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Als der kleine Jesus das erste Mal mit der U-Bahn fuhr

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Weihnachtsgeschichte.

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Eine Weihnachtsgeschichte.

Eines Tages (nehmen wir um es uns leichter vorzustellen einmal an, daß es bei Gott, dem Ewigen, so etwas wie Tage gibt) - eines Tages also beschloß Gott, die Menschen wieder zu besuchen. Denen, die Verhaltensweisen gern kritisch hinterfragen, könnte man anbieten: "Er hatte sie schon lange nicht mehr gesehen" oder "Er sehnte sich nach ihnen". Solche Erklärungen würden aber nicht den Kern der Sache treffen, denn: er ist den Menschen immer nahe; also: warum es nicht einfach so nehmen, wie es war: er wollte den Menschen wieder als Mensch begegnen.

Nun wäre es für den Allmächtigen eine Kleinigkeit gewesen, sich Paß, Visum, Impfzeugnisse - mit einem Wort: eine hieb- und stichfeste menschliche Identität - zu beschaffen, aber: er wählte einen unauffälligen, einen leisen Weg.

Ein Aufzug in einer der U-Bahn-Stationen in einer der großen Städte dieser Welt - warum nicht Wien? - brachte den kleinen Buben hinunter auf den Bahnsteig. Es war Stoßzeit, die zwar nicht so heißt, weil da so viele Menschen drängen und stoßen, die sich aber gerade dadurch von den etwas ruhigeren Zeiten des Tages unterscheidet. Da standen teils nervöse, teils nur wichtig dreinblickende, teils sehr elegant gekleidete Herren, teils mit Aktentaschen oder gleichnamigen Koffern, zusammengerollte großformatige Tageszeitungen unter den Arm geklemmt, ebensolche Damen, das Großformat sorgsam in der Handtasche verwahrt - aber auch andere Formate waren vertreten; weiters Plastik- oder Papiertaschen in allen Größen mit den Aufschriften bekannter Warenhäuser oder weniger bekannter Geschäfte - viele hatten offensichtlich schon Geschenke eingekauft, denn es war bald Weihnachten. Sie alle, und sogar ein etwas schmuddelig wirkender, aber freundlicher Bursche mit einem Mountain-Bike (obwohl das verboten ist), suchten einen Platz in dem einfahrenden Zug zu ergattern - unser Kleiner mittendrin.

Die U-Bahn fuhr an, ratterte und dröhnte durch den engen Tunnel, der Knirps verfolgte neugierig alles um ihn herum, in seinem Gesicht würde man aber auch (wenn man es beachtet hätte) so etwas wie Scheu bemerkt haben - offensichtlich war er noch nicht so oft hier unten gewesen, vielleicht war es überhaupt das erste Mal.

Nach einigen Haltestellen lichtete sich das Gedränge. Plötzlich standen zwei Männer, einer im vorderen Teil des Wagens, einer hinten, die bisher keine besondere Aufmerksamkeit beansprucht hatten (sie trugen Jeans, karierte Wollhemden, bei dem einen ergänzt durch Anorak und gestrickte Mütze, beim anderen abgerundet durch eine beneidenswert abgewetzte Lederjacke und ein Stirnband, das früher einmal gelb gewesen sein mußte), von ihren Sitzen auf, klemmten sich ein Abzeichen an die Brust, das sie als autorisierte Kontrollorgane auswies, und verlangten mit den Worten "Fahrscheinkontrolle" die Fahrkarten der Passagiere zu sehen.

Ein Zeitung-Weglegen, Handschuhe-Ausziehen, ein In-Hand-und-Aktentaschen-Kramen, ein Vom-Sitz-Aufstehen-und-Suchen-in-Manteltaschen setzte ein und war hier und heute anscheinend ausnahmslos von Erfolg gekrönt (der Mountainbiker war schon vorher ausgestiegen), so daß man sich - nur kurz ungehalten über die Unterbrechung - wieder seiner Lektüre oder dem Gespräch mit seinem Nachbarn zuwenden konnte.

Nicht ganz ausnahmslos, denn einer der Kontrollore war eben bei dem Buben angelangt. "Fahrschein? - Den habe ich ... den habe ich vergessen ..." stammelte der Kleine völlig verwirrt. Nun ist es ja nicht zu glauben, daß Gott in seiner Allwissenheit nicht an einen Fahrschein gedacht hätte - aber er war eben auch ganz Mensch geworden und als solchem unterliefen ihm begreiflicherweise Fehler. Konsequent verzichtete er auch darauf, sich von einem seiner Engel noch rasch ein Ticket zustecken zu lassen - oder gar einen Ausweis, den der Mann gerade zu sehen verlangte: er wollte die Sache als Mensch durchstehen.

