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Übersetzen darf nicht vertuschen

Die "Bibel in gerechter Sprache" ist für den liturgischen Gebrauch nur bedingt geeignet.

Die Bibel in gerechter Sprache stellt als Übersetzungskunstwerk die Frage nach ihrer Eignung zur Benützung im Gottesdienst. Der Vortrag von Bibeltext hatte und hat verschiedene Funktionen. Bis in die Neuzeit waren viele Christinnen und Christen darauf angewiesen, die Bibel in der Kirche zu hören, um ihre Inhalte zu kennen. Wer sich heute mit dem Text bekannt machen will, studiert ihn außerhalb der Liturgie. Bestens bekannte Texte wie das Weihnachtsevangelium (vgl. Abb. Seite 22) haben daher andere Funktionen, als Text zu lehren. Sie werden gelesen, um gemeinsame Erinnerung auf die Feier zu lenken und ihren Sinn zu verkünden. Texte können auch danach ausgewählt werden, was die Gemeinde etwa anlässlich eines Begräbnisses, braucht. Schließlich wird Bibeltext auch zum Lob Gottes vorgetragen.

Die Bibel in gerechter Sprache ist ein wichtiges Instrument für das Bibelstudium und die Gottesdienstvorbereitung. Der Verzicht auf Umschreibungen anstößiger Texte wäre auch für die Liturgie nützlich. Lobenswert ist auch gegenüber der Einheitsübersetzung die Nähe der poetischen Texte zur deutschen Syntax.

Zu fragen ist, ob die Bibel in gerechter Sprache der theologischen Vergewisserung im Gottesdienst dienen und in besondere Situationen der feiernden Gemeinde sprechen kann. Die Vermeidung patriarchalischer Sprache erspart Hörerinnen die Erfahrung der verbalen Ausgrenzung von Frauen aller Epochen. Die Inklusion müsste aber manchmal historisch geprüft werden. Wie plausibel ist es etwa, dass Frauen an der Verurteilung Jesu aktiv teilgenommen haben ("... mit einigen Ältesten und toragelehrten Frauen und Männern ..."; Mk 15,1)?

"Adonaj" löst Problem nicht

Den Gottesnamen (JHWH) schreibt die Bibel in gerechter Sprache nicht, sondern markiert die Umschreibungen im Text (vgl. Abb. Seite 21). Solche Markierung ist aber im öffentlichen Vortrag schwer zu vermitteln. Drei berechtigte Anliegen sollen so reflektiert werden: 1.) die Vorstellung, dass Gott weder männlich noch weiblich ist; 2.) die Tatsache, dass sein Namen nicht korrekt ausgesprochen werden kann, weil die Vokale nicht überliefert sind; 3.) der jüdische Brauch, die Aussprache der Konsonanten des Namens durch Chiffren zu ersetzen.

Das in der Bibel in gerechter Sprache oft gebrauchte "Adonaj" ist ungeeignet, weil es selbst "mein(e) Herr(en)" bedeutet, obwohl es gerade den Begriff "Herr" verdrängen soll, und weil es von Juden nur im Gottesdienst benützt wird. In Psalm 8,2 wird der ideologische Gewinn gering, wenn die hebräische Wortfolge "Gottesname - Adonenu" mit "Adonaj, du herrschst" wiedergegeben ist.

Der regelmäßige Wechsel der Fürwörter "er" und "sie" im Verweis auf Gott erfordert beim Zuhören die Kenntnis einer anderen Übersetzung, um dem Text folgen zu können. Die Sensibilität für grammatikalisches "Geschlecht" könnte breiter sein. So sind der "Satan" und die Dämonen (Mt 9,32f) männlich. Die Schlange (Gen 3) dagegen, die im Hebräischen als Verführer von Eva männlich ist, bleibt in der Bibel in gerechter Sprache weiblich.

Auffallende Inkonsequenz

Der Aufwand zur Vermeidung des Gottesnamens steht im Gegensatz zur Naivität, mit der "Christos" als "Messias" wiedergegeben wird. Der für verschiedene Deutungen offene Christustitel vermeidet es, die Juden unserer Zeit mit der (aus der hebräischen Bibel nicht zu rechtfertigenden) Idee zu konfrontieren, dass sie "den Messias" der hebräischen Bibel ablehnten. Christliche Liturgie muss sensibler sein.

