Gesalbter der Lebendigen ...

Die "gerecht" gemachte Weihnachtsgeschichte. Ein evangelischer Einwurf von Klaus Schacht.

Difficile est satiram non scribere", meinte der römische Dichter Juvenal: "Es fällt schwer, keine Satire zu schreiben." Wenn ich erlebe, wie ansonsten durchaus nüchterne und als Theologinnen und Theologen historisch-kritisch denkende Freunde und Freundinnen in einen wahren Glückstaumel verfallen angesichts der Bibel in gerechter Sprache, dann weckt das meine Skepsis und auch meine Spottlust. Ein in mancher Hinsicht gutes, in vieler Hinsicht gut gemeintes Unternehmen, das durch unnötige Übertreibungen problematisch wurde. Zuerst durch Übertreibungen in den seit Jahren vorweg zu vernehmenden preisenden Ankündigungen - verbunden mit Diffamierung möglicher Kritiker. Eine der HerausgeberInnen, die Pfarrerin Hanna Köhler, wusste die Motive der Kritiker im Voraus: "Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit, vor theologischen Positionen, die nicht die ihren sind."

Nun liegt das Werk vor. Wo beginnen mit einer Beurteilung dieser genau 2400 Seiten?

Passend zur Jahreszeit will ich die Weihnachtsgeschichte aus dem zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums unter die Lupe nehmen. Die beginnt bekanntlich mit dem Bericht über den kaiserlichen Befehl, "alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen". So die Übersetzung der für die katholische Kirche maßgebliche Einheitsübersetzung. Die Bibel in gerechter Sprache", die ja die Bibel verständlicher machen möchte, übersetzt so: "... dass sich der ganze Weltkreis registrieren lassen sollte." Ich kann keineswegs finden, dass so das Gemeinte deutlicher wird. Erstaunlich vor allem, dass sich hier die Bibel in gerechter Sprache etwas entgehen lässt, was sie sonst mit großem Eifer betreibt: Überall, wo Frauen mit gemeint sind - oder auch nur mit der geringsten Wahrscheinlichkeit gemeint sein könnten! -, die Frauen auch wirklich zu nennen. Warum also hier nicht einfach, in Ergänzung der Einheitsübersetzung, von "Bewohnerinnen und Bewohnern" reden, wo doch nachher ausdrücklich berichtet wird, dass sich Josef "eintragen lassen wollte mit Maria, seiner Verlobten".

Plötzlich ein neues Licht?

Zum Thema "geschlechtergerechte Sprache" wird in der Einleitung der Bibel in gerechter Sprache auf Levitikus 6,11 hingewiesen, wo es - wörtlich übersetzt - heiße: "Alles Männliche unter den Söhnen Aarons": Damit werde "plötzlich die übliche Sprache in ein neues Licht getaucht" und man sehe, "dass der Begriff ,Söhne Aarons' normalerweise offenkundig auch Frauen" umfasse. Nun, gar so plötzlich kommt dieses neue Licht nicht daher: Jedes hebräische Wörterbuch und die meisten Übersetzungen wissen schon längst, dass "Söhne" hier richtiger mit "Nachkommen" zu übersetzen ist.

Zurück zur Weihnachtsgeschichte: Es "kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft" (Einheitsübersetzung). Während die Bibel in gerechter Sprache bei Übersetzungsvorschlägen sonst oft befremdlich kreativ ist, heißt es hier, den griechischen Text wörtlich wiedergebend und ausweitend, "es erfüllte sich die Zeit ihrer Schwangerschaft, so dass sie gebären sollte".

Wie gesagt: Wo Frauen mit gemeint sein könnten, werden sie auch genannt. Darum also auch "Hirten und Hirtinnen, die draußen lebten und über ihre Herde in der Nacht wachten". Das überrascht zwar, leuchtet aber ein: Von den Zeiten der Erzväter und-mütter bis zum heutigen Tag sind die Hirten samt ihren Familien als Nomaden unterwegs.

"Da trat ein Engel der Lebendigen zu ihnen." Hier - bei der Benennung Gottes - trifft nun das Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit zusammen mit dem zweiten großen Anliegen der Bibel in gerechter Sprache, der "Gerechtigkeit im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog". Es wird unterstellt, dass die meisten Bibelleserinnen und-leser sich daran gewöhnt hätten, sich "Gott in inneren und äußeren Bildern männlich vorzustellen".

Der Teufel ist männlich

Um daher "dem Missverständnis vorzubeugen, dass Gott in der Bibel eine patriarchale oder Patriarchat rechtfertigende Größe wäre und um eine bis heute dominierende androzentrische Festlegung Gottes aufzubrechen", werden 18 verschiedene, teils männliche, teils weibliche Ausdrücke zur Benennung Gottes angeboten. Außerdem vermeidet man für Gott das Wort "Vater". Mit Akribie wird beobachtet, dass, wer Jesus nachfolgt, nach Markus 10,30 zwar neue Geschwister, Mütter und Kinder erhält - nicht aber neue Väter.

Das "Vaterunser" nach Matthäus beginnt in der Bibel in gerechter Sprache so: "Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel". Bei Lukas: einfach "Du Gott." Ich frage mich: Wenn Gott, was ja außer Zweifel steht, jenseits der Geschlechterpolarität steht - wie ist es mit dem Teufel? In Joh 8,44 sagt Jesus zu den Juden laut Bibel in gerechter Sprache: "Ihr kommt vom Teufel als Vater her." Eh klar - der Teufel kann nur ein Mann sein!

