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Wohngemeinschaften statt Heime

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Im Zuge der Heimreform in Wien sollen die großen Kinderheime geschlossen und die Heimkinder in familienähnlichen Wohngemeinschaften untergebracht werden.

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Im Zuge der Heimreform in Wien sollen die großen Kinderheime geschlossen und die Heimkinder in familienähnlichen Wohngemeinschaften untergebracht werden.

Martin ist fünf Jahre alt und ein "Heimkind". Er lebt im Charlotte Bühler-Heim im 18. Wiener Gemeindebezirk. Seine Mutter war selbst ein Heimkind und mußte wegen finanzieller Probleme den kleinen Martin der Obhut von Betreuern im Heim anvertrauen.

Martin und sieben weitere Kinder bilden mit vier Betreuern eine selbständige Kleingruppe, die auch räumlich von den anderen Gruppen im Heim getrennt ist. Jeweils zwei Kinder teilen sich ein Zimmer. Die Räume sind hoch. Große Fenster machen den Raum hell und freundlich. Mittelpunkt jeder Kleingruppe ist die Wohnküche, mit Sofas, einem Tisch für mindestens zehn Personen, einer modernen Kücheneinrichtung und Unmengen von Spielen.

In den kommenden Monaten wird Martin und seine Gruppe jedoch das Heim verlassen und in eine Gemeindewohnung umziehen. Das Charlotte Bühler-Heim, eines der größten Kinderheime in Wien, soll im nächsten halben Jahr als erstes von fünf Heimen gänzlich zugunsten von Wohngemeinschaften aufgelassen werden.

Auslöser für diese Umsiedelungsaktion ist die große Heimreform "Heim 2000", initiiert von der Wiener Stadträtin Grete Laska. Ziel ist es, die institutionelle Versorgung in Großeinrichtungen in den nächsten Jahren schrittweise durch natürlich gewachsene Wohn- und Lebensformen zu ersetzen. In den Wohngemeinschaften werden jeweils acht Kinder oder Jugendliche von vier Sozialpädagogen im Turnusdienst betreut.

Fünf Gruppen sind bereits aus dem Charlotte Bühler-Heim ausgezogen. Die restlichen sind noch auf Wohnungssuche. "Wir haben mit den Wohngemeinschaften sehr gute Erfahrungen gemacht", erzählt die Leiterin des Charlotte Bühler-Heims, Margarete Bründl. "Auch hier im Heim gibt es inzwischen nur Gruppen zu jeweils acht Kindern und vier Betreuern, und so wie sie jetzt zusammen leben, gehen sie gemeinsam hinaus und sind dann weitgehend selbständig." In den Kleingruppen können die Kinder enge Beziehungen zu den Betreuern aufbauen, die für diese Kinder sehr wichtig sind. "Das ist dann für die Betreuer manchmal auch ein Problem, weil sie Eifersüchteleien aushalten müssen, etwa wenn sie schwanger sind oder heiraten", lacht Bründl. "Aber die Sozialpädagogen wissen um diese Problematik, und sie bleiben in der Regel, wenn sie etwa aus Karenzgründen ausscheiden, mit den Kindern noch Jahre danach in engem Kontakt."

Ein Grund für die Ausgliederung der Kinder in Wohngemeinschaften ist unter anderem, daß die großen Kinderheime weit entfernt von jenen Stadtgebieten liegen, wo der eigentliche Bedarf für Kinderheime wäre, etwa im 11., 21. oder 22. Bezirk. "Wir versuchen in diesen Gegenden die Wohngemeinschaften zu errichten. Es wäre für die Kinder ein kompletter Verlust ihres Herkunftsmilieus, wenn sie ans andere Ende der Stadt ziehen müßten. Dann müßten sie beispielsweise auch eine andere Schule besuchen, würden ihre Freunde verlieren, und die Eltern müßten lange Anfahrtszeiten in Kauf nehmen, wenn sie ihre Kinder besuchen wollen," so Bründl.

Im Zuge der Heimreform wurde Wien in sechs Regionen unterteilt. Jede Region besitzt mindestens ein Krisenzentrum. Sie dienen als Anlaufstelle, wenn ein Kind sofort aus einer Familie übernommen werden muß. Während des Aufenthaltes des Kindes in der Kriseneinrichtung wird versucht, der Familie zu helfen, selbst die Erziehung des Kindes wieder wahrzunehmen. Nur wenn dies nicht möglich ist, wird das Kind in einer Folgeeinrichtung untergebracht.

Im Laufe eines Jahres werden rund 100 Kinder im Alter zwischen zwei und 15 Jahren in einem Krisenzentrum aufgenommen. Im Schnitt bleiben die Kinder zwei Wochen, wobei zwei Drittel der Kinder wieder in ihre Familien integriert werden können. Die restlichen Kinder müssen in Heimen, Pflegefamilien (siehe Furche Nr. 1) oder in den neuen Wohngemeinschaften untergebracht werden. Die meisten Kinder sind zwischen zehn und 15 Jahre alt (40 Prozent), der Anteil der sechs- bis zehnjährigen beträgt rund ein Drittel.

Die großen Heime werden aufgelassen "Im Prinzip ist eine Pflegefamilie natürlich besser als ein Heim oder eine Wohngemeinschaft", meint Bründl. "In einer Wohngemeinschaft ist immer ein Wechsel der Bezugsperson möglich. Und was die Kinder wirklich brauchen würden, wäre möglichst viel Konstanz. Nur", gibt die Leiterin des Charlotte Bühler-Heims zu bedenken, "sind diese Kinder auf Grund ihrer Vorgeschichte meist sehr schwierig im Umgang. Sie haben oft gesundheitliche Schädigungen und meist schreckliche Erfahrungen gemacht, sind mißbraucht oder mißhandelt worden. Das heißt, daß diese Kinder professionell betreut werden müssen. Viele Familien sind ohne entsprechende Ausbildung überfordert. Und man kann diesen Kindern kaum etwas Schlimmeres antun, als ihnen zuerst eine Familie anzubieten und sie dann, wenn es nicht funktioniert, wieder zurückzuschicken. Das ist viel schlechter, als wenn sie in einem Heim aufwachsen würden."

Der Grund, warum Kinder heute in Heimen untergebracht werden, habe sich in den letzten 30 Jahren sehr stark geändert, weiß Bründl, die bereits seit den sechziger Jahren im Charlotte Bühler-Heim arbeitet. "Die Kinder, die wir früher noch in großer Zahl in Pflegefamilien untergebracht haben, die gibt es nicht mehr. Auch werden heute in Österreich kaum noch Kinder zur Adoption freigegeben." Ausschlaggebend dafür, so Bründl, sei die Familienplanung durch Kontrazeptiva, der Ausbau von Kindertagesheimen, auch für sehr junge Kinder, aber auch die legalisierte Schwangerschaftsunterbrechung.

"In diesem Zusammenhang hat sich natürlich auch in den Heimen vieles getan. Man braucht beispielsweise die Kinder nicht mehr nach Altersgruppen zusammenzufassen, weil es keine Säuglinge mehr gibt. Jetzt sind die Gruppen vom Alter her meist recht unterschiedlich zusammengewürfelt, vom Kleinkind bis zum Jugendlichen. Wir können dadurch auch Geschwister zusammen lassen. Außerdem ist die Gesamtzahl der Kinder stark gesunken. In den sechziger Jahren waren noch 500 Kinder in unserem Heim. Bevor die ersten Gruppen im Sommer das Heim verlassen haben, waren es nur noch 130. Im kommenden Frühjahr können wir das Heim gänzlich schließen."

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