Das Wasser der christlich-jüdischen Verständigung muss auch in die Niederungen. Doch dort ist es oft noch nicht angekommen.

Christen übergeben in einem jüdischen Haus dem Oberrabbiner ein Buch." Dies sei, so Roland Ritter-Werneck, Leiter der Evagelischen Akademie Wien, außergewöhnlich, wenn man in die Geschichte zurückschaue: "Denn oft war das, was Christen den Juden übergeben haben, nichts Gutes."

Dass sich die Zeiten, Gott sei Dank, geändert haben, wurde an diesem 10. Jänner in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien einmal mehr klar. Ein voll besetzter Gemeindesaal: vor allem Christen, darunter Vertreter verschiedener Kirchen, waren gekommen, um Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg den Dokumentationsband "Die Christen und das Judentum - Dokumente von 1986 bis 2000" zu überreichen. Auf tausend Seiten sind in diesem Band die wesentlichen internationalen und deutschsprachigen Dokumente zum christlich-jüdischen Dialog abgedruckt - etwa das vatikanische Schreiben "Wir erinnern. Eine Reflexion über die Schoa" (1998), die Grundlage für das große Schuldbekenntnis des Papstes im Jahr 2000, oder die ebenfalls 1998 erstellte Erklärung der Generalsynode der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich, in der nicht zuletzt den antijüdischen Aussagen in den Spätschriften Martin Luthers eine klare Absage erteilt wird.

Seit drei Jahren begehen auch die Kirchen Österreichs den Tag des Judentums - am Vorabend der "Gebetswoche für die Einheit der Christen" wird dabei dem Judentum als der "Wurzel" gedacht, aus der auch das Christentum wächst. Allzuoft hätten, so der evangelische Pfarrer Ritter-Werneck, die Kirchen dies vergessen.

Das Verhältnis von Christen und Juden hat sich in Österreich gerade in den Jahren seit 1986 entscheidend verbessert, es gab Begegnungen und Bewusstseinsbildung. Dennoch ist das Engagement "asymmetrisch" geblieben. Denn wenn die Christen sich auf das Judentum als ihre Wurzel besinnen, so gilt dies umgekehrt nicht: Das Christentum ist für Juden eine fremde Religion. Das zeigt sich, so Oberrabbiner Eisenberg und Christine Gleixner, Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, auch am überreichten Band: 900 Seiten Dokumente christlicher Kirchen sind darin gesammelt, nur 30 Seiten jüdische Stellungnahmen, die restlichen 40 Seiten sind gemeinsame Papiere von Christen und Juden.

Die Begeisterung für die andere Religion ist also auf christlicher Seite ungleich größer als auf jüdischer. Die wichtigste jüdische Stellungnahme (die allerdings ein Dokument mehrerer jüdischer Professoren aus den USA und kein jüdisches "Lehrschreiben" darstellt) ist die im September 2000 vorgestellte Erklärung "Dabru emet - Sagt die Wahrheit", in der erstmals eine qualifizierte jüdisch-theologische Antwort auf christliche Versuche der Annäherung versucht wird (das Dokument ist auch im Internet unter www.jcrelations.net/articl2/brocke.htm zu finden).

Doch neben aller Annäherung geht es auch um Wachsamkeit in den eigenen Reihen, denn der Jahrtausende alte christliche Antijudaismus ist noch nicht verschwunden. Ritter-Werneck wies bei der Veranstaltung in der Israelitischen Kultusgemeinde auf die Kontroversen innerhalb der protestantischen Kirchen um die Judenmission hin: Besonders evangelikale Gruppierungen drängen darauf, auch heute Juden zu missionieren.

Bei den Katholiken darf diese Wachsamkeit ebenfalls nicht erlahmen: Der Religionspädagoge Martin Jäggle erzählt da von einem Buch über religiöse Erziehung im Rahmen der Montessori-Pädagogik, das für Kindergärtnerinnen geschrieben ist (Sofia Cavaletti: Das religiöse Potential des Kindes. Herder, Freiburg 1994). Dort heißt es wörtlich: "Wir beharren darauf, dass Kinder nicht vor acht Jahren in das Alte Testament eingeführt werden sollten."

Jäggle empört vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der derartige Sätze auch heute noch in Lehrbüchern stehen: "Was können dann jüdische Eltern ihren Kindern über ihren Glauben erzählen", fragt er sarkastisch, "wenn das Alte Testament, die jüdische Bibel, pädagogisch bedenklich ist?" Gerade solche Bücher - noch dazu aus einem Verlag, der sich zum Thema Judentum und christlich-jüdischer Dialog stark engagiert - verfestigen alte Vorurteile: dass das Alte Testament des Bösen und das Neue des Guten sei.

Das Wasser der Verständigung, so Jäggle, muss auch in die Niederungen vordringen. Und da ist es oft noch gar nicht angekommen.

DIE KIRCHEN UND DAS JUDENTUM. Dokumente von 1986 bis 2000.

Hg. Hans Henrix, Wolfgang Kraus. Gütersloher Verlagshaus/Bonifatius Verlag, Gütersloh/Paderborn 2001. 1.036 Seiten, kt. e 51,40/öS 708,-

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