Jesus Christus nicht "Herr"?

Die gängigen Bibelübersetzungen nennen Gott zumeist "Herr". Das ist im Alten Testament Ersatz für den Eigennamen Gottes (Jahwe). Im Neuen Testament steht schon im griechischen Text das Wort für "Herr" (Kyrios). In der Bibel in gerechter Sprache werden weder der Eigenname, noch das griechische oder deutsche Ersatzwort verwendet, auch weil man sich weitestgehend an den jüdischen Brauch anschließen will, der das Aussprechen des Gottesnamens vermeidet. Dies sei vermutlich eine "konsequente Auffassung eines der ,Zehn Gebote', welches den Missbrauch des Gottesnamens untersagt." Nun entspricht diese totale Vermeidung keineswegs dem ursprünglichen Sinn des Gebotes und ist erst ganz am Ende der Zeit des Alten Testaments aufgekommen - zu einer Zeit, in der etwa auch das Gebot der Sabbat-Heiligung mit äußerster Strenge praktiziert wurde, ohne dass Christen sich heute genötigt fühlen, aus Respekt vor dem Judentum sich dem anzupassen.

Darum also in der Weihnachtsgeschichte statt "der Herr": "die Lebendige". Ob wohl den Übersetzern und Übersetzerinnen auch der (!) Engel des Herrn Probleme bereitet hat? Immerhin sind nach Lk 20,36 die Auferstandenen engelgleich, und während sie nach der Einheitsübersetzung "zu Söhnen Gottes geworden sind", übersetzt die Bibel in gerechter Sprache geschlechtsneutral mit "Kinder Gottes". Wenn wir es schon so genau nehmen: Ich hätte nichts dagegen, wenn das "Gloria in excelsis" nicht nur von einem reinen Männerchor gesungen würde.

Wer wurde, laut der Botschaft des "Engels der Lebendigen", geboren? Uns ist geläufig: Es ist laut Einheitsübersetzung der Retter - "er ist der Messias, der Herr." Nach der Bibel in gerechter Sprache ist es "der Gesalbte der Lebendigen." Die Einheitsübersetzung übersetzt hier (ausnahmsweise) den Christus-Titel zurück ins Hebräische. Die Bibel in gerechter Sprache verwendet die Übersetzung ins Deutsche, was ebenfalls eine Ausnahme ist, weil sonst durchgängig das hebräische Wort "Messias" verwendet wird, auch in den späteren Schriften des Neuen Testaments, in denen "Jesus Christus" schon längst zum Doppelnamen geworden war. Es soll so an die jüdische Herkunft Jesu erinnert werden. Dass aber Jesus sich bruchlos mit der damaligen jüdischen Messiashoffnung identifiziert habe und dass dafür ein Jesus-Wort aus dem Johannesevangelium (4,26) als historisch verlässlicher Beleg benützt wird, ist doch sehr erstaunlich. Aber laut Bibel in gerechter Sprache ist ja das Johannes-Evangelium "ein jüdischer Text in griechischer Sprache"!

Da protestiere ich!

Aber wieso "der Gesalbte der Lebendigen", also des Herrn, also Gottes? Das ist er gewiss, aber wird er nicht in der Weihnachtsgeschichte auch selbst "der Herr" genannt? Nein, meint die Bibel in gerechter Sprache - sie verweigert Jesus durchgehend den Titel "Herr". Im Johannesevangelium nennt sie ihn "Rabbi" (wohl damit es mehr nach "jüdischem Text" aussieht), bei Matthäus wird statt "Herr" einfach nur der Name "Jesus" gesagt. Und sonst gibt es mancherlei Umschreibungen. Vor allem aber wird - auch wenn im Zusammenhang noch so unwahrscheinlich - als der "Herr" Gott selbst (oder eben: "die Lebendige" usw.) verstanden. Einheitsübersetzung: "Jesus ist der Herr" (Röm 10,9). Bibel in gerechter Sprache: "Es ist Jesus, dem wir gehören." Wenige Verse weiter: "Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden." Nein, laut Bibel in gerechter Sprache ist es (hier und an vielen anderen Stellen) nicht Jesus, der angerufen wird, sondern: "Alle, die den Namen der Lebendigen anrufen, werden gerettet." Und überhaupt: Auch wo eindeutig die Gottesprädikation Jesu ausgesprochen wird, etwa am Beginn des Johannesevangeliums ("Das Wort war Gott") heißt es nun: "Die Weisheit war wie (!) Gott". (Ob man "das Wort" durch "die Weisheit" ersetzen kann, wäre gesondert zu diskutieren.)

Die Bibel in gerechter Sprache meint, wenn mit "der Herr" (angeblich!) an einigen Stellen Gott bzw. Gottes Eigenname und nicht Jesus Christus gemeint sei, "können gewohnte Denkmuster irritiert werden". Nun, dieses "Denkmuster" ist das christliche, trinitarische Glaubensbekenntnis. Das ist nun freilich für Juden nicht akzeptabel. Soll es deshalb durch eine "gerechte" Übersetzung in Frage gestellt werden? Da spotte ich nicht mehr, da protestiere ich.

Der Autor ist in Oberösterreich Fachinspektor für den evangelischen Religionsunterricht.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau