Leitartikel

Vatikan verbietet Segnung gleichgeschlechtlicher Paare: Ein Schlag ins Gesicht

1945 1960 1980 2000 2020

„Roma locuta“, nächster Akt: Die Glaubenskongregation verbietet Segnungen gleichgeschlechtlicher Verbindungen. Ein letztlich hilfloser Versuch, denn von „causa finita“ kann keine Rede sein.

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„Roma locuta“, nächster Akt: Die Glaubenskongregation verbietet Segnungen gleichgeschlechtlicher Verbindungen. Ein letztlich hilfloser Versuch, denn von „causa finita“ kann keine Rede sein.

„Rom misst mit zweierlei Maß.“ So schätzt der Münsteraner Theologe Michael Seewald die jüngste Enunziation der Glaubenskongregation ein, welche gleichgeschlechtlichen Paaren einmal mehr den kirchlichen Segen verweigert. Seewalds Reaktion fällt – im Vergleich zu anderen Wortmeldungen – noch verhalten aus und bezieht sich auf die Tatsache, dass der Papst erst vor wenigen Monaten in einem Interview explizit gewürdigt hat, dass es für homosexuelle Lebensgemeinschaften einen rechtlichen Rahmen gibt. Franziskus bezog sich da auf staatliche Gesetzgebungen. In der katholischen Kirche, so lernen wir einmal mehr, gilt das jedoch nicht. Da mag es noch so viele humanwissenschaftliche Erkenntnisse geben, die sexuelle Diversität eben nicht als widernatürliche Abirrungen verteufeln. Und es mögen längst theologische Argumente für eine Weiterentwicklung kirchlicher Lehre auf dem Tisch liegen, denen auch Bischöfe – gerade im deutschen Sprachraum – beipflichten.

„Rom misst mit zweierlei Maß.“ So schätzt der Münsteraner Theologe Michael Seewald die jüngste Enunziation der Glaubenskongregation ein, welche gleichgeschlechtlichen Paaren einmal mehr den kirchlichen Segen verweigert. Seewalds Reaktion fällt – im Vergleich zu anderen Wortmeldungen – noch verhalten aus und bezieht sich auf die Tatsache, dass der Papst erst vor wenigen Monaten in einem Interview explizit gewürdigt hat, dass es für homosexuelle Lebensgemeinschaften einen rechtlichen Rahmen gibt. Franziskus bezog sich da auf staatliche Gesetzgebungen. In der katholischen Kirche, so lernen wir einmal mehr, gilt das jedoch nicht. Da mag es noch so viele humanwissenschaftliche Erkenntnisse geben, die sexuelle Diversität eben nicht als widernatürliche Abirrungen verteufeln. Und es mögen längst theologische Argumente für eine Weiterentwicklung kirchlicher Lehre auf dem Tisch liegen, denen auch Bischöfe – gerade im deutschen Sprachraum – beipflichten.

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Das apodiktische Njet aus dem Vatikan ist vom Ergebnis her gedacht: Es darf nicht sein, und von daher versucht die Glaubensbehörde den Spagat zwischen „unabänderlicher“ Lehre und dem Wahrnehmen, dass die Wirklichkeit doch anders sein könnte. Auch wenn man es etwas netter formuliert hat: Gleichgeschlechtliche Verbindungen sind sündhaft – und insbesondere der Sex dabei. Und gleichzeitig bemüht sich das Papier wortreich, Homosexuelle menschlich achten und kirchlich begleiten zu wollen.

Nicht so leben dürfen, wie man ist

Nicht nur Betroffene müssen solch argumentativen Eiertanz als zutiefst verletzend empfinden. Eine religiöse Institution, die so auf die Menschenwürde pocht und diese – biblisch – vom Menschen als Gottes Ebenbild herleitet, vergreift sich auch am eigenen Gottesbild: Denn Schwule und Lesben sind eben auch Teil der Schöpfung. Die kirchlichen Stellvertreter Gottes bestreiten das nicht einmal mehr, sondern sie setzen nur hinzu: Also gut, ihr seid nun einmal da; aber ihr dürft nur nicht so leben, wie ihr seid!

Man soll wohl auch nüchtern betrachten, welcher Haufen namens katholische Weltkirche da zusammenzuhalten ist: In den USA beispielsweise gibt es landauf, landab katholische Priester, die so sehr auf die „reine Lehre“ pochen, dass sie predigten, es wäre eine Todsünde, für (den Katholiken!) Joe Biden zu stimmen – und bis heute finden sich dort sogar Bischöfe, die dem nunmehrigen Präsidenten das Christsein absprechen. Auf der anderen Seite – etwa in der deutschen Kirche, deren „Umtriebe“ auch das Papier abstellen will – treten sogar Bischöfe Segnungen für homosexuelle Paare, der Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester oder der Öffnung des Weiheamts für Frauen näher.

Man kann die Diversität der Entwicklungen ausblenden, indem man so tut, als ob man mit Dekreten einen Status quo, den es nicht mehr gibt (und den es so auch nie gegeben hat), perpetuieren kann, den römischen Weg also weiter zu gehen versucht.

Gerade das aber könnte der Holzweg sein. Denn will Kirche bei den Menschen sein, dann müssen sich ihre Hirten dem „Geruch der Schafe“ (Zitat von Franziskus!) aussetzen und von daher ihre Seelsorge und damit auch ihre „Lehre“ entwickeln. Das ist, so erzählt es das Neue Testament ja in vielerlei Beispielen, auch der jesuanische Weg.

Die aktuelle römische Segensverweigerung atmet diesen Geist gerade nicht. Das wissen Christin und Christ an der Basis längst. Rom wird daher weiter an Autorität verlieren. Und zwar nicht erst in ferner Zukunft. Wo es schon brennt – aktuell in missbrauchsgeschüttelten Ortskirchen wie z. B. in Köln –, laufen der katholischen Kirche die Schafe längst in Herdenstärke davon. Die jüngste Aktion der Glaubenswächter ist so auch ein Schlag ins Gesicht all derer, die dennoch für ihre Kirche brennen und rennen.