Hengstberger - © Foto: Aktion Regen, Rita Newman

Maria Hengstberger: Wissens-Regen für die Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Seit Jahrzehnten kämpft Maria Hengstberger für die Selbstbestimmung afrikanischer Frauen. Nun wird die Gynäkologin und Österreichs bekannteste Entwicklungshelferin 80 Jahre alt. Das Porträt einer Frau, die ihre Ziele verfolgt.

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Seit Jahrzehnten kämpft Maria Hengstberger für die Selbstbestimmung afrikanischer Frauen. Nun wird die Gynäkologin und Österreichs bekannteste Entwicklungshelferin 80 Jahre alt. Das Porträt einer Frau, die ihre Ziele verfolgt.

Von außen wirkt der Garten in einer kleinen Gemeinde nahe St. Pölten beinahe unscheinbar. Fast übersieht man das kleine Tor, versteckt in einem Carport, das die sichtlich gut gelaunte Maria Hengstberger an diesem Freitagmorgen im Juli öffnet - begleitet von der schwanzwedelnden Schäferhündin Cindy: „Ich liebe die Tiere, und sie lieben mich“, erklärt sie zur Begrüßung. Ein paar Schritte weiter offenbart sich ein wahres Paradies: Kräuter, Feuerlilien, eine Sitznische. Komplettiert wird die grüne Oase von einem plätschernden Brunnen – „den hat mein Mann mir zum 80er gebaut“, erzählt die Gastgeberin.

Von außen wirkt der Garten in einer kleinen Gemeinde nahe St. Pölten beinahe unscheinbar. Fast übersieht man das kleine Tor, versteckt in einem Carport, das die sichtlich gut gelaunte Maria Hengstberger an diesem Freitagmorgen im Juli öffnet - begleitet von der schwanzwedelnden Schäferhündin Cindy: „Ich liebe die Tiere, und sie lieben mich“, erklärt sie zur Begrüßung. Ein paar Schritte weiter offenbart sich ein wahres Paradies: Kräuter, Feuerlilien, eine Sitznische. Komplettiert wird die grüne Oase von einem plätschernden Brunnen – „den hat mein Mann mir zum 80er gebaut“, erzählt die Gastgeberin.

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Ihr 80. Geburtstag ist auch Anlass für dieses Treffen. Das Plätschern im Hintergrund könnte kaum symbolhafter dafür sein, was die Jubilarin in den nächsten zwei Stunden über ihr Leben erzählen wird. 55 Jahre Lebenserfahrung trennen die beiden Gesprächspartnerinnen, dennoch ist man bald beim Du („In Afrika sagen wir nur ,you‘). Schnell wird klar: Maria Hengstberger hat nicht nur vieles zu erzählen, sie hat etwas zu sagen. Mit 80 Jahren denkt sie nicht daran, sich zurückzuziehen. „Ich habe mein Ziel noch nicht ganz erreicht“. Dabei hat diese Frau, die am 2. August 1941 in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zur Welt kam, so vieles geleistet, dass man den Eindruck bekommt, all die Stationen können sich in einem Erwachsenenleben gar nicht ausgehen. Tatsächlich hat Maria Hengstberger zwei Karrieren hingelegt: als Gynäkologin und als Entwicklungshelferin.

Glaubenskrise und Wende

Schon als Kind wusste sie, dass sie diesen Weg gehen will. „Ich hatte eine sehr fromme Mutter, die mich weise und liebevoll erzogen hat“, erzählt Hengstberger. Mit 15 Jahren hat die junge Maria eine Glaubenskrise, will aus der Kirche austreten. „Wie kann mein Gott so viel Leid auf dieser Welt zulassen?“, fragt sie sich damals. Es ist ein Kaplan aus dem Sudetenland, der ihr in einem langen Gespräch vermittelt, dass es das Gute und das Böse auf dieser Welt gibt und es an den Menschen liegt, was sie daraus machen. Daraufhin fasst sie den Entschluss: „Ich werde einmal ein Krankenhaus in Afrika bauen“.

Bis sie ihren Wunsch verwirklichen kann, sollen 30 Jahre vergehen. Zuvor macht sich Maria Hengstberger als Gynäkologin einen Namen, lehrt blinden Krankenschwestern das Abtasten der Brust für die Brustkrebsfrüherkennung, entwickelt die Vakuumglocke zur schonenderen Durchführung von Laparoskopien (Bauchhöhlenspiegelung) und wird Leiterin der Privatklinik Wien West. Am Höhepunkt ihrer Karriere wird sie von Karl-Heinz Böhm und „Menschen für Menschen“ ins krisengebeutelte Äthiopien geholt, um Menschen in Gesundheitsberufen gynäkologische Handgriffe zu lehren. Das ist der Beginn einer Pionierarbeit, die Maria Hengstberger nicht ohne ihren Mann Herbert bestreitet.

Das Paar lernt sich in der Studienzeit kennen. „Ich habe ihm gesagt, wir können nicht heiraten, weil ich Entwicklungshelferin werden will“, erzählt Hengstberger. Doch der Chemiker teilt ihren Traum - mittlerweile ist das Paar seit fast 60 Jahren verheiratet. Kurz nach Hengstbergers Promotion kommt ihre Tochter zur Welt. Es wird ihr einziges Kind bleiben. Im Rückblick ein „Segen“, sagt die Jubilarin. So blieben genügend Ressourcen für ihr Engagement als Entwicklungshelferin.

