Es gibt ein paar Dinge, von denen man guten Gewissens behaupten kann, dass sie so alt sind wie die Menschheitsgeschichte selbst: die Religion oder die Kunst zum Beispiel, oder das universell bezeugte Bedürfnis, zu spielen oder zu feiern. Das Messen und Zählen, bereits bei den steinzeitlichen Jägern ein wichtiger Teil des Tageswerks, zählt hier zweifellos dazu. Auch in der Tierwelt gibt es vermessende Aktivitäten von hoher Präzision: Bienen beispielsweise vermögen während ihrer Erkundungsflüge ihr Umfeld abzutasten und verstehen es, die Entfernung zu begehrten Objekten der Flora mit einem "Schwänzeltanz" an den Schwarm mitzuteilen. Der Mensch freilich hat die quantitative Welterfassung zur Perfektion gebracht, und begründet damit auch zu einem guten Teil seinen evolutionären Siegeszug. Denn wie Heinz-Dieter Haustein in seiner "Weltchronik des Messens" anmerkt, würde die moderne Zivilisation ohne die umfangreiche Infrastruktur des Messens, Zählens und Rechnens schlichtweg nicht existieren.

Aus fortwährendem Messen entstehen Vergleichswerte, und aus diesem Fundus kann so etwas wie ein nützliches Schema, ein konsensuales Konzept, eine "Norm" erwachsen: Dieser Begriff wurde in mittelhochdeutscher Zeit aus dem lateinischen Wort für "Richtschnur" oder "Winkelmaß" entlehnt. Wer die Dinge zu normieren trachtet, sollte darauf aus sein, sie so einzurichten, wie es angenehm ist - das jedenfalls verrät die Sprachgeschichte. Das wachsende Interesse an den Möglichkeiten des Messens und später an jenen der Normung ist historisch mit der Absicht verknüpft, die Industrialisierung zu befeuern. Die Rationalisierung der Welt und der oft naive Enthusiasmus für den technischen Fortschritt waren seit der Aufklärung prägend geworden: Zahlreiche Gelehrte, beflügelt von enzyklopädischen Visionen, verfolgten nun in bislang ungeahnter Dimension die "Vermessung der Welt".

"Himmelsräume" und "Erdenleben"

Seit Daniel Kehlmanns gleichnamigem Romanerfolg wird dieses Unterfangen gern mit der abenteuerlichen Biographie des deutschen Naturforschers Alexander von Humboldt (1769-1859) illustriert: ein Mann, der auf seinen ausgedehnten Forschungsreisen stets mit einer Vielzahl von Messinstrumenten beladen war, um diese im südamerikanischen Regenwald ebenso wie in der zentralasiatischen Steppe zu erproben. Humboldts hoch trabende Ambitionen liefen tatsächlich auf eine umfassende Dokumentation alles nur Greifbaren hinaus: "Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen", schrieb er voller Begeisterung, bevor er an der groß angelegten Zusammenschau in seinem Opus magnum ("Kosmos") zu arbeiten begann.

In Kehlmanns Roman erscheint der große Weltreisende allerdings nicht als "Wissenschaftsfürst", als der er schon zu Lebzeiten gerühmt wurde, auch nicht als Vordenker einer globalisierten Wissenschaft, als der er heute verehrt wird, sondern in Form einer leicht bösartigen Gelehrtenkarikatur, als schrulliger Kauz, der mit Leidenschaft Insekten sammelt und Fliegenbeine zählt. "Er hat diesen ewigen Vermessungswahn - auch dort, wo es überhaupt nicht nötig ist", bemerkte der Schriftsteller nachträglich über seine wohl dankbarste Romanfigur.

Objektivierung des Denkens

Heute ist bereits vieles vermessen, von dem Humboldt nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Sofern sich mit der Biographie dieses "Titanen"(Hans Magnus Enzensberger) auch der Siegeszug des Positivismus veranschaulichen lässt, ist sie ungebrochen aktuell. Denn die Vermessung der Welt geht heute in eine neue Runde, eingeläutet durch Informations-und Datentechnologien, die keine Grenzen mehr kennen.

