Leitartikel

Ostern im zweiten Pandemie-Jahr: Auferstehung als Störung

1945 1960 1980 2000 2020

Im zweiten Osterfest unter Lockdownbedingungen wird es immer klarer, dass es sich bei der Pandemie keineswegs um eine nur kurze Unterbrechung des Weltenlaufs handelt.

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Im zweiten Osterfest unter Lockdownbedingungen wird es immer klarer, dass es sich bei der Pandemie keineswegs um eine nur kurze Unterbrechung des Weltenlaufs handelt.

Unter den Bildern, mit denen der christliche Auferstehungsglaube aufwartet, gehört das des leeren Grabes zu den schwerer fassbaren. Denn es scheint aus der Auferstehungserfahrung der ersten Zeugen eine Tatort-Szenerie zu machen: die Leere des Grabes als „Sachbeweis“ …

Natürlich will sich der Nichttheologe da nicht auf die Auseinandersetzung über eine „kriminologische“ Beweisbarkeit des Ostergeschehens einlassen. Aber das Bild hat etwas für sich – gerade in den Erfahrungen des letzten Jahres. Denn „leeres Grab“ bedeutet nicht bloß die vermeintliche Störung einer Totenruhe, sondern vielmehr eine Störung von Gewissheiten. Die Aussagen religiöser Texte wie der Osterberichte in den Evangelien liegen gerade für den Zeitgenossen auf dieser Ebene – und sind keine beruhigenden Nachrichten. „Sie fürchteten sich sehr“, berichtet das Neue Testament über die Zeug(inn)en der Auferstehung. Auch diese Erfahrung ist heute weiter präsent.

Unter den Bildern, mit denen der christliche Auferstehungsglaube aufwartet, gehört das des leeren Grabes zu den schwerer fassbaren. Denn es scheint aus der Auferstehungserfahrung der ersten Zeugen eine Tatort-Szenerie zu machen: die Leere des Grabes als „Sachbeweis“ …

Natürlich will sich der Nichttheologe da nicht auf die Auseinandersetzung über eine „kriminologische“ Beweisbarkeit des Ostergeschehens einlassen. Aber das Bild hat etwas für sich – gerade in den Erfahrungen des letzten Jahres. Denn „leeres Grab“ bedeutet nicht bloß die vermeintliche Störung einer Totenruhe, sondern vielmehr eine Störung von Gewissheiten. Die Aussagen religiöser Texte wie der Osterberichte in den Evangelien liegen gerade für den Zeitgenossen auf dieser Ebene – und sind keine beruhigenden Nachrichten. „Sie fürchteten sich sehr“, berichtet das Neue Testament über die Zeug(inn)en der Auferstehung. Auch diese Erfahrung ist heute weiter präsent.

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Im Pandemiejahr 2021 ist es sinnvoll, den Blick auf Ostern über ein solches Bild der Störung von Gewissheiten zu versuchen: Eine reiche, satte Gesellschaft ist aus ihrer falschen Sicherheit herausgerissen, verstört, dass eben doch nicht alles gewiss ist, was durch medizinisch-naturwissenschaftlichen Fortschritt und politische Friedensordnung, an die sich hierzulande viele gewöhnt haben, erreicht schien. Ostern 2021 unterscheidet sich von Ostern 2020 jedenfalls durch die Erkenntnis, dass die Pandemiekrise eben nicht eine lästige Episode,
eine kurze Unterbrechung des Weltenlaufs, wie er gewohnt war, darstellt. Sondern es dämmert vielen, dass da mehr – und Bedrohlicheres – dahintersteckt.

Ein heilsames Geschehen

Das leere Grab, Auferstehung als Bild für die Störung des Gewohnten zu nehmen, mag im ersten Moment paradox erscheinen. Hoffnung durch Störung? Wenn es den Blick aber freimacht für die eigentlichen Fragen der Existenz und des (Über-)Lebens, dann ist dies ein heilsames Geschehen.

Ostern bedarf auch des Tuns der Menschen, die den Opfern eine Stimme verleihen müssen.

Ein kurzer Blick in die Untiefen des politischen Alltags zeigt ja, dass heilsame Störung nottut. Der inszenatorische Umgang mit den Impfproblemen durch Österreich macht auf europäischer Ebene nicht nur böses Blut, sondern untergräbt weiter die erreichte, wenn auch noch lange nicht perfekte Friedensordnung namens Europäische Union: „Bitte stören!“ lautet der Imperativ wider diese Politik. Analoges gilt für die kleinen Machträusche, die sich dieser Tage in den Chatprotokollen bis hinauf zum Bundeskanzler offenbaren. Das mögen Kinkerlitzchen im Vergleich zu den globalen wie kontinentalen wie regionalen Grundfragen sein. Aber diese Kreise sind zu stören.

Wenn die aktuelle Chataffäre dann auch noch offenbart, dass die Regierung der Kirche am Zeug flicken wollte ob deren Widerstands gegen die – damals türkis-blaue, aber heute noch genauso durchgezogene – Flüchtlingspolitik, dann ist schon dies ein Hoffnungsschimmer, dass die politisch sonst so zögerlichen Bischöfe, aber auch unzählige in den Kirchen Engagierte sich mit derartiger „Realpolitik“ nicht abfinden. Die hier propagierte Botschaft als Störung wird also schon längst verkündet – dass nun gar FPÖ-Bürgermeister in Vorarlberg in diesen Chor miteinstimmen: Wer sollte das nicht als Osterzeichen der Hoffnung deuten?

„Es wächst kein Gras über das Grab der Opfer.“ Auf diesen Punkt bringt der Theologe und Priester Franz Gmainer-Pranzl in dieser FURCHE (Seite 5) die Osterbotschaft. Das bedeutet, Ostern bedarf auch des Tuns der Menschen, die eben den Opfern eine Stimme verleihen müssen. Auch und gerade gegen menschenblinde Politik. Das wird erst recht in der Pandemie offenbar. Und wenn Christinnen und Christen im Osterlied singen: „... der Stein ist weg, das Grab ist leer. Halleluja!“, dann sollten sie genau das im Blick haben.

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