit. Auch Ungeduld ist eine Folge, weil virtuelle Welten extrem beschleunigend wirken.

Die Furche: Was raten Sie Eltern?

Zanki: Kinder dürfen mit elektronischen Medien nicht alleine gelassen werden, denn sie müssen ihre Konsumkompetenz erst erlernen. Eltern sollten die Kinder beim Spielen beobachten: Was gefällt dem Kind an dem Spiel? Wie verändert sich dadurch die Stimmung des Kindes? Welche Alternativen zum Computerspiel könnten dem Kind geboten werden? Ein Kind hat noch kein Gespür dafür, welches Maß ihm gut tut. Die Eltern sollten dem Kind erklären, warum es nicht länger spielen darf, welche anderen Aktivitäten nun warten.

Die Furche: Warum flüchten Jugendliche so gerne in virtuelle Welten?

Zanki: In der Pubertät bieten Computerspiele und Internet Jugendlichen eine Vielzahl an Handlungsspielräumen, die in diesem Lebensabschnitt relevant sind: Identitätsexperimente bis hin zu "gender switching“, also Geschlechterrollenwechsel, Zugehörigkeitsgefühl zu neuen Gruppen, Loslösung vom Einfluss der Eltern, Austesten von Grenzen.Virtuell funktioniert das mit einem Klick, anonym und distanzlos.

Die Furche: Wer ist besonders gefährdet?

Zanki: Ängstliche und depressive Menschen. Einsamkeit und Kommunikationsschwierigkeiten, auch belastende Schulsituationen oder eine Scheidung der Eltern begünstigen eine Flucht in die Computerwelt. Kinder von übertrieben protektiven Eltern können anhand von Computerspielen endlich ihre Selbstwirksamkeit erleben, also eigene Erfolgserlebnisse haben. Durch Spiele wie "World of Warcraft“ erleben viele ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Nach dem Ausschalten haben sie Schuldgefühle und meinen, sie würden ihr Team im Stich lassen. Das Spiel nimmt kein Ende, sondern kreiert ein "Second Life“, was sehr gefährlich ist.

Die Furche: Wie ordnen Sie Spiele mit gewalttätigen Inhalten ein?

Zanki: Ich bin überzeugt, dass Gewaltspiele die Gewaltbereitschaft steigern, weil jede Erfahrung neuronale Spuren im Gehirn hinterlässt. Erst zwischen 22 und 24 Jahren ist der Frontallappen im Hirn ausgereift, der uns zum vernünftigen Handeln befähigt. Deshalb ist es wichtig, junge Leute vor risikoreichen und gewalttätigen Aktivitäten zu schützen. Sie sollten sozial erwünschte Ventile wie Sport oder Argumentation finden, um agressive Impulse auszuleben.

Die furche: Wie viele Jugendliche sind denn computersüchtig?

Zanki: In einer Studie des Suchtforschers Dominik Batthyány zeigten zwölf Prozent der befragten Wiener Jugendlichen ein suchtartiges Computerspielverhalten. Davon sind doppelt so viele Burschen betroffen. Mädchen tendieren mehr zur Kommunikation in Chatrooms.

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