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Gott hat viele Namen

Frank Crüsemann im furche-Gespräch über die "Bibel in gerechter Sprache", was sie kann und was sie leisten will.

Frank Crüsemann (Jahrgang 1938) ist einer der Herausgeber und Übersetzer der Bibel in gerechter Sprache. Er studierte von 1958 bis 1964 Evangelische Theologie, promovierte 1968 in Mainz und habilitierte sich 1975 in Heidelberg. Von 1980 bis zu seiner Emeritierung war er an der Kirchlichen Hochschule Bethel Professor für Altes Testament.

Crüsemann gehört nicht nur zu den Protagonisten einer sozialgeschichtlichen Bibelauslegung, sondern hat mit seinen Büchern über die Tora auch wichtige Beiträge zum christlich-jüdischen Dialog geliefert. Für die Bibel in gerechter Sprache übersetzte er die ersten 36 Kapitel des Buches Genesis sowie das Buch Hosea.

Die Furche: Welche Prinzipien haben Sie bei der "Bibel in gerechter Sprache" geleitet?

Frank Crüsemann: Es gibt drei große Bewegungen in den letzten Jahrzehnten, die die Bibel neu entdeckt haben: Das eine ist die Befreiungstheologie und die europäischen Entsprechungen, in denen von der Seite der Armen und Unterdrückten die Bibel neu als ihr Buch der Gerechtigkeit entdeckt wurde.

Das zweite sind die Frauen. Es war ja erst mal eine große Distanz da von der kirchlichen Frauenbewegung: "Wenn Gott ein Mann ist, ist dann das Männliche Gott?" So hieß es, und viele haben die Kirche verlassen. Aber dann wurde Schritt für Schritt auch hier Gerechtigkeit entdeckt.

Und das dritte ist die neue Lesart der Bibel, die sich im christlich-jüdischen Dialog für unsere christliche Seite entwickelt hat. Hier hat man gemerkt, wie wir große Teile der Bibel, speziell des Neuen Testamentes, antijüdisch gelesen haben. Dabei kommen die Texte aus einer großen Gemeinsamkeit mit dem Judentum. Von da aus haben wir versucht, gewisse Grundsätze für die Übersetzung zu entwickeln.

Die Furche: Von Franz Rosenzweig, der gemeinsam mit Martin Buber die berühmte jüdische Bibelübersetzung ins Deutsche besorgte, stammt der Satz, der Übersetzer sei immer ein Diener zweier Herren: des Textes und der Leser. Welchem Herren haben Sie sich näher gefühlt?

Crüsemann: Es gibt einen Satz aus dem Talmud: "Wer einen Vers wörtlich übersetzt, ist ein Lügner, und wer etwas hinzufügt, ist ein Verräter." Also man darf beides nicht beim Übersetzen.

Es ist ein kreativer Akt. Manchmal gelingt es in unserer heutigen Sprache das auszudrücken, was nach besten Wissen und Gewissen damals gemeint war. Das geht oft nur in Freiheit. Unser großes Beispiel ist Martin Luther. Der hat ja nicht wörtlich und sklavisch übersetzt. Er hat sich eine große Freiheit genommen, weil er meinte, mit der Bibel theologisch übereinzustimmen. Er hat das verstanden, was da steht, und hat dann versucht, es in der Sprache seiner Zeit auszudrücken. "Den Leuten aufs Maul zu schauen", nannte er das. Und das hieß gerade nicht, ihnen nach dem Mund zu reden, sondern das Fremde so zu sagen, dass es heute verständlich wird.

Die Furche: Sie wollen dem fremden Text gerecht werden, aber wenn Sie - zum Beispiel im Johannesevangelium - Gott als eine "sie" übersetzen (vgl. Abb. Seite 24), dann tun Sie das doch aus einem heutigen dogmatischen Bedürfnis heraus. Dem Schreiber des Johannesevangeliums wird das doch fern gelegen haben.

Crüsemann: Da bin ich gar nicht sicher. Es gibt kaum einen Satz, den so viele Christen unterschreiben würden, wie den, dass Gott nicht männlich ist. "Gott ist natürlich etwas anderes", sagt jeder, "Gott ist nicht einfach ein Mann", obwohl wir alle diese Bilder vom alten Mann mit grauem Bart im Kopf haben. Michelangelo, Dürer, alle großen Maler haben das gemalt, das Bilderverbot übertreten und uns ein Bild dahergezaubert, an das man ja nicht glauben kann.

Das Alte Testament spiegelt den Prozess, wie in Israel die Einheit Gottes, dass es einen einzige Gottheit gibt, immer deutlicher formuliert worden ist. Wir finden auf der einen Seite dominante männliche Bilder, aber wir finden zugleich eine ganze Reihe von Grundsatzaussagen wie im Hoseabuch: "Gott bin ich und nicht ein Mann", oder im Deuteronomium: "Ihr habt am Sinai nichts weibliches und nichts männliches gesehen." Nur so kann ein Monotheismus, ein Glaube an eine einzige Gottheit, funktionieren: Gott ist jenseits der Geschlechterpolarität. Diesen Zug versuchen wir in der Tat stark zu machen. Ich glaube, davon gehen die Texte auch alle aus.

Die Furche: Ich verstehe, dass Sie sagen, das männliche Gottesbild ist nicht biblisch fundiert. Aber übersetzen Sie nicht doch gegen dieses Gottesbild an, und werden so unter Umständen nicht dem jeweiligen Text gerecht. Denn noch einmal: Wie kommen Sie dazu, dass der Schreiber des Johannesevangeliums sich Gott weiblich vorgestellt hat?

