Schwangere_Frau - © Foto: Pixabay

Vertrauen als Fundament

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Mutter wird drogensüchtig und obdachlos. Ihr Kind kommt zu Verwandten. Das Schicksal der Frau erscheint hoffnungslos, ihre Helfer geben dennoch nicht auf. Eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art.

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Mutter wird drogensüchtig und obdachlos. Ihr Kind kommt zu Verwandten. Das Schicksal der Frau erscheint hoffnungslos, ihre Helfer geben dennoch nicht auf. Eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art.

Eine junge Frau. Sehr jung sogar. Sie ist weit weg von zu Hause, weil sie ihr kleines Dorf als abwertend erlebt hat. Ein junger Mann. Sehr jung sogar. Er entzieht sich seiner Familie, weil er sie nicht als unterstützend erlebt hat. In der großen Stadt treffen sich die beiden. Dann wird sie schwanger. Viel zu früh. Sie entscheiden sich für das Kind. Das Jugendamt wird aufmerksam, weist das Paar der Betreuungsorganisation „Grow Together“ zu, die Kinder aus schwierigen Verhältnissen beim Start ins Leben unterstützt.

Am Anfang scheint alles gut zu gehen. Beide fassen Vertrauen, das sie bisher zu niemandem hatten. Dennoch, die eigene Geschichte holt sie ein: Er fühlt sich eingeengt. Sie reagiert, wie sie es als Kind gelernt hat: „Impulsdurchbrüche“ wird das genannt. Nie gegen das Kind, aber gegen den Mann und andere. Um ihr Kind kümmert sie sich rührend. Aber die Streitereien eskalieren. Trennung. Sie hat kein Zuhause mehr, weil die Wohnung ihm gehört hat. Ihre Familie will sie nicht aufnehmen. Der letzte Ausweg: ein Obdachlosenheim. Einsamkeit. Isolation. Irgendwann wird der Kummer zu groß. Sie nimmt Drogen, die leicht zu bekommen sind. Sie helfen zu verdrängen. Bis es auffällt.

Eine junge Frau. Sehr jung sogar. Sie ist weit weg von zu Hause, weil sie ihr kleines Dorf als abwertend erlebt hat. Ein junger Mann. Sehr jung sogar. Er entzieht sich seiner Familie, weil er sie nicht als unterstützend erlebt hat. In der großen Stadt treffen sich die beiden. Dann wird sie schwanger. Viel zu früh. Sie entscheiden sich für das Kind. Das Jugendamt wird aufmerksam, weist das Paar der Betreuungsorganisation „Grow Together“ zu, die Kinder aus schwierigen Verhältnissen beim Start ins Leben unterstützt.

Am Anfang scheint alles gut zu gehen. Beide fassen Vertrauen, das sie bisher zu niemandem hatten. Dennoch, die eigene Geschichte holt sie ein: Er fühlt sich eingeengt. Sie reagiert, wie sie es als Kind gelernt hat: „Impulsdurchbrüche“ wird das genannt. Nie gegen das Kind, aber gegen den Mann und andere. Um ihr Kind kümmert sie sich rührend. Aber die Streitereien eskalieren. Trennung. Sie hat kein Zuhause mehr, weil die Wohnung ihm gehört hat. Ihre Familie will sie nicht aufnehmen. Der letzte Ausweg: ein Obdachlosenheim. Einsamkeit. Isolation. Irgendwann wird der Kummer zu groß. Sie nimmt Drogen, die leicht zu bekommen sind. Sie helfen zu verdrängen. Bis es auffällt.

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Nein, das Schicksal der jungen Frau ist keine Erfolgsgeschichte. Wie auch immer „Erfolg“ definiert wird. Aber es gibt auch viele andere Geschichten, in denen Kinder trotz aller Belastungen bei ihren Eltern bleiben und gut groß werden können, weil es frühe und intensive Begleitung gab. Gut geht es auch dem Kind der jungen Frau. So gut es eben möglich ist in solchen Situationen. Auf die Mutter müssen wir indes vertrauen. Auch Maria hat damals, vor 2000 Jahren, vertrauen müssen. Und genau darum erzähle ich diese Geschichte: Weil es um die Liebe zu den Menschen geht. Auch zu denen, die einen anderen Weg gehen als jenen, den wir uns für sie vorstellen. Es geht um die Hoffnung, die trotz allem hält. Um das Vertrauen in den heilen Kern. Um Beziehung, die durch alle Dunkelheiten mitgeht. Und um die Entscheidung, den Blick auf das Heile zu richten, ohne die Augen vor den Grenzen zu verschließen.

