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Ein Netzwerk zum Zusammenwachsen

Je ärmer ein Kind und je bildungsferner die Familie, desto größer die Wirkung eines Unterstützungsprogramms. Die besten Geldanlagen sind die ärmsten Kinder und die jüngsten. (J. Heckman)

In der Längenfeldgasse 28 herrscht großartige Stimmung. Gäste plaudern angeregt, Kinder laufen durch die Menge, Frauen umarmen einander. Einige von ihnen haben sich schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen und tauschen jetzt Neuigkeiten aus. Mitten im Gewusel steht Katharina Kruppa. Die Kinderärztin und Psychotherapeutin heißt jeden persönlich willkommen -und strahlt über das ganze Gesicht. Erst im Juli dieses Jahres hat der von ihr gegründete Verein "Grow Together" hier in Wien Meidling ein passendes Zuhause gefunden. Knapp fünf Monate später haben sich nun neben zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch jene Frauen im neuen Vereinszentrum getroffen, die in der Vergangenheit von "Grow Together" betreut wurden - oder gerade jetzt Unterstützung erhalten. Die meisten haben ihre Kinder mit dabei, manche auch weitere Freunde und Angehörige. Eines wird an diesem Abend jedenfalls deutlich: Das Engagement und die harte Arbeit des Vereins machen sich bezahlt.

Missbrauch, Alkoholismus, Gewalt

Bereits seit vielen Jahren setzt sich Katharina Kruppa für schwangere Frauen und Mütter ein. Seit dem Jahr 2000 leitet sie die von ihr gegründete Baby Care Ambulanz, die sich im Gottfried von Preyer'schen Kinderspital in Wien-Favoriten befindet. Eltern Neugeborener können sich bei Ernährungs-, Still-, Schrei-oder Schlafproblemen hierher wenden. Während ihrer Arbeit als Kinderärztin war Kruppa freilich immer wieder mit ein-und demselben Problem konfrontiert: "Es sind Mütter zu mir gekommen, die sehr belastet waren. Da hat sich die Frage gestellt: Ist es für das Kind überhaupt zumutbar, wenn es bei der Mutter bleibt?", erzählt sie. "Ich hatte also die Wahl. Entweder ich sage zum Schutz des Kindes: Nein, das ist nicht zumutbar. Oder ich sage: Ja, hinter der Mutter liegt zwar eine furchtbare Geschichte, sie ist aber hochmotiviert. Dazu bräuchte es aber viel Unterstützung -und die gab es damals nicht."

Um für solche Fälle einen Lösungsweg zu eröffnen und belastete Frauen und Familien von Anfang an zu unterstützen, hat Kruppa 2012 den Verein "Grow Together" gegründet. Das Team um Kruppa kennt die Geschichten der jungen Frauen. "Viele stammen aus armen oder so genannten 'Problemfamilien'" erzählen Renate Gartmayer und Erika Müller, zwei Mitarbeiterinnen des Vereins. Sexueller Missbrauch, Alkoholismus und Gewalt stünden bei vielen der betreuten Mütter auf der Tagesordnung.

Gemeinsam gegen die Einsamkeit

Durch "Grow Together" können zwölf Frauen durch ihre Schwangerschaft und die ersten Jahre des Mutterseins hindurch begleitet werden. Die Betreuerinnen besuchen die Frauen dabei meist zwei Mal pro Woche, dazu kommt die verpflichtende Teilnahme an einer wöchentlich stattfindenden Mutter-Kind-Gruppe. Psychotherapie stellt eine weitere Säule des Vereins-Konzeptes dar. "Auch wenn es jetzt gerade nicht so aussieht, aber die meisten Mütter hier sind unglaublich einsam", sagt Kruppa während der Eröffnungsfeier des neuen Vereinszentrums. "Diese Einsamkeit ist auch als Betreuerin kaum auszuhalten. Deswegen braucht es ein Netzwerk für die Mütter und ihre Kinder."