Wenn Historiker dereinst auf unser Zeitalter zurückblicken werden, wird die Gigantomanie des Messens eines der bezeichnendsten Merkmale sein. Besonders exemplarisch zeigt sich dies anhand der neuartigen Vermessung des Menschen -ein Mega-Projekt, das geradezu unvorstellbare Datenmengen generiert und laufend neues Terrain erschließt: Vorangetrieben von der Hirnforschung und der Genetik, wird der einzigartige biologische "Fingerprint" des Menschen entschlüsselt. Riesige biowissenschaftliche Datenbanken und zunehmend standardisierte Messprotokolle werden geschaffen. Die Normierung von Gesundheit und Krankheit wird damit auf eine neue Grundlage gestellt, ebenso wie die Objektivierung unseres Denkens und Empfindens.

Bereits Ende des letzten Jahrhunderts hatte das "Human-Genomprojekt" für neue Maßstäbe im Bereich der Biowissenschaften gesorgt. Durch intensive Bemühungen wurden Millionen an DNA-Sequenzen kartographiert, die unseren Körper charakterisieren und Einfluss auf unsere Gesundheit, unsere Persönlichkeit und unser Verhalten haben. Seit 2003 gilt das gesamte menschliche Erbgut als entziffert -die unvorstellbar lange Reihe der mehr als drei Milliarden Basenpaare an den DNA-Fäden der 23 Chromosomen kann nun gelesen und interpretiert werden. Und das bedeutet hier vor allem: in Zahlen gegossen werden, um Wahrscheinlichkeiten wie das individuelle Krankheitsrisiko oder die Wirksamkeit von Medikamenten einzugrenzen.

Europäisches Forschungsflaggschiff

Sogar geistige Vorgänge werden heute auf die Zahl gebracht: Computer-Bilder des Gehirns veranschaulichen die Quantifizierung des Menschen, indem sie biologische Messungen in komplexen Berechnungen verarbeiten und das Ergebnis quasi-fotographisch aufbereiten. In der Röhre des Hirn-Scanners erhält der Mensch heute das Abbild seiner Geistesverfassungen -Träume, Neurosen, Depressionen, Halluzinationen oder Delirien. Das derzeit größte Forschungsflaggschiff der EU, das "Human Brain Project", soll nun das Gehirn mit seinen Aber-Billionen Synapsen in Form eines Super-Computers simulieren. Zugleich soll der Medizin der Zugang zu riesigen Mengen anonymer Patientendaten eröffnet werden, um neue Diagnose-Kriterien festlegen zu können.

Die Vermessung des Menschen ist dort angekommen, wo bis vor kurzem eine weitgehend unbekannte Zone war: im innersten Bauplans des Lebens und im materiellen Substrat des "Ich"."Wir haben begonnen, und nun kann der Fortschritt nicht mehr aufgehalten werden", sagte der amerikanische Genetik-Pionier Craig Venter angesichts der neuen biomedizinischen Möglichkeiten. Kritische Stimmen hingegen warnen vor der Allmacht einer Haltung, die dazu neigt, den Menschen auf das äußerlich Messbare zu reduzieren. "Dass der den Alltag kolonialisierende und jede politische Entscheidung mittlerweile beeinflussende Positivismus zerschlagen gehört", fordert etwa der Wiener Philosoph Martin Poltrum -sofern "wir nicht der Gefahr erliegen möchten, dass das von Robert Musil im 'Mann ohne Eigenschaften' gezeichnete ironisierende Bild der totalen Verwaltung des Wirklichen real wird".

Ob unser Zeitalter dereinst als eines der "Vermessenheit" in die Geschichte eingehen wird, ist maßgeblich davon abhängig, wie sehr wir auch das Inkommensurable zu "begreifen" imstande sind -Sphären und Dinge, die weder vermessen noch verglichen werden können.

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