Die Autorin ist Kinderärztin und Gründerin von „Grow Together“ (www.growtogether.at).Vertrauen als Fundament
Eine Mutter wird drogensüchtig und obdachlos. Ihr Kind kommt zu Verwandten. Das Schicksal der Frau erscheint hoffnungslos, ihre Helfer geben dennoch nicht auf. Eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art. „ Nein, das Schicksal der jungen Frau ist keine Erfolgsgeschichte. Aber ihrem Kind geht es gut. So gut wie das in diesen Situationen möglich ist.“

So kann das Kind nicht bei ihr bleiben. Das weiß sie selbst. Sie bringt das Kind zu Verwandten. An ihrer Seite: die „Grow Together“-Betreuerin, ihre einzige Bezugsperson. Die Entscheidung, das Mädchen in ein anderes Umfeld zu bringen, ist stimmig. Auch das Jugendamt ist einverstanden.

Das Kind ist ein knappes Jahr alt, fröhlich, liebenswert. Es war immer geschützt durch die Liebe der Mutter – und deren stärkster Anker war die Sorge um ihr Kind.Und jetzt? Ohne das Mädchen hat sie keine Motivation, sich zurückzuhalten. Ein Leben auf der Straße beginnt. Sucht. Sogar der Kontakt zur Betreuerin bricht ab. Doch dann wird die Sehnsucht nach dem Kind übermächtig. Wieder wird ihr die helfende Hand ausgestreckt. Aber: Wo kann ein junger Mensch hin, der psychiatrisch auffällig ist? Eine Herbergssuche beginnt. Eigentlich ist „Grow Together“ nicht mehr zuständig. Denn das Kind ist in Sicherheit. Die Helfer des gemeinnützigen Vereins kümmern sich dennoch. Es ist unbedingt notwendig, diese junge Mutter nicht allein zu lassen. Es braucht sechs Wochen und viele Ablehnungen seitens psychiatrischer Einrichtungen, bis sie einen Platz findet – in einer „Krankenstation zur Stabilisierung“. Weit weg von der Stadt. Mindestens ein halbes Jahr wird sie bleiben. Und dann? Niemand weiß das. Zur „Grow Together“-Betreuerin sagt sie: „Es ist das erste Mal, dass ich nicht in Tränen wohin gehe, sondern mit einem Lächeln. Danke!“.

Nein, das Schicksal der jungen Frau ist keine Erfolgsgeschichte. Aber ihrem Kind geht es gut. So gut wie das in diesen Situationen möglich ist.

Nein, das Schicksal der jungen Frau ist keine Erfolgsgeschichte. Wie auch immer „Erfolg“ definiert wird. Aber es gibt auch viele andere Geschichten, in denen Kinder trotz aller Belastungen bei ihren Eltern bleiben und gut groß werden können, weil es frühe und intensive Begleitung gab. Gut geht es auch dem Kind der jungen Frau. So gut es eben möglich ist in solchen Situationen. Auf die Mutter müssen wir indes vertrauen. Auch Maria hat damals, vor 2000 Jahren, vertrauen müssen. Und genau darum erzähle ich diese Geschichte: Weil es um die Liebe zu den Menschen geht. Auch zu denen, die einen anderen Weg gehen als jenen, den wir uns für sie vorstellen. Es geht um die Hoffnung, die trotz allem hält. Um das Vertrauen in den heilen Kern. Um Beziehung, die durch alle Dunkelheiten mitgeht. Und um die Entscheidung, den Blick auf das Heile zu richten, ohne die Augen vor den Grenzen zu verschließen.

Katharina Kruppa

Die Autorin ist Kinderärztin und Gründerin von „Grow Together

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