Die Bibel ist der wichtigste Identitätstext des christlichen Gottesdienstes. Lieder, Gebete und Auslegungstraditionen spielen auf ihn an. Wenn sich der Bibeltext häufig ändert, zerreißen die Assoziationsketten zwischen ihm und der übrigen Liturgie. Das soll kein Argument gegen jede Neuübersetzung sein. Solche müssen aber behutsam eingeführt werden. Es wird dauern, bis das Gebet "Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt ..." flächendeckend geändert ist.

Der Lobpreis Gottes über dem Taufwasser der Taufe und in der Osternacht spielt auf Gen 1,2 an: "Gottes Geist (oder Wind) schwebte (vielleicht sogar: flatterte) über dem Wasser". Bibel in gerechter Sprache: "Gottes Geistkraft bewegte sich angesichts der Wasser" (vgl. Abb. Seite 23) zerstört einerseits diese Assoziation und verzichtet andererseits darauf, die Bildsprache des wie ein Adler (Dtn 32,11; Bibel in gerechter Sprache: Geier) "flatternden Geistes/Winds", der im Hebräischen fast immer weiblich ist, durchscheinen zu lassen.

"Und das Wort ist Fleisch geworden" ist zu "und die Weisheit wurde Materie" verfremdet (vgl. links), obwohl dafür andere griechische Begriffe vorhanden wären. Maria ist in Lukas 1,27 eine "junge Frau". Eine Anmerkung weist den Titel "Jungfrau" als nicht textgemäß und aramäischem Sprachgebrauch widersprechend zurück. Der Einwand, den Maria gegen die Botschaft des Engels formuliert, setzt aber genau das voraus. Zu diesem Einwand (Lk 1,34) wäre ein Hinweis auf biblischen Sprachgebrauch (Gen 4,1) nötig, anstatt "... da ich von keinem Mann weiß" genau diese Bedeutung zu tilgen. Die Bibel in gerechter Sprache scheitert daran, die medizinisch nicht verifizierbare Geschichte als solche und mit all ihren Wundern einfach zu erzählen.

Die Frau Phöbe (Röm 16,1) ist in der Einheitsübersetzung "Dienerin", in der Bibel in gerechter Sprache "Diakonin". Im Philipperbrief 1,1 hingegen sind diejenigen, die in der Einheitsübersetzung "Bischöfe und Diakone" genannt werden, als diejenigen bezeichnet, "die für die Leitung und die Organisation des Gemeindelebens verantwortlich sind". Die Randbemerkung der Bibel in gerechter Sprache "diakoneo" ist an beiden Stellen falsch. Phöbe ist genauso wie die Mitadressaten des Philipperbriefs "Diakon". In keine der beiden Stellen darf aber ein Amtsverständnis des 21. Jahrhundert hineingelesen werden.

Nur theologischer Filter?

Die Bibel in gerechter Sprache gibt sich ein Flair von Exaktheit, wenn sie sieben Möglichkeiten bietet, das erste Wort der Bibel ("Im Anfang schuf Gott...") zu übersetzen. In der Liturgie kann das bei einer Verlesung nicht übernommen werden. Sie nimmt ihre Sache aber nicht sehr ernst, sonst hätte sie in "Das Brot, das wir brauchen, gib uns heute" (Mt 6,11) wenigstens eine Anmerkung gemacht, dass der Begriff hinter "das wir brauchen" nicht übersetzbar ist.

Jede Übersetzung ist Auslegung. Wer den Text kennt, wird an manchen Stellen aufhorchen. Die Bibel in gerechter Sprache stellt sich in Fragen der political correctness als theologischer Filter zwischen Hörerinnen und Hörer und das fremdsprachliche Original. Sie tilgt damit Ansatzpunkte für die Auseinandersetzung mit der Bibel und den Streitfragen der Gegenwart. Eine Übersetzung für die Liturgien sollte unverständliche oder unangenehme Passagen nicht vertuschen, sondern als Herausforderung für theologisches Denken anbieten. Es muss ja noch Stoff für die Predigt übrig bleiben.

Der Autor ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Münster.

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