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Aufstieg im Ländle

Die wirtschaftliche Vitalität und das hohe industrielle Niveau Vorarlbergs, dessen Bevölkerung nach wie vor im Zunehmen ist, prägen ebenso wie das Beharren auf föderalistischer Staatsauffassung und unbedingter Demokratie, die sich immer dem Souverän,- dem Volk verantwortlich fühlt, neben anderen Besonderheiten das eigenartige Profil dieses 2604 Quadratkilometer großen Ländchens am jungen Rhein. Noch nie, seit man sich erinnern kann, haben seine Bewohner so gute Voraussetzungen für ein zufriedenes und gesichertes Dasein vorgefunden wie im 50. Jahr seiner Selbständigkeit.

Daß das Vorarlberger Volk der Armut und den immer wiederkehrenden Naturkatastrophen früherer Jahrhunderte zunehmend Einhalt gebieten konnte, als noch ein großer Teil der Landesbevölkerung mangels entsprechender Betätigungsmöglichkeiten als Hütebuben, Krauthobler, Gipser und Bauhandwerker alljährlich in das benachbarte Ausland und bis nach Frankreich ziehen mußten oder gar die Auswanderung nach einem fernen Kontinent dem entbehrungsreichen Leben in der.schönen aber kargen Bergheimat vorzog, ist das

Werk und das Verdienst weitblickender Männer mehrerer Generationen, nicht zuletzt aber auch eine Fügung verschiedener glücklicher Umstände. Die Rheinregulierung und viele besonders wichtige Unternehmungen, wie jene unserer Energiewirtschaft oder der Textilindustrie, sind das Werk initiativer und entschlossener Pioniere, die ‘ unserem Land Arbeitsmöglichkeiten und Verdienst bringen, aber auch den nutzbaren Lebensraum dieses Landes vor Gefährdungen durch die Elemente sichern und ausweiten wollten. Die folgenden Generationen konnten daher in vielen Dingen auf soliden Fundamenten weiterbauen, ihre Talente in der Heimat nutzen und hier ihre Lebensgrundlage finden. Sparsamkeit, Sachlichkeit, persönliche Bescheidenheit, ein welt- offener Sinn und aktive Mitarbeit des Unternehmers im Betrieb, als im privaten Bereich Gleichgestellter waren und sind Eigenschaften, die schon bei den Vätern keinen Gedanken an Klassenunterschiede aufkommen ließen. Vom Arbeiter bis zum Fabriksherrn war man gewohnt, ein kleines landwirtschaftliches Gut mit zu bewirtschaften. Die Folge war, daß die Verbindung zur Scholle nicht abriß und daß die Beschäftigung mit gleicher Arbeit eine gewisse Solidarität im Denken zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern erzeugte und viel gegenseitiges Verständnis und soziale Aufgeschlossenheit verbreitete. Diese Haltung hat sehr zum Aufblühen unseres Wirtschaftslebens beigetragen, ohne daß, wie anderwärts, mit diesem Prozeß eine Proletarisierung der unselbständig Erwerbstätigen verbunden gewesen wäre. Dadurch blieben viele Energien, die ansonsten in sozialen Auseinandersetzungen und Arbeitskonflikten hätten engagiert werden müssen, zur Erzielung des bestmöglichen Wirtschaftserfolges frei, wodurch wieder neue unternehmerische Chancen für breite Bevölkerungskreise und Arbeitsplätze geschaffen werden konnten.

Vorarlberg hat infolge seiner geographischen Lage, welche nach den Worten des österreichischen Kulturphilosophen Richard von Kralik die wirkliche Verfassungsgrundlage eines Landes darstellt, in vieler Beziehung eine gewisse Sonderstellung unter den übri-

gen Bundesländern eingenommen, die zu begründen und zu erklären nicht leicht, aber doch notwendig erscheint. Allein die Tatsache, daß unser Land zu einem großen Teil näher bei Paris denn bei seiner Bundeshauptstadt Wien liegt, daß die überwiegende Mehrzahl seiner Flüsse in den Rhein und auf diesem Wege in die Nordsee gelangen und daß der Zugang nach Osten durch die mächtige Wasser- und Wetterscheide des Arlbergs getrennt ist und besonders im Winter der Natur immer wieder geradezu abgetrotzt werden muß, beweist, daß es von der Schöpfung her schon sehr nach Westen orientiert wurde. Dazu kommt die Eigenart der alemannischen Bevölkerung, deren Siedlungsraum sich heute auf fünf politische Staatsgebilde, nämlich auf die Schweiz, Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland und das Fürstentum Liechtenstein verteilt. Österreich mit seiner überwiegend bajuwarisch-slawischen Bevölkerung —, hat in der Hauptsache nur mit Vorarlberg am Siedlungsraum der Alemannen Anteil. Die

