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Was ist das: Familie?

2013 wird für österreichische Patchwork-Familien manche Neuerungen bringen - und die internationale Debatte über die "Homo-Ehe“ weiter befeuern.

Die Familie des Räubermädchens ist riesig: Die Räubermama hat sich nämlich in den Drachen verliebt und wohnt jetzt bei ihm und seinen vielen Kindern. Der Räuberpapa ist zur Prinzessin und ihren Kleinen gezogen. Und natürlich hat das Räuberkind selbst auch noch jede Menge Geschwister. Das ist alles ziemlich kompliziert - vor allem rund um Weihnachten.

Ute Krauses Buch "Feiern die auch mit?“ (Bloomsbury) thematisiert die Schwierigkeiten von Patchwork-Familien, "ohne aus dem gelegentlichen Chaos ein unlösbares Problem zu machen“, wie es in einer Besprechung heißt. Doch tatsächlich stehen Beziehungsmodelle abseits der traditionellen "Kernfamilie“ im Alltag vor zahlreichen Hürden. Und die Zahl der Betroffenen nimmt zu: Laut Statistik Austria gab es 2011 in Österreich 9,5 Prozent Patchwork-Familien. In 130.000 der insgesamt 908.000 Familien waren die Eltern unverheiratet, in 137.000 war ein Elternteil alleinerziehend. Die Zahl der Familien mit gleichgeschlechtlichen (Stief-)Eltern ist nicht bekannt: 433 Paare haben sich jedenfalls 2011 in einer Bezirksverwaltungsbehörde "verpartnern“ lassen. (Der Gang aufs Standesamt ist ihnen derzeit verwehrt. Eine Barriere, die erst kürzlich als verfassungskonform bestätigt wurde.)

Familie als "Solidargemeinschaft“

Was ist das also heutzutage: Familie? "Wo noch vor wenigen Jahrzehnten vorwiegend die von außen normierte, hierarchisch und geschlechtsspezifisch strukturierte Familie dominierte (Familie als Ehegemeinschaft), findet sich heute mehr und mehr eine von dem bzw. den Einzelnen bestimmte, vielfältig lebbare, aber nach wie vor auf Dauer angelegte Solidargemeinschaft“, heißt es in der Europäischen Wertestudie 1990-2010. Ob die Politik diese "Solidargemeinschaften“ in gleicher Weise fördern oder der "Kernfamilie“ weiterhin Privilegien einräumen soll, ist seit Jahrzehnten umstritten.

Zumindest im Sorgerechts-Bereich hat man sich nun in Österreich darauf geeinigt, das Gesetz den Bedürfnissen anzupassen: So dürfen Patchwork-Eltern ab 2013 den leiblichen Elternteil in Notfällen in "Obsorgeangelegenheiten des täglichen Lebens“ vertreten. Sie haben auch (wie der leibliche, nicht im gemeinsamen Haushalt lebenden Elternteil) Anspruch auf Pflegeurlaub. Dies alles gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare. Unverheiratete Eltern können am Standesamt ein gemeinsames Sorgerecht vereinbaren und ledige Väter die gemeinsame oder alleinige Obsorge (auch gegen den Willen der Mutter) beantragen. Im Fall von Obsorge-Streitigkeiten bei Trennungen kommt es zu einer "Phase der vorläufigen elterlichen Verantwortung“, bei dem das Gericht für sechs Monate über eine vorläufige Lösung entscheidet. Auch das Heiraten wird mehr Buntheit zulassen: Künftig können Kinder und ganze Familien Doppelnamen führen. Anfallende Gebühren werden mit 50 bzw. 80 Euro gedeckelt.

Abseits dieser Einigungen wird das Thema "Familie“ weiterhin verlässlich als Reibebaum zwischen Liberalen und Konservativen dienen. Wie voraussehbar die Positionen sind, hat nicht nur die Diskussion um das Aufklärungsbuch "Ganz schön intim“ gezeigt, sondern auch jene um die geplante Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes. Nach derzeit gültigem Recht ist "medizinisch unterstützte Fortpflanzung nur in einer Ehe oder Lebensgemeinschaft von Personen verschiedenen Geschlechts zulässig“. Ein Antrag des Obersten Gerichtshofs, diesen Passus über die sexuelle Orientierung als verfassungswidrig aufzuheben, wurde Ende November vom VfGH aus formalen Gründen zurückgewiesen. Bis zu einer Entscheidung wird es wieder Monate dauern. Eine Novelle anno 2013 - samt Öffnung künstlicher Befruchtung für lesbische Paare oder alleinstehende Frauen, wie dies die Mehrheit der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt gefordert hat - wird also unwahrscheinlich.

Streitpunkt "Homo-Ehe“

Sicher ist indes, dass das kommende Jahr die internationale Debatte um die "Homo-Ehe“ weiter befeuern wird: In Deutschland ringt die CDU vor der Bundestagswahl mit der Frage, ob auch gleichgeschlechtliche Paare vom Steuer-Splitting profitieren sollen; im französischen Parlament wird man im Jänner über die Zulassung der Homo-Ehe samt Adoptionsrecht - ein Wahlversprechen von Staatspräsident François Hollande - diskutieren; und in den USA könnte der Oberste Gerichtshof im Juni entscheiden, ob jene kalifornische Volksabstimmung (Proposition 8) aus dem Jahr 2008, bei der sich 52 Prozent gegen die (bereits zugelassene) Homo-Ehe ausgesprochen hatten, verfassungsgemäß war - ein möglicherweise wegweisendes Urteil für die gesamten USA.

Die Frage, was Familie ist, bleibt also auf der Agenda - auch in Niederösterreich, wo sich die Volkspartei mit einer "Denkwerkstatt Familie“ für die Landtagswahl im Frühjahr rüstet. Wie die Jugendlichen des Landes ticken, hat man auf www.familie-noe.at dokumentiert: Immerhin 38 Prozent können sich demnach ein Leben als Hausfrau oder Hausmann vorstellen, wenn der Partner so viel verdient, dass der Lebensunterhalt gesichert ist.

Was wohl unser Räubermädchen geantwortet hätte? Wir können es nur erahnen …

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