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Theologie im Kontext des Lebens

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bedeutung der theologischen Erwachsenenbildung für die Lebendigkeit der Kirche.Vortrag beim 60-Jahrjubiläum der Theologischen Kurse am 11. Oktober im Erzbischöflichen Palais in Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bedeutung der theologischen Erwachsenenbildung für die Lebendigkeit der Kirche.Vortrag beim 60-Jahrjubiläum der Theologischen Kurse am 11. Oktober im Erzbischöflichen Palais in Wien.

Ein kurzer Streifzug durch die 60 Jahre des Bestehens der Theologischen Kurse gibt einen Überblick über das Geschehen der Kirche in diesen Jahren, weist aber auch auf, welche Wirkungen von diesen Kursen in die Kirche am Ort ausgegangen sind. [...]

1. Die Theologie fasziniert eine junge Frau in Innsbruck Am Anfang der Theologischen Kurse steht eine Frau, die ein brennendes Interesse an Theologie hatte, Margarete Schmid, 1914 in Innsbruck geboren. Nach der Lehrerinnenbildungsanstalt wollte sie unbedingt weiterstudieren, am liebsten Theologie. Aber für Frauen war Ende der dreißiger Jahre das Theologiestudium nicht nur nicht üblich, sondern unmöglich. So studierte sie zunächst Philosophie und dissertierte über Thomas von Aquin. Die notwendige Literatur fand sie aber nur in der theologischen Fakultät, wo sie zum ersten Mal Karl Rahner traf, der damals Dogmatik und Religionsphilosophie lehrte. Der Kontext also war eine Kirche, die den Schatz der Theologie ausschließlich für Männer bewahrte, meist für solche, die Priester wurden. Vielleicht hat dieses Verbot für Frauen Margarete Schmid besonders motiviert, sich später dafür einzusetzen, dass möglichst vielen der Zugang zur Theologie eröffnet wird.

2. Das Interesse für Theologie wächst gerade aus dem Widerstand.

1938 kam Margarete Schmid nach Wien und erhielt eine Anstellung in der Erzdiözese Wien. Sie erlebte den so genannten Umbruch und die Brutalität eines autoritären Regimes, das sich immer kirchenfeindlicher gestaltete. Gerade in dieser Zeit entstand die Idee einer "geistigen" und "geistlichen" Aufrüstung im Widerstand. Im Jahr 1940 reifte im Referat für Seelsorge in Wien der Gedanke, ein "Theologisches Laienjahr" einzurichten. Es waren dafür die geistlichen Referenten Karl Rudolf, Otto Mauer und Karl Strobl verantwortlich. Aber die konzeptive Mitarbeiterin, und der stets treibende Motor, war Margarete Schmid.

Der Grundgedanke war, gerade im Widerstand einen bisher eher traditionellen Glauben nun auf seine Tragfähigkeit in einem ganz anderen Umfeld zu prüfen. Fast ohne Propaganda, ja unter mancherlei Gefahren nahmen an diesem Laienjahr durchschnittlich 40 Personen teil. Rückblickend lässt einen staunen, dass man sich damals nicht, wie später in den vom Kommunismus unterdrückten Ländern, nur auf das Wesentliche der Sakramente konzentrierte, sondern erstmals begann, Theologie zu studieren, ohne Berufsabsicht, einfach für das Leben, um Kraft für das Zeugnis des Glaubens in glaubensloser Umgebung zu bekommen. Die Kirche im Widerstand hat anscheinend immer noch die allerbesten Früchte zur Reife gebracht!