Ausgangslage des Landes, die mit dieser Aufzählung keineswegs erschöpft, sondern erst angedeutet sei, erscheint somit als verständliches Ergebnis verschiedener geschichtlicher, ethnischer und geographischer Faktoren, denen eine gewisse zentrifugale Wirkung, wenn man Wien als Zentrum verstanden wissen will, nicht abgesprochen werden kann, die aber in ihrer Wirkung für den Bundesstaat als Ganzes sehr positive Ergebnisse — man denke nur an die Stärkung des föderalistischen Gedankens — zeitigte.

Vorarlbergs unruhiger Geist

Das Gespür unserer Bevölkerung für Freiheit und Demokratie kommt nicht von ungefähr. Unsere Vorfahren hausten jahrhundertelang inmitten einer Umwelt, in welcher Landesfürsten und adelige Herren heruntersahen auf die Masse des niederen Volkes, das zum Knechtsein geboren schien. Die echte Selbstverwaltung unseres Landes war schon Jahrhunderte vor 1861, dem Zeitpunkt, da der Vorarlberger Landtag eingerichtet wurde, verwirklicht. Bauern und Bürger, nicht Vertreter privilegierter Stände, sondern des ganzen Volkes, in dem es keine Leibeigenen gab, waren die einzigen Mitglieder der vermutlich schon im 14. Jahrhundert entstandenen Land- stände, den Vorläufern unseres Landtages. Die Geistlichkeit war im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern nicht vertreten, der Adel war als Folge der Appenzeller Kriege zu Beginn des 15. Jahrhunderts in fast allen Landesteilen zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Diese Kriege waren die wahre Revolution unseres Landes, die der Gleichheit und der Freiheit schon damals eine Gasse bahnten.

Nicht einmal die Reformbemühungen der absolutistischen Herrscher vermochten das Bewußtsein des Volkes, daß die alte ständische Verfassung die bessere war, zum Erlöschen zu bringen. Mit Recht beklagte die landfremde Beamtenschaft in einem Geheimbericht an die Statthalterei in Innsbruck zu Ende des 18. Jahrhunderts, die Vorarlberger hätten einen sehr unruhigen Geist, welcher unter anderem aus der Landesverfassung entspringe, welche demokratisch sei wie in Graubünden, Das Wort „demokratisch“ war damals noch mit einem negativen Beisinn behaftet. Der unglückliche Ausgang des Bayernkrieges im Jahre 1805 machte unser Land zur willkommenen Beute des nach französischem

Muster radikal zentralistisch regierenden und reformierenden blauweißen Einheitsstaates. 1808 wurde den Ständen die Auflösung der ständischen Verfassung mitgeteilt. Nach der Abschüttelung der Bayernherrschaft dauerte es immerhin noch bis zum Jahre 1861, bis das Vorarlberger Volk wieder eine gewählte Volksvertretung zur Besorgung der autonomen Landesangelegenheiten hatte. Vorarlberg entbehrte jedoch noch einer eigenen politischen Oberbehörde. Es wurde im staatlichen Verwaltungsbereich weiterhin von der Statthalterei in Innsbruck aus regiert, nicht immer mit dem entsprechenden Verständnis.

Kurz nachdem zum Ende des ersten Weltkrieges im christlich-sozialen Abgeordnetenklub der Vorarlberger Jodok Fink den Antrag auf Abschaffung der Monarchie und Einrichtung der Republik eingebracht hatte, erließ auch die provisorische Nationalversammlung das Gesetz über die Errichtung Deutschösterreichs als Republik. Die provisorische Landesversammlung beschloß damals, daß Vorarlberg von nun an nicht mehr ein gemeinsames Verwaltungsgebiet mit Tirol bilde, sondern erklärte sich auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes als eigenes, selbständiges Land im Rahmen Deutischösterreichs.