Ein verantwortungsvolles Leben zu führen heißt, nur so viele Kinder zu haben, dass man sie noch versorgen kann.

„Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich werde geführt“, sagt sie. Schon vor der ersten Reise nach Äthiopien spürt sie „im tiefsten Innersten, dass man den Frauen dort mit Familienplanung helfen können muss“. Vor Ort erarbeitet sie mit den Dorfbewohnerinnen dann die erste Zykluskette ,die später den Beinamen „Babykette“ erhält. Warum ausgerechnet eine Kette? „ Die Frauen, die ich in Äthiopien kennen lernte, hatten ein hohes Schmuckbedürfnis“. Anhand von verschiedenfarbigen Perlen erklärt sie ihnen den weiblichen Zyklus, und dass es Tage gibt, an denen die Frau nicht fruchtbar ist. „Sie konnten sich das ja überhaupt nicht vorstellen.“

Die „Aktion Regen“ entsteht. Seither setzt sich Hengstberger für eine niederschwellige Wissensvermittlung „aus der Kultur heraus“ ein. Damals wie heute nimmt sich die Gynäkologin der Themen Familienplanung, Mutter-Kind-Gesundheit, sexueller und reproduktiver Gesundheit, HIV/Aids-Prävention und Aufklärung zur Beendigung weiblicher Genitalverstümmelung an. Anfangs belächelt – „Ich habe damals an Viktor Frankl geglaubt: `Wer ein Warum im Leben hat, findet das Wie `.“ – , bleibt sie ihren Idealen immer treu. Sie hält Gesundheitsvorträge gegen Spenden und begibt sich auf „Lehr- und Wanderjahre“ durch Brasilien, Indien, Mexiko, Sibirien und Osteuropa.

Das erste Großprojekt der „Aktion Regen“ wird eine Klinik in Indien. In Mexiko entsteht eine Gesundheitsstation, eine weitere in Nicaragua – und den Traum vom Krankenhaus in Afrika erfüllt sie sich mit einem ersten Gesundheitszentrum in Ruanda. Damit die Wissensvermittlung in der Kultur geschehen kann, beginnt sie Sozialarbeiter(innen), die vor Ort bereits als Brückenbauer(innen) mit verschiedenen NGOs zusammenarbeiten, zu schulen und zu „Rainworkers“ auszubilden. Mittlerweile gibt es davon 700 in zehn Ländern Afrikas.

Wassersymbolik im Zentrum

Rund um die Welt kommen Hengstbergers selbst entwickelte Tools – von der „Babykette“ bis zum Gebärmuttermodell „Little Mom“ – zum Einsatz. Die Pionierin vertritt die Ansicht, dass man nur so viele Kinder haben sollte, wie man auch ernähren und versorgen kann – nur so sei ein selbstbestimmtes, verantwortungsvolles Leben möglich und könnten langfristig Armut und Fluchtursachen bekämpft werden. Dabei lag es ihr immer fern, „Afrika mit meinen Tools einzudecken“. Vielmehr hält sie sich an Murphys „Macht des Unterbewusstseins“, also nachhaltige Wissensvermittlung durch Wiederholung.

Es gelte „Wasser an die Wurzeln“ bringen, nur die Blätter zu gießen reiche nicht. Damit wurde die Wassersymbolik zum zentralen Element ihrer Entwicklungsarbeit, denn wie Regen fruchtbares Land bringt, so sorgt jeder Tropfen Wissen für ein Stück Freiheit. Hengstberger denkt ungern problemorientiert, sagt sie. Vielmehr versucht sie Lösungen zu entwickeln. „Sehen – Denken – Handeln“, beschreibt sie ihr Motto, mit dem sie auch auf Rückschläge reagiert. Etwa, als ihre Babykette in den 1990er Jahren von Dritten patentiert wird. Die Verunglimpfung spornt die Entwicklungshelferin nur noch mehr an, ihr Lehr- und Lernmaterial laufend weiterzuentwickeln.

Rund 600.000 Menschen haben laut Schätzungen der „Aktion Regen“ von Hengstbergers Arbeit bereits profitiert. Indes sieht die Aktivistin selbst ihre Ziele noch lange nicht erreicht. Gerade in der Bekämpfung der weiblichen Genitalverstümmelung brauche es noch sehr viel Arbeit.

Die Coronakrise ließ zudem die Zahl der Jugendschwangerschaften wieder steigen. Außerdem müsse die Lebenshilfe in Afrika verstärkt werden, sagt Hengstberger. Auch deshalb denkt sie nicht ans Aufhören. Es gilt, das von ihr entwickelte „Schutzhaus“, ein Ethiktool für einen gesunden Lebensstil, zu verbreiten.

Obwohl sie seit einigen Jahren nicht mehr nach Afrika reist, ist sie in intensivem Kontakt mit den bei der „Aktion Regen“ tätigen Trainer(innen), die aus afrikanischen Ländern stammen. Was es für eine ganzheitliche Wissensvermittlung brauche, sei eine umfassende Vernetzung der verschiedenen NGOs. Vielfach scheitere es da noch am Geld. Zum 80. Geburtstag wünscht sie sich daher keine persönlichen Geschenke, sondern Spenden für ihre Wissensvermittlung in Afrika - damit aus einzelnen Tropfen ein Plätschern wird.

Victoria Schmidt ist freischaffende Autorin in Niederösterreich.

Fakt

Jeder Tropfen zählt

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IBAN: AT30 2011 1000 0372 5200
BIC: GIBAATWW
Weitere Infos unter www.aktionregen.at

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