3. Eine freie Kirche in einem freien Staat lockt Massen zum Mitgehen an.

Die ältere Generation hat noch die gloriosen fünfziger Jahre erlebt, in denen die Kirche aus den Sakristeien wieder auf die Straße gehen konnte. Und sie hat es mit Tausenden getan. Massen von Jugendlichen zogen Christuslieder singend über die Ringstraße, Rosenkranzbeter in aller Öffentlichkeit, darunter namhafte Politiker, volle Kirchen, ein unübersehbarer Einfluss der Kirche in allen Bereichen der Gesellschaft. Viele, die die Kirche aus Angst vor den Nazis verlassen hatten, kehrten wieder zurück. Kaum jemand trat aus, obwohl auch damals schon, als wir alle noch viel ärmer waren, Kirchenbeitrag zu zahlen war. [...]

In diesen Jahren boomten die Theologischen Kurse. Seit 1950 wurde auch ein "Fernkurs für theologische Laienbildung" angeboten, - er ist jetzt gerade 50 Jahre alt - zuerst österreichweit, dann auch in Deutschland, in der Schweiz, in Südtirol und anderen Ländern. Margarete Schmid sagte stolz, dass in den folgenden Jahren 35.000 Menschen aus 90 Diözesen dieses Angebot angenommen hätten. Die Nachfrage war groß bei einer Generation, die im Krieg oft nicht einmal einen Religionsunterricht erhalten hatte.

So wuchs über alle Pfarraktivitäten hinaus eine große Gruppe theologisch gebildeter Laien heran, die Kirche besser verstehen lernten und vor allem ihren Glauben so reflektierten, dass sie ihn auch im Leben bezeugen konnten. Hier wurde für viele der Grund gelegt, in der Kirche Mitverantwortung auf einem hohen Niveau tragen zu können. Hier wurde man schon vor dem Konzil mit neuen Ansätzen in Bibelwissenschaft, Dogma und Moral vertraut, die erst später zum Reifen kommen sollten. Vielleicht war gerade dadurch im deutschen Sprachraum der Boden so gut bereitet für das Konzil, aber auch die Sehnsucht gewachsen, dass Kirche sich auch durch Laien erneuere.

4. Das Zweite Vatikanische Konzil weckte in hohem Mass neues Interesse für Kirche und Theologie.

Eine Kirche, bisher stark der Tradition verhaftet, suchte auf einmal im Konzil bewusst neue Wege. Eine Theologie wurde offiziell legitimiert, die von Rom aus in den letzten Pontifikatsjahren Pius XII. vermehrt unter restaurativen Druck geraten war, wie etwa 1950 die Enzyklika "Humani generis" zeigte, die vor der Relativierung der Scholastik warnte, und das päpstliche Lehramt wieder besonders stark betonte. Die gerade im deutschen Sprachraum weit gediehene liturgische Bewegung, die Bibelarbeit, die Ökumene wurden bestätigt und offiziell weiterentwickelt. Die Gläubigen wurden zur besonderen Mitverantwortung in der Kirche aufgerufen. All das hat ein riesengroßes Interesse an der Kirche insgesamt, aber auch an der Theologie geweckt.

Die theologische Erwachsenenbildung stand damals ganz im Kontext eines großen Aufbruches in der Kirche. Und während die Medien die Früchte des Konzils oftmals nur missverständlich verkürzt darstellten - wie: Volksaltar, mehr Demokratie, Gewissen gleichsam als Freibrief der Beliebigkeit, Religionsfreiheit als Chiffre für Indifferentismus -, wurden nun in den theologischen Kursen systematisch die neuen Ansätze der Theologie aus den Konzilstexten aufgearbeitet. Nicht nur durch die theologischen Kurse, aber doch auch sehr wohl durch sie wurden Voraussetzungen geschaffen für die qualifizierte Mitverantwortung in Synoden und Gremien, später sogar in hauptamtlichen Diensten in der Kirche, wie Religionsunterricht und pastoralem Gemeindedienst.

