Kirche und Homosexualität: Vom Fluch zum Segen

1945 1960 1980 2000 2020

Über den veränderten Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität.

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Über den veränderten Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität.

„Schwul zu werden heißt, sich ins Feuer von Vokabeln zu stellen, die man tausendmal gehört hat und deren verletzende Kraft man schon lange kennt. Es ist ein Begehren, das von einer Zerbrechlichkeit und einer bewussten, immer und überall verspürten Verletzlichkeit gekennzeichnet ist.“ Der französische Soziologe Didier Eribon beschreibt in „Rückkehr nach Reims“ eindrücklich, was es bedeutet, in einem schwulenfeindlichen Milieu großzuwerden, die vernichtenden Schimpfworte lange schon zu kennen und dann schmerzlich einsehen zu müssen, dass man selbst damit gemeint ist.

Die römisch-katholische Kirche hat Teil an den zahllosen Diskursen und Praktiken, die die soziale Vulnerabilität gleichgeschlechtlich liebender Menschen extrem erhöhen. Inwiefern ist sie als ein Global Player der Homophobie mitverantwortlich an Verbrechen, die im heterosexuellen Homogenisierungsdruck begangen werden? Zwar ist der Ton gegenüber homosexuellen Menschen in meiner Kirche in den letzten Jahren zurückhaltender geworden. Aber die Segensverweigerung für gleichgeschlechtliche Paare legt eine bittere Wahrheit bloß. „Segen“ heißt im Lateinischen benedictio, Gut-Sagen. Die Verweigerung des Segens ist eine maledictio. Und das bedeutet „Schmähung, Verwünschung“ oder auch „Fluch“. Bei Eribon kann man nachlesen, was das bedeutet.

Dass sich im deutschsprachigen Raum so großer Widerstand gegen die Segensverweigerung regt, ist ein Hoffnungszeichen. Nun heißt es, beharrlich dranzubleiben. Bei der Homophobie stehen Menschenrechte auf dem Spiel, für die meine Kirche bei Anderen gerne eintritt. Was man nach außen fordert, muss man nach innen selbst verwirklichen. Eine radikale Umkehr ist notwendig, damit aus dem Fluch endlich ein Segen wird.

Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg.

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