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Der harte Weg zum Kinderglück

Paare, die ein Kind aus dem Ausland adoptieren wollen, wissen es: Sie werden auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Doch selten war die Chance auf Adoption so ungünstig wie jetzt.

Wären wir einen Monat früher dran gewesen, dann wäre unser Akt vielleicht schon in Äthiopien", klagt Verena Mayr-Vodak, Mutter von vier Kindern. Und vielleicht hielte sie bereits ein Foto des künftigen Familienmitglieds in den Händen: das Bild eines kleinen äthiopischen Mädchens, auf das sich die Familie so freut, als wäre ihre Mutter mit dem fünften Kind schwanger. Und dann hätten sie es in Äthiopien abgeholt …

Doch dieses Ziel scheint in weiter Ferne zu liegen. Das Paar entschied vor wenigen Jahren, ein Kind aus Äthiopien annehmen zu wollen. Dieses Land habe ihnen sofort zugesagt, erzählt die 42-jährige Wienerin. Sie und ihr Mann haben zwar bereits vier Kinder zwischen elf und 24 Jahren, wollten aber noch eines, allerdings wegen des Alters keine Schwangerschaft riskieren. Sie meldeten sich beim Verein "Brücke nach Äthiopien" (Vorarlberg) an.

Aufgeben oder Pflegekind?

Dann passierte der Albtraum aller Adoptionswilligen und Adoptiveltern: Eine Adoption über den Verein "Family for you" entpuppte sich als Betrug, es war um die Jahreswende 2007/2008. Seither herrschen unter Adoptionswerbern enorme Unsicherheit und Unzufriedenheit. Sie haben den Eindruck, an eine Mauer zu stoßen, auf der die Frage stehen könnte: Soll man Kinder aus dem Ausland überhaupt adoptieren? Eine umstrittene Frage. Die Familie Mayr-Vodak erhielt im Dezember als eines der letzten Paare, die ein Kind aus Äthiopien annehmen wollen, die nötige Bewilligung für eine Pflegestelle. Alle Dokumente waren übersetzt und beglaubigt, es fehlte nur die Home-Study. Dieser Bericht soll dem Kind noch in seiner alten Heimat ein Bild von der aufnahmewilligen Familie vermitteln. Fast alles hatten Mayr-Vodaks fertig, ehe die Behörde anders entschied.

Das Wiener Magistrat 11 - konkret das Referat für Pflege- und Adoptiveltern - verweigert derzeit Pflegestellenbewilligungen und Home-Studies für Paare, die aus Äthiopien adoptieren wollen. Die Familie ist ratlos, sie wollen sich aber auch nicht für ein anderes Land entscheiden.

"Die Behörden lehnen Auslandsadoptionen eigentlich ab", meint Mayr-Vodak. Sie würden zu sehr befürchten, es könnte ein weiterer Betrugsfall öffentlich werden. Ihr wurde daher immer wieder geraten, doch ein Pflegekind zu nehmen, sie wäre als vierfache Mutter bestens geeignet. Ja, das wäre schon eine Alternative, meint Mayr-Vodak. Aber noch kann sie sich von ihrem Wunsch nach Adoption nicht ganz lösen. Wenn schon ein Pflegekind, dann würde sie eines mit afrikanischen Wurzeln nehmen. Aber noch lebt er, ihr Traum.

Der Fall um das Mädchen aus Äthiopien, das kein Waisenkind war, bildet eine Zäsur (siehe Seite 3). Dieser Fall von Betrug und Kinderhandel verstärkte die Kontroverse um Auslandsadoptionen, die schon zuvor polarisierte: Auf der einen Seite der teils verzweifelte und drängende Wunsch meist ungewollt kinderloser Paare nach Zuwachs für ihre Familie - mit besten Absichten. Auf der anderen Seite der Markt, der den Missbrauch des Adoptionswesens begünstigt. Dazu die öffentlich kursierende Meinung, man sollte die Kinder in ihrer Heimat lassen, adoptionswillige Personen sollten spenden und sich nicht als "reiche Retter" hervortun.

"Alle diese Argumente haben einen wahren Kern", meint Margot Zappe vom Verein "Eltern für Kinder Österreich" und selbst Mutter zweier aus dem Ausland adoptierter Kinder. Auslandsadoption sollte stets als die letzte Möglichkeit angesehen werden, einem Kind ein Aufwachsen in einer Familie zu bieten. Und die Adoptionen sollten stets gemäß Haager Abkommen abgewickelt werden. Diese Sicht wird auch von Unicef unterstützt.

Äthiopien ist zwar nicht Mitglied des Haager Abkommens, dennoch arbeiten viele Vereine aus westlichen Ländern mit dem Land zusammen, weil sehr junge Kinder vermittelt werden. Andere Staaten wie Kambodscha, sind zwar Mitglied, aber das asiatische Land schaffte es nicht, Mindeststandards zu erfüllen. Daher stoppte Österreich im Juli nach kurzer Zeit der Öffnung Adoptionen aus Kambodscha. Paare, die ihre Dossiers ins Land geschickt hatten, müssen warten. "Aber das ist Adoption!", betont Martina Reichl-Roßbacher, Leiterin des Referates für Pflege- und Adoptivkinder in Wien. Darauf müssten die Paare eingestellt sein: Dass mit Ländern nicht mehr kooperiert wird, dass sich die politische Lage verändert, dass ein Land die Nachfrage nach Kindern nicht erfüllen kann, dass man als Adoptionswilliger wieder von vorne anfangen muss, oder am Anfang stehen bleibt - wie das Paar P. aus Westösterreich.

Das ungewollt kinderlose Paar hat die Pflegestellenbewilligung, steht aber vor der Frage: Welches Land wählen wir? Das sei zur Zeit die drängendste Frage für Adoptivwerber, wie Jutta Eigner von der Informations-Plattform "adoptionsberatung.at" des steirischen Pflegeelternvereins sagt. "Es fehlt ein Verein, der einen durch den Prozess begleitet, der mit einem Land zusammenarbeitet und Adoptionen streng nach dem Haager Abkommen abwickelt", erklärt die 41-jährige Frau P. In Deutschland gibt es Vereine bzw. freie Jugendwohlfahrtsträger, in Österreich nur "Eltern für Kinder", der aber nur vorbereitet und nicht vermittelt, und "Brücke nach Äthiopien", der zwar vermittelt, aber zur Zeit wegen des Andrangs keine Paare aufnimmt.

"Alle tappen im Dunkeln"

Bis vor Kurzem sei die Slowakei wegen verwaister Roma-Kinder ein gefragtes Land gewesen, erzählt Frau P. "Dann suchten zu viele an, die politische Lage veränderte sich und nun scheint nichts mehr zu gehen." Manche Paare würden sogar US-Vereine kontaktieren oder auf eigene Faust vorgehen. Das gilt wegen der Möglichkeit des Kinderhandels als riskant und ist zudem kostspieliger. Für Frau P. keine Option. "Zur Zeit tappen alle im Dunklen", sagt Frau P. Keiner könne sagen, wie sich die Lage entwickle. Zumindest wird an einer rechtlichen Verbesserung gearbeitet (siehe Seite 3).

Es heißt weiter warten. Dabei hofft das Paar P. seit über einem Jahrzehnt auf Familiennachwuchs. Versuche, mit Hilfe der Reproduktionsmedizin ein Kind zu bekommen, schlugen fehl.

Paare würden nun mehr auf Inlandsadoptionen mit längerer Wartezeit oder auf Pflegekinder ausweichen, berichten Fachleute. Und manche geben auf.

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