Und wenn sie nicht gestorben sind …

Ist die Ehe angesichts der Rekordscheidungsrate ein Auslaufmodell? Nein, sagen Experten, ob Therapeuten oder Geübte vor dem Traualtar. Doch es bedarf einer "Schule" für Beziehungen.

Man kann doch nicht dem Auto die Schuld geben, wenn man in die Mauer fährt", sagt der Wiener Psycho- und Hypnosetherapeut Peter Stöger. "Die Ehe ist kein Auslaufmodell. Es muss ihr aber von den Paaren, welche eine Ehe leben - nicht aber vom Staat oder der Kirche - eine neue Bedeutung gegeben werden." Stöger erklärt die hohe Scheidungsrate - Gesamt 49 Prozent, in Wien 66 Prozent - als Ausdruck einer "großen Umbruchsphase", einer Neuorientierung nach Verschiebung der Geschlechterrollen.

Verzichtet man angesichts dieser hohen Rate von Ehe-Unfällen nicht besser auf das gemeinsame Auto? "Dass eine stabile Zweierbeziehung, nennen wir es Ehe, immer noch das erstrebenswerte Gut ist, beweist allein schon die florierende Industrie für partnersuchende Menschen. Der Mensch ist ein soziales Wesen." Ist er aber monogam? "Wir sind doch sehr an Verbindlichkeit und Einzigartigkeit interessiert. Man will - um aus einem Film zu zitieren - ein gesehenes Leben führen."

Neue Rollen, neues Tempo

"Ich glaube an eine wertschätzende fruchtbare Zweierbeziehung. Jeder muss für sich persönlich entscheiden, ob Ehe oder Lebensgemeinschaft. Die Tatsache, dass so viele Ehen scheitern, gibt doch keinen Hinweis auf die Untauglichkeit der Institution Ehe, sondern auf die völlig überzogenen und falschen Erwartungen", sagt der Therapeut. Bezogen auf die Akzeptanz gewandelter Rollenbilder seien die Frauen den Männern weit voraus, betont Stöger. Also - um beim Bild zu bleiben - die Frauen sitzen nun vermehrt vor dem Steuer und die Männer raunzen immer noch "Geh deinen ehelichen Verpflichtungen nach", sprich: ich bringe das Geld, du führst Haushalt und Familie. Und das Auto, das nur wasche ich! Ohne neues Fahrverhalten rast so ein Paar unweigerlich in die Mauer, auch wenn der Autolack funkelt.

Die Eheschließung mache dann tatsächlich keinen Sinn, wenn damit das Ende allen Werbens verstanden werde, so Stöger, und zitiert einen Witz: Warum enden so viele Märchen mit der Hochzeit? Weil dann nichts mehr kommt. Er hatte schon einige Paare zerknittert vor sich sitzen, wo der Mann sagte: Was willst du denn! Ich habe dich doch geheiratet, das war doch dein Wunsch. Für ihn war das Austauschen der Eheringe das Ende des Engagements, für sie war das erst der Anfang.

Beziehungsarbeit ist also das Zauberwort (siehe Seite 3). Selten fragen Klienten den Therapeuten nach seiner eigenen Lebensgeschichte. "Weil sie nicht relevant ist. Ich muss kein Vorbild sein. Ich bin kein Lobbyist für Trennung oder Zusammenbleiben. Das wichtigste einer Therapie ist es, Klarheit zu schaffen. Vor allem die Kinder kommen mit Klarheit zurecht, nicht aber mit ständigen Spannungen." Wird er aber gefragt, dann erzählt Stöger, dass er seit seiner Scheidung alleinerziehender Vater von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen ist und in einer Lebensgemeinschaft lebt.

Ein "Unfallopfer" und "Mechaniker" zugleich ist Günther Tews. Der erfahrene Linzer Scheidungsanwalt machte selbst zwei Scheidungen durch. Nun lebt er seit 17 Jahren in seiner dritten Ehe. Er ist immer noch "ein Fan der Ehe". Besonders die zweite Scheidung verlief sehr problematisch. Tews verlor den Kontakt zu Tochter und Sohn. Sein Engagement gilt daher Scheidungskindern. Tews, der zurzeit als Anwalt pausiert und als Mediator und Lebens- und Sozialberater tätig ist, gründete 1994 die Initiative "Dialog für Kinder". "Die Eltern sollen auch nach der Scheidung wieder miteinander reden. Wenn ich die Probleme der Eltern gelöst habe, dann geht es auch den Kindern gut."

Die stetig steigende Scheidungsrate erklärt der Jurist und Therapeut auch damit, dass immer mehr Zweitehen geschieden würden. "66 Prozent aller Zweitehen scheitern, und das auch noch viel schneller als der Durchschnitt von neun Jahren Ehedauer", sagt Tews. Er dämpft die Illusion von der neuen Beziehung, in der alles besser wird, und weist auf die Fragilität von Patchwork-Modellen hin. Wer also das Autofahren nach einem großen Unfall nicht gründlich lernt und den Unfall aufarbeitet, der läuft große Gefahr, bald wieder einen Baum zu rammen.

"Das größte Problem für eine neue Beziehung sind die Kinder aus der gescheiterten Ehe. Den immerwährenden Spannungen um die Kinder halten viele Zweitehen nicht stand." Tews Frau arbeitet daher gezielt mit den sogenannten "Nachfolgefrauen" und Stieffamilien, um sie zu stärken. Konflikt- und Kommunikationskompetenz sind für Tews die wichtigsten Instrumente für eine erfolgreiche Ehe.

Zweite Ehe, neuer Clash?

Soll Mann und Frau (in Zukunft vielleicht auch andere Varianten) vor dem Schritt zum Standesamt eine Art Führerscheinprüfung ablegen? Die katholische Kirche verlangt bereits ein verpflichtendes Ehevorbereitungsseminar. Das Feedback der nicht immer hochmotiviert kommenden Teilnehmer sei aber sehr gut, sagt Gabriele Peinbauer-Berger, die eintägige Seminare im Kardinal-König-Haus in Wien führt. "Das Paar hat einen Tag für sich und ihre Beziehung. Hinterher sind die meisten sehr froh, teilgenommen zu haben." Das Seminar wird von einem Ehepaar mit Vorbildwirkung und einem Priester geführt.

Warum sich so viele Paare trennen, sei vor allem darauf zurückzuführen, dass sich Partner zunächst zu sehr aneinander anpassen und ihre eigenen Bedürfnisse nicht artikulieren, sagt Peinbauer-Berger. So braut sich leicht ein riesiger Konflikt zusammen, der dann nicht mehr lösbar ist.

www.hypnosetherapie.at

www.dialogfuerkinder.at

www.kardinal-koenig-haus.at

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