Die theologischen Kurse bildeten auch - fast ungewollt - eine wichtige Brücke zwischen den theologischen Fakultäten und der Hierarchie. Margarete Schmid war bei der Auswahl der Dozenten immer sehr wählerisch. Die allermeisten waren Dozenten und Professoren an Fakultäten. Viele aus "ihrem" Professorenstab [...] wurden später Bischöfe. Ich zähle nur auf: Kardinal König, die Diözesanbischöfe Reinhold Stecher, Willi Egger (Bozen-Brixen), die Weihbischöfe Stöger, Moser, Krätzl, Schwarz ...

Es kam im Rahmen der theologischen Kurse bisweilen auch zu sehr ernsten Auseinandersetzungen mit Teilnehmern, die den Erneuerungen des Konzils nicht folgen wollten oder konnten. Ich selbst habe einige solcher Kontroversen erlebt. Im Unterschied zu heutigen, oft polemischen Auseinandersetzungen, waren diese von hohem theologischen Niveau und einer akademischen Streitkultur. Bewusst wollten die Kurse damit einen Beitrag zur Weiterentfaltung der vom Konzil gesetzten neuen theologischen Ansätze leisten und Verständnis für die legitim weiterentwickelte Theologie wecken.

5. Die Theologischen Kurse im Spannungsfeld wachsender kirchlicher Auseinandersetzungen Die heutigen Auseinandersetzungen innerhalb der katholischen Kirche haben mehrere Gründe, einer ist sicher das Ringen um eine Theologie, die Antwort auf die enormen Veränderungen in der Gesellschaft gibt. Innerkirchlich aber geht es vielfach um die Hermeneutik der Konzilstexte. Sie sind zum Teil Kompromisstexte, die aus dem Wortlaut mehrere Deutungen zulassen, und daher nur aus der Tendenz zu verstehen sind, die sich in der Konzilsdebatte zeigte. Schließlich aber wurde in den einzelnen Sparten der Theologie nach der vom Konzil angegeben Richtung weitergedacht. Dem wird allerdings bisweilen in offiziellen Stellungnahmen der Kirche in formaler Berufung auf Konzilstexte Einhalt geboten. Tatsache ist, dass die Spannung zwischen römischem Lehramt und Theologie wieder größer geworden ist. Erstaunlich ist aber andererseits, in welcher Offenheit auch Theologen, oft in breitem Konsens, kritisiert werden. Ich halte diese Auseinandersetzung für fruchtbar, und es dürfte "ängstliche Hüter der Glaubens" nicht zu vorschnellen Zensuren und Verurteilungen verleiten.

Die theologischen Kurse bemühen sich zunächst in großer Verantwortung, eine Theologie weiterzugeben, die auf dem Niveau der legitimen Weiterentwicklung steht. Sie gehen aber auch auf den theologischen Diskurs ein, was geradezu notwendig ist, nimmt man das vom Papst so oft verwendete Wort von der Transparenz in der Kirche ernst. Oberste Leitlinie ist, jeweils die Argumente beider Seiten darzulegen und auchdie jeweilige Autorität, die dahinter steht, zu nennen.

Bisweilen sind auch die theologischen Kurse in Verdacht geraten, Aussagen gemacht zu haben, die nicht ganz rechtgläubig seien. Wir haben solche Anschuldigungen, so uns Namen und Argument bekannt waren, immer zu prüfen versucht. Sehr dankbar sind wir Kardinal Schönborn dafür, dass er gerade in einem solchen Zusammenhang einmal alle Dozierenden der Kurse zu sich eingeladen hat, um solch offene, vielleicht auch strittige Fragen zu besprechen. Wir sehen es aber auch weiterhin als unsere Aufgabe an, Theologie nicht nur "abstrakt", nach einem bestimmten Lehrsystem zu treiben, sondern gerade in dieser für die Kirche so wichtigen Auseinandersetzung, interessierten Menschen, vielfach auch Akademikern, Hilfen zu kritischer Unterscheidung anzubieten.