"Grow Together" will dieses wichtige Netzwerk bieten. Vielen Müttern ist Katharina Kruppa während der Betreuung selbst intensiv zur Seite gestanden. "Es ist unfassbar schmerzlich für eine Frau, wenn sie ein Kind bekommt und sich niemand mit ihr darüber freut", erzählt sie. Bei "Grow Together" teile man die Freude über die Geburt der Kinder mit den frischgebackenen Müttern. "Wir haben sowohl die Frauen als auch ihre Kinder wirklich ins Herz geschlossen", betont Kruppa. "Und das spüren die Frauen."

Anna P. zum Beispiel, die in Wirklichkeit anders heißt, wurde nach der Geburt ihrer Zwillingstöchter von "Grow Together" unterstützt. Ihr Mann und sie waren mit den zwei Säuglingen vollkommen überfordert. "Weil schon das Anziehen und Ausziehen der Kinder für mich oft kaum zu schaffen war, haben mir die Betreuerinnen von "Grow Together" dabei oft geholfen", erzählt sie. "Sogar im Haushalt haben sie mit angepackt. Und häufig haben sie uns einfach nur zugehört." Ihr Ehemann stimmt ihr zu: "Die Betreuung war sehr professionell -und sehr mitfühlend. Für uns war diese Hilfe wie ein Wunder."

Seit dem Sommer wird das Paar nicht mehr vom Verein betreut. Die Zwillinge besuchen mittlerweile einen Kindergarten. Trotzdem stehen die Eltern weiterhin in Kontakt mit Katharina Kruppa und ihren Mitarbeiterinnen. "Wenn wir Fragen haben, können wir jederzeit anrufen", sagt Anna P. Sie sei "unendlich dankbar" für die Hilfe, die ihrer Familie durch den Verein zuteil wurde. "So eine Betreuung kann Leben retten."

Dass sich frühe Hilfen auch gesellschaftlich rentieren, belegen indes mehrere Studien. Dem US-amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman zufolge kommen für jeden Euro, der in der frühen Kindheit in Präventionsmaßnahmen investiert wird, rund acht Euro zurück -bei sozioökonomisch benachteiligten Kindern sind es sogar 16 Euro. In seiner berühmten Perry-Studie schreibt Heckman: "Je ärmer ein Kind und je bildungsferner die Familie, desto größer die Wirkung eines qualitativ hochwertigen Programms. Die besten Geldanlagen sind die ärmsten Kinder und die jüngsten!" Auch über "Grow Together" wurde vom NPO-Institut (Nonprofit Organisationen) der Wirtschaftsuniversität Wien eine Studie zum "Social Return on Investment" durchgeführt: Hier wird sogar ein Wert von 22 errechnet. Jeder investierte Euro schafft demnach Wirkungen im monetarisierten Gegenwert von 22 Euro.

Genau hinschauen und helfen

Früh zu helfen ist folglich hocheffizient. Glaubt man dem Programm der neuen Bundesregierung, dann soll das Angebot von "Frühen Hilfen" österreichweit bis 2022 weiter ausgebaut werden. Katharina Kruppa und ihr Team von "Grow Together" setzen sich jedenfalls weiter für diese Form der Unterstützung ein. Das neue Vereinszentrum in Wien Meidling ist dabei ein wesentlicher Schritt. "Dadurch steht jenen Frauen, die dringend Hilfe brauchen, nun auch mehr Platz zur Verfügung", erzählt die Kinderärztin und Psychotherapeutin stolz, während sie bei der Eröffnung durch die neuen Räumlichkeiten führt. "Wir haben hier einen Kinderraum, eine Küche, einen Raum für die Mütter und einen Raum für das Team." Die vielen Bilder und Fotos, die an den Wänden hängen, sind in Zusammenarbeit der Mütter mit verschiedenen Künstlerinnen entstanden. Sie alle behandeln auf unterschiedliche Weise das zentrale Motto: "Zusammenwachsen". Kunst sei ein wichtiger therapeutischer Bestandteil der Betreuung, erklärt Kruppa. "Ich gehe jeden Tag an einem Graffito vorbei, das besagt:'Alle Menschen sind Kunstwerke, gezeichnet vom Leben.' Aber umso mehr jemand vom Leben gezeichnet ist, desto weniger wollen die meisten Leute hinschauen." Ihr Verein will hingegen genau das tun, was so viele vermeiden: genau hinschauen -und helfen.

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