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Einheitsbibel: Ein Ereignis in der Kirche

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Nicht nur eitel Freude war die Reaktion auf die Ankündigung der „Einheitsbibel" in revidierter oder - wie man auch hören kann - in endgültiger Fassung. Kopfschütteln gab es bei Outsidern („wie oft wird das Buch noch übersetzt?"), Unwillen auch bei Insidern („seit dem Konzil nichts als Änderungen"). Dennoch: das Interesse ist unwahrscheinlich groß, vor allem staunenswert in eher kirchlich distanzierten Kreisen.

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Nicht nur eitel Freude war die Reaktion auf die Ankündigung der „Einheitsbibel" in revidierter oder - wie man auch hören kann - in endgültiger Fassung. Kopfschütteln gab es bei Outsidern („wie oft wird das Buch noch übersetzt?"), Unwillen auch bei Insidern („seit dem Konzil nichts als Änderungen"). Dennoch: das Interesse ist unwahrscheinlich groß, vor allem staunenswert in eher kirchlich distanzierten Kreisen.

Man horcht auf, wenn man von hundertdreißig Mitarbeitern erfährt, die sich noch dazu nicht bloß aus Theologen, sondern auch aus Sprachwissenschaftlern und Schriftstellern (darunter Heinrich Boll, Christa Reinig und Rudolf Henz) zusammensetzten, wenn von einem Zeitaufwand von immerhin achtzehn Jahren die Rede ist. Die Nachfrage ist jedenfalls so groß, daß die Auslieferung im ganzen deutschen Sprachgebiet (nicht nur in Österreich) zunächst einmal zusammengebrochen ist.

Eine solche Übersetzung hat es in der Geschichte der katholischen Kirche des deutschen Sprachraumes bis jetzt noch nicht gegeben. Die offizielle Liturgie war ja vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil lateinisch und in dieser Sprache gab es von alters her die einheitliche „Vulgata", die auf den Kirchenvater Hieronymus (+ ca. 420) zurückgeht. Man erinnere sich an das Dilemma, daß in den einzelnen Gebetbüchern verschie-dtnste Psalmenübersetzungen vorzufinden waren, daß nicht einmal die Perikopenbücher, aus denen Lesung und Evangelium bei der Messe vorgetragen wurden, in ihrer Diktion übereinstimmten.

Eine einheitliche katholische Ubersetzung zu schaffen, war, so gesehen, zunächst einmal eine Konsequenz der Liturgieerneujjun idjej, c'ar Landessprache größeren Raum bot. Man machte sich die Erfahrung der evangelischen Christen zu eigen, bei denen durch die Verwendung eines einzigen Textes, des von Luther, eine weit bessere Vertrautheit mit der Bibel als bei den Katholiken entstanden war.

Die deutschsprachigen Bischöfe gaben daher schon während des Konzils die neue Ubersetzung in Auftrag, wobei von Anfang an das Ziel war, diesen Text der Liturgie und der Katechese zugrunde zu legen. Private Initiativen für Ubersetzungen sind damit jedoch nicht ausgeschaltet.

1972 erschien eine Vor-Ausgabe des Neuen Testaments, 1974 eine solche des Alten Testaments in Form von unkommentierten Leseexemplaren. Man nahm das Risiko auf sich, den Text zunächst einmal in der Praxis zu erproben. In diesem Vorstadium fand er Eingang in die bereits notwendig gewordenen Lektionare, aber auch in Schul- und Gebetbücher.

Die Reaktion: über elftausend Abänderungsvorschläge kamen von der Basis zurück. Für die eingesetzte Revisionskommission ergaben sich nun andere Kriterien als die der Bibel-und Sprachwissenschafter, die nun in vielen Fällen - aus ihrer Sicht -Rückzüge in Kauf nehmen mußten. Im Frühjahr 1978 konnte die Kommission das Ergebnis ihrer Arbeit den Bischöfen vorlegen, die sich vorbehaltlich einiger Änderungen zu dem Text bekannten.

Im Herbst 1979 wurde nun von Kardinal Höffner in Bonn und von Kardinal König in Wien zunächst einmal das „neue" Neue Testament vorgelegt. Das Alte Testament wird im Frühjahr 1980 nachfolgen.

Der verdienstvolle Initiator der Ubersetzung und Leiter des eigens für sie geschaffenen Institutes „Katholische Bibelanstalt Stuttgart", Professor Otto Knoch, charakterisiert die Ubersetzung so: „Das alte Wort ist neu auszusagen, damit die immer gültige Botschaft Gottes auch heute gehört und verstanden, angenommen und gelebt werden kann." Mit diesen Worten ist der Vorwurf,

den man heute vielfach den Kirchen macht, aus „Anbiederungsgründen" auf ihre „klassischen" Ubersetzungen zu verzichten, entkräftet.

Die archaische Diktion mag Stimmung wecken, schafft aber für jeden, der sich neu mit der Bibel auseinandersetzen will, Distanz. Interesse genügt nicht; für die Kirchen ist die Bibel nach wie vor, ja heute mehr als früher, ein Buch, das einen Anspruch erhebt. Es muß den Menschen treffen, ihm unter die Haut gehen. Ein ästhetisch-traditionalistischer Ansatz wäre von da her gesehen, zu schwach.