Beinahe hätte er sein Inkognito gelüftet, denn auf die Frage, wie er heiße, begann er: "Jes ...", verbesserte sich dann aber: "Jeremias" (immerhin auch ein Name mit biblischer Tradition).

Ein Herr - Mitte vierzig, Flanellmantel, Goldrandbrille, Hut aus feinem Filz, tadellos geputzte Schuhe - hatte die Lektüre seines Großformats unterbrochen und die Szene mit jener Mischung ambivalenter Gefühle beobachtet, die sich bei Zaungästen angesichts obrigkeitlichen Handelns besonders gern einstellt: Unmut (wegen der Einmischung der Ordnungsmacht), Amüsement (wegen der Abwechslung), Entrüstung (über das Objekt der Einmischung, den Delinquenten), Zufriedenheit (da nun die Gerechtigkeit siegen würde), Neugier (auf den weiteren Verlauf der Aktion), Schadenfreude (da sich eine gewisse Ratlosigkeit der Kontrollore abzuzeichnen begann - der zweite war seinem Kollegen zu Hilfe geeilt, als er sah, daß es amtszuhandeln galt); Erstaunen (über die Frechheit des Jungen - und als der Knirps auf die Frage, wo er herkomme, sagte: "Nazareth": na also, ein Ausländer! Obwohl der Mann durchaus auch ein kritisches Auge für die Fehler seiner Landsleute und -kinder hatte.)

Nun waren die Kontrollore keine Unmenschen, aber sie wollten doch - nicht zuletzt wegen der so hartnäckig zur Schau gestellten Unbefangenheit des Kleinen (die sie als Unverfrorenheit deuteten) - "ein Exempel statuieren" und erklärten, er müsse in der nächsten Station mit ihnen aussteigen und man werde seine Identität zweifelsfrei festzustellen haben.

Der Mittvierziger war plötzlich peinlich berührt - also alles was Recht war: zwei gegen einen, und die ganze Strenge der Obrigkeit gegen ein Kind ... und vielleicht hatte es ja wirklich nur vergessen! "Ich bezahle den Fahrschein, und bestrafen brauchen sie den Kleinen aber nun wirklich nicht" mischte er sich in die Amtshandlung. Die beiden Kontrollorgane waren zunächst verdutzt, willigten dann aber ein und beließen es bei einer ernsten Ermahnung, umso lieber, als auch schon jene Passagiere, die sich zuerst über die "Chuzpe" des Kindes mokiert hatten, ihren Unmut über die "Paragraphenreiter" zu äußern begannen.

"Danke" sagte Jesus zu dem Mittvierziger, "das war sehr lieb von dir, daß du mir geholfen hast". (Da der Mittvierziger nun doch eine bedeutendere Rolle in der Geschichte zu spielen beginnt, sei sein Name genannt - sagen wir: Jürgen.) Herr Jürgen also, das mußte er zugeben, freute sich. Schon lange hatte keiner (außer seiner Frau und seiner Verwandtschaft zu hohen Festen, versteht sich) gesagt, daß er lieb sei, und erst heute hatte er sich in der Vorstandsbesprechung von seinem Chef fast das genaue Gegenteil anhören müssen. Er betrachtete Jeremias wohlwollend - seine dunklen Augen, das kurze schwarze, in ganz kleinen Locken geringelte Haar, die scharf geschnittene Nase. "So, so, da kommst du also aus Israel, aus dem Heiligen Land!" begann er seine Recherche über die näheren Lebensumstände des Kleinen. "Ja" sagte Jesus. - "Und wie alt bist du?" - "Ich bin ewig !" - Das klang ja wieder wie eine Frechheit, aber so selbstverständlich vorgebracht, daß Herr Jürgen nicht böse war, aber auch nicht weiter fragte - bis auf dies: "Wo sind denn deine Eltern?" - "Mein Vater ist ganz nah" antwortete Jesus mit großem Ernst. Aber bevor Herr Jürgen so richtig zum Nachdenken kam, was das nun wieder heiße, mußte er aussteigen. Wie selbstverständlich nahm er - oder der Kleine ihn - an der Hand, wie selbstverständlich gingen sie miteinander ein Stück die Straße entlang, und Jesus fragte ihn alles Mögliche über das Viertel, in dem Herr Jürgen wohnte - ein sehr gutes Viertel übrigens.

