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Es gibt zu wenige Babys

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Wie sieht die österreichische Adoptions-Realität von heute aus? Welches sind die Motive, die kinderlose Paare in die Adoptionsstellen führen; wie geht es den Adoptierten selbst bei ihrer Suche nach eigener Identität?

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Wie sieht die österreichische Adoptions-Realität von heute aus? Welches sind die Motive, die kinderlose Paare in die Adoptionsstellen führen; wie geht es den Adoptierten selbst bei ihrer Suche nach eigener Identität?

Der Zahl der adoptionswilligen Eltempaare (aus Wien, Niederösterreich und Burgenland sind in Wien derzeit rund 400 Ehepaare für ein Kind angemeldet!) stehen - bedingt durch den Geburtenrückgang - nur sehr wenige zur Adoption freigegebene Babies gegenüber. Im vergangenen Jahr 1990 konnten von der Adoptionsstelle des Jugendamtes der Stadt Wien insgesamt nur 45 Kinder „vermittelt" werden. Das ergab bisher für die Elternpaare Wartezeiten von zwei bis drei Jahren, wenn man auf ein „gesundes Baby" eingestellt war.

Behinderte Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, landen vor-ersteinmal im Heim. Sie finden selten adoptionswillige Eltern. Es sind meist die sogenannten „Pflegeeltern", die solche Kinder aus dem Heim herausholen und in die Famlie aufnehmen. Hier kommt es manchmal auch zu Adoptionen nach einem längeren Zusammenleben auf Pflegeeltern-Basis.

Durch das starke Zurückgehen der Geburten in den letzten zehn Jahren bleibt also der Wunsch, ein gesundes Baby adoptieren zu können, ein unerfüllter Traum.

Die Öffnung der Grenzen zu den Ländern der östlichen Nachbarstaaten hat gezeigt, daß für einen unkontrollierten Handel mit Kindern (Rumänien!) Tür und Tor geöffnet wurden, sodaß dieser Möglichkeit, rasch zu einem Kind zu kommen, vorerst wieder ein Riegel vorgeschoben wurde. Pressemeldungen zufolge werden aber aus der BRD und anderen europäischen Ländern nach wie vor organisierte Busreisen zu rumänischen Kinderheimen angeboten und durchgeführt.

Wer sind die Mütter, die heute noch Kinder zur Adoption freigeben?

Dazu Marianne Hennrich, Sozialarbeiterin des Jugendamtes der Stadt Wien: „Zu 75 bis 80 Prozent sind es uneheliche Mütter, die ihre Kinder zur Adoption freigeben. Aber insgesamt findet sich während der Schwangerschaft in 20 Prozent der Fälle noch eine andere Lösung für das Kind als die der Adoption."

Hat sich eine Frau aber bis über das Erlebnis der Geburt hinaus entschlossen, ihr Kind zur Adoption freizugeben, so wird die schriftliche Zustimmung dazu am zweiten oder dritten Tag nach der Geburt des Kindes abgegeben. Diese Frauen bekommen ihre Kinder auch nicht mehr zum Stillen und werden nach der Geburt möglichst von den anderen Wöchnerinnen getrennt auf der gynäkologischen Abteilung untergebracht.

Ob Frauen ihr Kind nach der Geburt noch sehen möchten oder nicht, ist sehr unterschiedlich. Meist lehnen die Mütter das ab, weil sie meinen, daß das Hergeben leichter fällt, wenn man das Kind nicht gesehen hat.

Die „Probezeit" für die Adoptiveltern dauert etwa ein halbes Jahr. Meist wird dieser Zeitraum aber von den Adoptiveltern als zu lang empfunden, und sie wollen „ihr" Kind rascher ganz für sich haben.

Paradox ist auch die Tatsache, daß trotz der geringen Anzahl von Kindern die vermittelt werden, es oft schwierig und langwierig ist, Adoptiveltern zu finden, da der Wunsch nach Kindern aus einer „günstigen Situation" viele Vermittlungen erschwert. Kinder, wo es durch Krankheit, Behinderung, Probleme in der Schwangerschaft oder während der Geburt zur Risiken kommen könnte, finden nur schwer einen Platz.

Neue Trends

Es gibt Bestrebungen, der leiblichen Mütter nach mehr Einflußnahme bei der Suche nach den geeigneten Adoptiveltern. Der Beruf, die Wohnsituation, der Lebensstil und die Religion der zukünftigen Eltern spielen hier eine große Rolle.

In zwei bis drei Fällen jährlich wird derzeit von den Eltern oder Müttern der Wunsch nach Begegnungen mit den zukünftigen Adoptiveltern geäußert („halb offene" Adoption). Der Regelfall in Österreich ist aber nach wie vor die sogenannte „Inkognito-Adoption". Ausländerinnen mit dem Wunsch nach mohammedanischen oder serbischorthodoxen Adoptiveltern für ihr Kind haben es besonders schwer, denn der Großteil der Eltern auf den Wartelisten der Adoptionsstellen sind katholisch, evangelisch oder ohne religiöses Bekenntnis. Von den 45 Kindern die 1990 vermittelt wurden, waren aber immerhin zehn ausländische Kinder, die über die Adoptionsstelle zu neuen Eltern kamen.

Neu ist auch der Wunsch des Adoptierten, seine leiblichen Eltern im späteren Lebensverlauf einmal kennenzulernen. Dieser Wunsch entsteht spätestens im Alter von 20 bis 25 Jahren, zu einem Zeitpunkt, an dem die psychologische' Loslösung von den Adoptiveltern bereits erfolgt ist. Motiv dieses Wunsches sind meist „Identitätsprobleme" und die (berechtigte) Frage und Suche nach den eigenen Wurzeln. Dieser Weg der Identi-tätsfindung wird von Psychologen und Therapeuten gefördert.

Die Adoptionsstelle Wien tritt mit den Anfragen an die leiblichen Mütter heran. Ob diese mit ihrem Kind nach einer derart langen Zeit schriftlichen oder persönlichen Kontakt möchten, ist unterschiedlich: Manche reagieren sehr prompt. Sie rufen an und sagen, daß sie „eigentlich schon immer darauf gewartet haben". Andere Mütter reagieren gar nicht oder lassen sich sogar verleugnen.

Auch dem adoptierten Kind wird geraten, sich den Wunsch nach einem späteren Kennenlernen der leiblichen Mutter gut zu überlegen. Nicht selten spielen übertriebene Wunschvorstellungen und unrealistische Erwartungen hier eine große Rolle. Die Möglichkeit einer Enttäuschung ist hier direkt vorprogammiert.

Im Idealfall, das heißt bei einer für alle Teile geglückten Adoption, trägt ein späteres Kennenlernen auch zu einem nicht unwesentlichen Abbau vorhandener Schuldgefühle bei.

Zeitpunkt für die Aufklärung

Die österreichische Praxis ist so, daß heute die meisten adoptierten Kinder von Anfang an mit der Realität ihrer Adoption aufwachsen. Sie sollten sehr früh mit der Tatsache: „Ich bin aus dem Bauch einer anderen Frau gekommen", vertraut gemacht werden. Diese Realität wächst mit ihrer Entwicklung mit. Eine echte Auseinanderssetzung mit den Freigabegründen der leiblichen Mutter wird aber erst nach der Pubertät empfohlen. Nach eigenen le,idvollen Liebeserfahrungen und mit zunehmender Reife ist eher Verständnis für die Mutter zu erwarten. Aber nicht jeder Adoptierte macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln.

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