Crüsemann: Das wird er auch nicht getan haben. Deswegen wechseln wir ja auch in der Übersetzung: Gott wird nicht nur weiblich präsentiert. Ich selber habe einen großen Teil der Genesis übersetzt; und schon im ersten Kapitel steht der Satz, dass Gott die Menschen weiblich und männlich geschaffen hat. Dann wird gesagt, sie sind das Bild Gottes. Das heißt, das Bild Gottes ist weiblich und männlich.

Das ist eine so provokante Aussage, die aber verdeckt wurde, und die wir nun versuchen in unserer Übersetzung wiederzugeben. Wir sind ja auch nicht die einzige Übersetzung, aber wir sind die ersten, die diesen fundamentalen Zug im Gottesbild einmal konsequent durchhalten. Das fehlte bisher.

Die Furche: Sie fürchten also nicht, dass Sie die Freiheit der Interpretation einschränken, in dem Sie eine produktive Verwirrung vorgebe?

Crüsemann: Es gibt Bibeln wie die Elberfelder Übersetzung, die ich als Professor auch empfehle, die sehr sklavisch-wörtlich sind. Das sind notwendige Hilfsmittel. Im Konzert der Übersetzungen sind wir eine Stimme, aber eine Stimme, die bisher fehlte. Unsere Übersetzung bringt Elemente des Textes zum Vorschein und in das heutige Deutsch, die bisher immer nur im Hinterkopf waren, wo dann irgendwann gesagt wird: "Ja natürlich ist Gott kein Mann."

Unsere Übersetzung verändert biblische Texte, und ich denke, in den meisten Fällen verändert es die Texte im Sinne der Autorinnen und Autoren.

Die Furche: Sie streiten engagiert für Ihre Übersetzung. Der Vorsitzende des Beirates der Bibel in gerechter Sprache, der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, Peter Steinacker, sagte: "Im Gottesdienst benutze ich weiter die Lutherübersetzung." Das muss Ihnen doch weh tun, oder?

Crüsemann: Er hat gesagt "in der Liturgie" - was immer das heißt. Und er hat das für sich persönlich gesagt. Okay.

Die Furche: Aber sollte er nicht als Vorsitzender des Beirates einer der ersten Förderer dieses Projektes sein?

Crüsemann: Das ist er ja auch. Von unseren Anfängen beim Kirchentag 1979 an haben wir nie beansprucht, die einzige Übersetzung zu sein. Wenn Sie die Kirchentagsprogramme aufschlagen, sehen sie immer unsere neben der Lutherübersetzung.

Und das ist das, was wir wollten: dass man vergleichen kann, dass man ein andere Stimme hört.

Es geht bei dem liturgischen Gebrauch um eine Dimension, die bei uns sicher nicht die zentrale ist, nämlich die ästhetische; es geht um die Schönheit der Texte. Ich würde sagen: Hier sind wir realistischer als Luther. Bei Luther klingt alles wie Luther. Er hat das alles in seinen Sound übersetzt.

Bei uns werden die einzelnen Bücher von unterschiedlichen Übersetzern verantwortet mit zum Teil sehr unterschiedlichen sprachlichen Potenzialen. Manche Übersetzungen, zum Beispiel manche der Paulusbriefe, finde ich mindestens so schön wie Luther. Es gibt andere Übersetzungen, die sind sehr nüchtern, sehr karg und trocken.

Das entspricht durchaus auch einer Vielfalt biblischer Stile. Man muss die Samuelbücher oder die Königsbücher nicht so übersetzen wie das Hohelied der Liebe oder die Psalmen.

Die Furche: Sind sie mit diesen Aussagen von Peter Steinacker zur Einführung der neuen Übersetzung nicht schon ganz schön in der Defensive?

Crüsemann: Ich habe das bewundert, dass er und seine Kirche uns Geld und die Projektstelle zur Verfügung gestellt und damit die Basis für die Übersetzung geschaffen haben.

Die Furche: Gehört da soviel Mut dazu im evangelischen Deutschland?

Crüsemann: Bei Geld gehört immer Mut dazu, so was gegen gewisse Trends und Vorbehalte zu entscheiden. Und wir haben darauf bestanden, dass uns der Beirat nicht Befehle geben kann; auch nicht der Kirchenpräsident, der der Geldgeber ist.

Die Freiheit, die wir als Herausgeber haben, und die die einzelnen Übersetzer haben, die hat auch eine andere Seite: Natürlich erwarten wir nicht, dass die offizielle Kirche uns nur umarmt. Das ist auch nicht der Sinn der Sache.

Die Furche: Aber wenn Ihre Bibelübersetzung auch mal zu Gottesdienstlesungen genutzt wird, hätten sie auch nichts dagegen.

Crüsemann: Wir haben Hunderte von Gemeinden, die uns unterstützen. Ich habe da überhaupt keine Sorge. Mein Ideal ist wirklich eine Verbindung von beidem: Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, in dem es traditionelle Texte und Lieder gab mit "Herr" und dem traditionellen Vokabular, und daneben gab es plötzlich ganz bekannte biblische Texte in einer neuen, nämlich unserer Übersetzung.

Und so stelle ich mir das vor in einem Gottesdienst: Einerseits die Tradition und andererseits die Tradition neu gesagt. Es wäre ganz falsch, hier eine Alternative aufzumachen.

Das Gespräch führte Christoph Fleischmann.

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