6. Ein neues Kurskonzept im Kontext neuer Fragen Und damit komme ich noch zu einem Blick in die Zukunft. "Auch Gutes und Bewährtes kann noch besser werden" haben wir in einem Überblick über die beiden Jubiläen der Wiener Theologischen Kurse und des Fernkurses geschrieben. Besser heißt, Theologie muss sich immer neu mühen, etwas für das Leben zu bieten, und nicht zu einem abstrakten, lebensfernen Konstrukt zu werden.

Schon die vielen Veranstaltungen im Vorfeld des heutigen Festes beweisen dies. Es wurden bewusst "Orte der Theologie" gesucht, in denen gleichsam der "Nährwert der Theologischen Kurse für Kirche und Gesellschaft" deutlich wird. Darunter war eine Veranstaltung im Caritas-Socialis-Hospiz für Theologie in der Begleitung am Lebensende; in der Basisgemeinde in Schwechat an Hand der Flüchtlingsarbeit eine Reflexion über Theologie in der Fremde; im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern über Theologie am Krankenbett; im Caritas-Übergangswohnheim für Frauen zum Thema Theologie und Frauenarbeit und im Jugendcafe "Effata" ein Beitrag zur Theologie in Cineplex und Cyberspace. Die Veranstaltungen waren alle erstaunlich gut besucht, längst nicht nur von kirchlichen "Insidern", und vor allem auch - was bei Bildungsveranstaltungen eher selten ist - von Jugendlichen. Es war uns eine Bestätigung, welchen "Nährwert" Theologie für Kirche und Gesellschaft gerade im Hinblick auf diese so wichtigen Themen des Lebens, des Zusammenleben, der Zukunft haben.

Im selben Geist ist auch ein neues Kurskonzept, zunächst für den Fernkurs, im Entstehen. Dieses Konzept legt mehr als bisher Wert darauf, Zusammenhänge darzustellen und Fächer übergreifend denken zu lehren. Der Kurs ist in zwei Stufen gegliedert. Die erste geht stark vom Gedanken der Geschichtlichkeit aus: von der Geschichte der Welt, den geschichtlichen Wurzeln des jüdisch-christlichen Glaubens, der Geschichte "der Christen", aber auch ganz persönlich von der Reflexion des eigenen Lebens. Die zweite Stufe des Kurses beginnt mit der Frage: Was ist Theologie? In vier großen Themen: 1.)Philosophischer Kontext - 2.)Wie gestalte ich als Christ mein Leben? - 3.) Kirche - 4.) Gott, kommen dann doch wieder alle "klassischen" theologischen Fächer zur Sprache.

Die Logik dieses Aufbaus aber ist, dass der "Kontext" des Christseins als Ausgangspunkt genommen wird. Als Christ schreibe ich den "Text meines Lebens" im Kontext eben dieser Gegenwart. Von diesem Kontext aus soll immer nachdrücklicher auf das Geheimnis, aus dem Christen leben, zugegangen werden, und das ist der christlicher Gottesglaube, auch angesichts der Herausforderungen in der Begegnung mit anderen Religionen oder auch einer sich atheistisch gebenden Umwelt.

Wir glauben, dass mit diesem neuen Ansatz ein neues Verständnis für, und auch ein neues Interesse an Theologie geweckt werden wird. Es kann aber auch ein Modell theologischer Erwachsenenbildung über unsere Kurse hinaus (vielleicht auch für den Religionsunterricht) sein, nämlich noch besser deutlich zu machen, was es heute im Sinne des Petrusbriefes 3,15 heißt: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt." [...]

Thema: Am 11. Oktober feierten die Wiener Theologischen Kurse ihr 60-, der Theologische Fernkurs sein 50-jähriges Bestehen. Die furche dokumentiert den - minimal gekürzten - Festvortrag, den der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl, der für die Kurse zuständig ist, zu diesem Anlass gehalten hat. Krätzls Ausführungen zeigen, dass die Entwicklung der Theologischen Kurse ein bewegtes Zeugnis jüngster Kirchengeschichte darstellt.

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