Den Vorarlbergern wird oft zu Unrecht ihre zu jener Zeit geäußerte Absicht, in die schweizerische Eidgenossenschaft einzutreten, nachgetragen. Gleichzeitig wird aber vergessen, daß damals überall wohlbegründete Zweifel an der Lebensfähigkeit des nach dem Untergang der Monarchie noch bestehenden Restgebildes bestand und daß vor allem Tirol und Salzburg zur gleichen Zeit offen und mit Mehrheit für einen Anschluß an den deutschen Nachbarn eintraten. Die alliierten Mächte teilten durch Clemeneeau dem Vorarlberger Landesrat im Jahre 1919 mit, daß sie die Bestrebungen von Vorarlberg, Salzburg, Tirol usw. nicht anerkennen. Die Integrität Österreichs müsse bewahrt bleiben, sonst sei das Gleichgewicht in Europa gestört. Damit war die Sache entschieden.

Wirtschaftswachstum und Vitalität

Die Aufbaujahre dieses selbständigen Landes Vorarlberg waren belastet durch die großen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit. Es mußte darum gehen, der Bevölkerung dieses kleinen, gebirgigen, weder mit Verkehrsgunst zu den W irt sch aftszentren Österreichs noch mit Bodenschätzen ausgestatteten Landes möglichst wirtschaftliche Produktionsbedingungen zu schaffen, um so manchen Nachteil in den Standortgegebenheiten der Wirtschaftsbetriebe auszugleichen. Die verantwortlichen Männer, die sich vor diese Aufgaben gestellt haben, erkannten angesichts der immer mehr steigenden Preise für Kohle und Rohöl zur rechten Zeit die zunehmende Bedeutung der Wasserkräfte. Schon 1919 gewährte der Landtag für den Ausbau derselben den ersten Kredit. Im Jahre 1924 erfolgte die Gründung der Vorarlberger Illwerke. Der Ausbau ihrer gewaltigen Anlagen kam im gleichen Maße der Stromgewinnung wie auch der Arbeitsbeschaffung in einem der bis dahin ärmsten Gebiete unseres Landes zugute. Die Finanzierung dieser kostspieligen Baumaßnahmen konnte im eigenen Lande und auch innerhalb Österreichs nicht gefunden werden. Die Landesregierung war daher bemüht, die großen Wirtschaftsgebiete Deutschlands an einem künftigen Strombezug von den Vorarlberger Illwerken zu interessieren und auch für die hauptsächliche Mitfinanzierung zu gewinnen. Diese Absicht konnte in außerordentlich glücklicher Weise verwirklicht werden, wobei auch ein Vorbezugsrecht des Landes an diesem Stromdarbieten gesichert werden konnte. Damit war wohl eine der entscheidenden Voraussetzungen für die günstige wirtschaftliche Entwicklung, die Vorarlberg erfahren konnte, gesichert. Heute sind die Stauseen und hochführenden Verkehrswege sowie die mechand-

scben Aufstiegshilfen auch touristische Attraktionen und konnten dem Fremdenverkehr zusätzliche Impulse verleihen.

Vorarlbergs Wirtschaft kann sich heute auf drei Säulen stützen: auf die Industrie, die Energiewirtschaft und den Fremdenverkehr. Dank verschiedener Umstände, von denen wohl der Weitblick führender Männer zu den wichtigsten zählt, kann unsere heutige Generation die Früchte dessen, was in den Jahren besonders nach dem ersten Weltkrieg — in der Textilwirtschaft schon früher — grundlegend wurde, in einer einzigartigen Synthese mit optimalem Wirkungsgrad der einzelnen Wirtschaftssparten verkosten. Die Gründung der Dornbimer Messe nach dem zweiten Weltkrieg, deren Veranstaltung jene der Bregenzer Festspiele sinnvoll ergänzt, seien als Höhepunkt des Vorarlberger Kultur- und Wirtschaftslebens hervorgehoben. Trotz zunehmender Industrialisierung und Bevölkerungsvermehrung (Schätzungen zufolge soll es im Jahre 1980 in Vorarlberg 300.000 Einwohner geben) versuchen die Verantwortlichen das mit Schönheiten reich ausgestattete „Ländle“ in seiner Eignung zu erhalten und auch als Erholungsraum mit großem Einzugsbereich zu erweitern. Gerade dieses Anliegen bringt neue, große Probleme, die gesichert erscheinen lassen, daß unsere Landespoldtik auch in Zukunft neben der wachsenden Alltagsarbeit sich mit vielen Fragen, die für die Zukunft des Landes entscheidend sind, werden beschäftigen müssen.

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