So heißt es etwa im neuen Text: „Jagt der Liebe nach! Strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor al- ■ lern nach der prophetischen Rede!" In der Luther-Übersetzung (revidierter Text 1956) lautete die Stelle so: „Strebet nach der Liebe! Befleißiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget!"

heitsübersetzung bereits den Vorwurf, sie sei zu rational, „zu wenig vom Gemüt und Herz geprägt".

Daß dieser Vorwurf nicht allein auf Grund der lutherischen Tradition erfolgt, zeigt der Textvergleich mit einer romantisierenden katholischen Ubersetzung aus den zwanziger Jahren' von Schäfer, die in die weitverbreitete Parsch-Bibel Eingang gefunden hat: „Trachtet nach der Liebe! Eifrig bemüht euch um die Geistesgaben, besonders aber, daß ihr prophetisch redet."

Nicht alle Ubersetzungsversuche haben die Reformkommission überlebt. Der Gegendruck von der Basis her, der vor allem vom liturgischen Gebrauch bestimmt war, forderte manches zurück, was bereits zur Literatur geworden war, so etwa das Wort „selig" bei den nun einmal schon so genannten „Seligkeiten". In der Version von 1972 hieß es bekanntlich: „Wohl denen, die trauern" usw., wobei man dem griechischen Wort „makarios" gerecht werden wollte, das nicht die Jenseitige" Färbung wie das deutsche „selig" hat.

Ob die Ubersetzung als „literarisch wertvoll" zu bezeichnen ist, wird man nicht nur in Vergleichen mit früheren Ubersetzungen ersehen können. Ein Manko belastet die Einheitsübersetzung und im übrigen auch die beiden anderen großen deutschen Bibelübersetzungen unserer Zeit (Gute Nachricht und Luther-Revision 1975): es fehlt das Geniale, die persönliche Note, da die Entstehung oder Überarbeitung sozusagen in der Retorte erfolgt ist. Keine Kommission kann einen Martin Luther, Otto Karrer oder Romano Guardini ersetzen.

Berechtigte Kritik entstand daher vor allem bei poetischen Texten, vor allem bei den Propheten. Gut aufgenommen wurde allerdings der Psalter, gerade wegen seiner künstle-risch-rythmischen Diktion, die in wohltuender Weise Pathos vermeidet, wie etwa in Psalm 104, 30: „Und du erneuerst das Antlitz der Erde." (Bei Guardini: „Und also erneust Du der Erde Antlitz.")

Die neuen Bibelausgaben laufen unter der Bezeichnung „Einheits-

übersetzung"; sie werden als „ökumenische Ausgabe" angekündigt. Es muß klargestellt werden, daß diese Bezeichnungen keineswegs bedeuten, daß die neue Ubersetzung auch in den evangelischen Kirchen offiziellen Charakter hat. An der Übersetzung wirkten etliche evangelische Theologen mit, die von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) regelrecht beauftragt worden waren.

Als Herausgeber fungiert neben der Katholischen Bibelanstalt Stuttgart und dem österreichischen Katholischen Bibelwerk auch die evangelische „Deutsche Bibelstiftung Stuttgart". Nach Fertigstellung begrüßte die EKD die Ubersetzung, die in den als „ökumenisch erklärten Teilen" (Neues Testament und Psalmen) auch im evangelischen Bereich, so wie bisher einige andere Ubersetzungen neben dem nach wie vor offiziellen Luthertext verwendet werden dürfen. Es ist dabei aber eher an pri-vaten'Gebrauch gedacht.

Die revidierte Einheitsübersetzung ist bereits im Stundenbuch - auch in den bereits erschienen Teilen - enthalten; die allgemeine Übernahme in den Wortgottesdienst der Messe wird allerdings fließend erfolgen: bei einer Neuauflage der Lektionare werden nicht nur Textrevisionen berücksichtigt; es ist auch an eine geringfügige Überarbeitung der Perikopen gedacht.

Ausgaben für den Schulunterricht, die den revidierten Text enthalten, werden in Österreich nicht vor dem Schuljahr 1981/82 zu erwarten sein. Bei dieser Gelegenheit soll den Schülern neben neutestamentlichen Texten auch alttestamentliche angeboten werden. Den Standardausgaben des Neuen und Alten Testamentes werden ab kommendem Frühjahr eine Fotoausgabe, des Neuen. Jesta-mfenW WcabmiterideTil erßSt eine gut kommentierte „Familienbibel" allen Interessierten zur Verfügung stehen.

Wie immer man zur revidierten Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift stehen mag, eines dokumentiert dieses Werk: das unwiderrufliche Stehen der Kirche zum Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in allen seinen sechzehn Dokumenten die Bibel in den Mittelpunkt des Gottesdienstes, des Gebetslebens, der Theologie, der Verkündigung und des Lebens der Christen gestellt hat. NORBERT HÖSLINGER

Dr. Norbert Haslinger ist Leiter des österreichischen katholischen Bibelwerkes. Er hat sich bereit erklärt, zu Anfragen von Lesern Stellung zu nehmen.

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