Herr Jürgen versuchte, sich das Absurde dieser Situation klarzumachen: er ging da mit einem Kind an der Hand, das er eine halbe Stunde vorher noch nicht einmal gesehen hatte - und sie sprachen so vertraut miteinander, als ob sie dies seit Jahr und Tag tun würden. Wie oft hörte man von Kindern, die von ihren Eltern betteln geschickt wurden oder vielleicht gar, um eine günstige Gelegenheit für einen Einbruch auszuspionieren. Aber er fühlte sich ganz sicher, und als Jesus sagte: "Ich möchte dich gern besuchen" und: "Könnte ich bei dir etwas zu essen bekommen?", da fand er das ganz normal und hatte die Frage eigentlich erwartet. "Du hast doch nichts vor, und Deine Frau freut sich sicher über Kinderbesuch." - Er hatte wirklich geplant, einen ruhigen Abend daheim zu verbringen; daß er verheiratet war, konnte man am Ehering sehen (er hatte in der U-Bahn die Handschuhe ausgezogen), aber wieso wußte der Bengel, daß sie keine Kinder hatten?

Sie durchquerten den Vorgarten, betraten das moderne, gut ausgestattete Wohnhaus und gingen in das zweite Stockwerk hinauf, das oberste, das Herr Jürgen mit seiner Frau Martha bewohnte. Es roch, natürlich dezent, nach: Tannenbaum (in einer Ecke des Treppenhauses stand einer mit den besten Weihnachtswünschen der Hausverwaltung), nach Gewürzen, nach ein ganz wenig Krautsuppe und schließlich nach Spannteppich. Der demonstrative Kunstfreund im ersten Stock spielte, wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit, seinen CD-Vorrat an geistlicher Musik ab - heute war das Halleluja aus dem Messias dran.

Martha war zwar überrascht über den Besuch, aber nicht im mindesten ablehnend. Der Vollständigkeit halber ist zu berichten, daß Jesus zwar einfach, aber sauber gekleidet war, auch nicht irgendwie unangenehm roch und sich nach dem Eintreten auch gleich die Sandalen auszog. "Das ist Jeremias!", stellte Jürgen ihn vor, als Martha ihm die Hand entgegenstreckte.

Sie aßen mitsammen, und die Art, wie er das Essen annahm, fast ehrfürchtig, wie er "Danke" sagte, erinnerte die Eheleute an etwas, was sie schon längst vergessen zu haben glaubten.

Fröhlich ließen sie den Vorfall in der U-Bahn Revue passieren, Jesus erzählte ihnen von seiner Heimat (dabei vermied er es geschickt, ihnen zu sagen, wie er hierhergekommen war) - aber als die Rede, behutsam gelenkt von Marthas Neugier, auf seine Familie kam, sagte er nur schnell: "Ich muß heim zu meinem Vater." - "Willst du ihn nicht anrufen und noch ein bißchen bleiben?" fragte Martha. - "Das ist nicht nötig, mein Vater weiß immer, wo ich bin" sagte Jesus. (Was für ein vieldeutiges Wort ist doch "anrufen".) "Ich bin gerne bei Menschen, die die Liebe haben, so wie ihr sie habt." Sie schauten einander an: es war schön, das gesagt zu bekommen.

"Was für ein schöner Zufall, daß ich dich heute getroffen habe" sagte Jürgen zu Jeremias - "Es war kein Zufall, du warst mir heute der Nächste" sagte Jesus, und: "Jetzt gehe ich zu meinem Vater."

"Besuch uns doch wieder, und bring deine Eltern mit!" schlugen Jürgen und Martha vor. - "Ich werde wiederkommen - eines Tages" und: "Ich bin immer bei euch."

Das verstanden sie zwar nicht ganz, aber es klang irgendwie nach Vertrautsein, Angenommensein, nach inniger Gemeinschaft. Es berührte sie. Es machte sie froh. Wo hatten sie nur so etwas Ähnliches schon gehört?

Sie winkten ihm nach. Aus der unteren Wohnung drang wieder das Halleluja zu ihnen herauf. Es paßte.

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