#Pius XII.

Pius XII.

Eisenberg - © Foto: Ingo Pertramer, Brandstätter Verlag
Gesellschaft

Eisenberg: „Man sucht immer einen Sündenbock“

1945 1960 1980 2000 2020

Wiens ehemaliger Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg präsentiert in seinem neuen Buch jüdische Weisheiten von A bis Z. Was sagt er zu Corona, zu Verschwörungstheorien und zur neu aufgeflammten Kontroverse um Papst Pius XII.? Ein Telefongespräch.

1945 1960 1980 2000 2020

Wiens ehemaliger Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg präsentiert in seinem neuen Buch jüdische Weisheiten von A bis Z. Was sagt er zu Corona, zu Verschwörungstheorien und zur neu aufgeflammten Kontroverse um Papst Pius XII.? Ein Telefongespräch.

Über 30 Jahre – von 1983 bis 2016 – war Paul Chaim Eisenberg Oberrabbiner von Wien, bis heute ist er es im Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs. Sein Witz ist legendär, auch sein neues Buch „Das ABC vom Glück“ ist davon durchdrungen. Wobei der Titel irreführend sei, wie Eisenberg gesteht – eigentlich gehe es darin weniger um Glück als um „Jüdische Weisheit für jede Lebenslage“. Wie lautet seine Weisheit für die aktuelle Situation? Ein Gespräch über den Shutdown, Verschwörungstheorien, Pius XII. und andere Päpste.

DIE FURCHE: Herr Oberrabbiner, die Erfahrungen des Shutdown reichen von Entschleunigung bis zu Trauma. Wie haben Sie die letzte Zeit erlebt?
Paul Chaim Eisenberg: Nur einen Monat vor dem Shutdown war ich in Jerusalem bei der Hochzeit meines ältesten Enkels, wo ich 25 meiner Kinder und Enkelkinder getroffen habe. Dann bin ich nach Toronto und New York geflogen und habe dort weitere 15 gesehen. Am 13. März bin ich wieder in Wien gelandet. Dann war Shutdown. Als gläubiger Jude – und auch ein Rabbiner kann ein gläubiger Jude sein – bin ich dem lieben Gott für dieses Timing wirklich dankbar.

DIE FURCHE: Und der Shutdown selbst? Wie Ostern und der Ramadan ist ja auch Pessach in diese Zeit gefallen. Wie haben Sie den heuer besonders außergewöhnlichen Sederabend verbracht? Per Videokonferenz?
Eisenberg: Orthodoxe Juden dürfen zu Pessach nicht telefonieren und keinen Computer gebrauchen, andere Juden nutzen trotzdem die digitalen Möglichkeiten. Ich habe – wie immer – einen Kompromiss gefunden: Einen Teil des Sederabends, bevor die Sonne untergegangen ist, habe ich mit meinen Kindern über Zoom gefeiert. Und dann hat ihn jeder in seiner engsten Familie begangen. Alle meine Kinder sind ja leider orthodox, so wie ich.

Über 30 Jahre – von 1983 bis 2016 – war Paul Chaim Eisenberg Oberrabbiner von Wien, bis heute ist er es im Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs. Sein Witz ist legendär, auch sein neues Buch „Das ABC vom Glück“ ist davon durchdrungen. Wobei der Titel irreführend sei, wie Eisenberg gesteht – eigentlich gehe es darin weniger um Glück als um „Jüdische Weisheit für jede Lebenslage“. Wie lautet seine Weisheit für die aktuelle Situation? Ein Gespräch über den Shutdown, Verschwörungstheorien, Pius XII. und andere Päpste.

DIE FURCHE: Herr Oberrabbiner, die Erfahrungen des Shutdown reichen von Entschleunigung bis zu Trauma. Wie haben Sie die letzte Zeit erlebt?
Paul Chaim Eisenberg: Nur einen Monat vor dem Shutdown war ich in Jerusalem bei der Hochzeit meines ältesten Enkels, wo ich 25 meiner Kinder und Enkelkinder getroffen habe. Dann bin ich nach Toronto und New York geflogen und habe dort weitere 15 gesehen. Am 13. März bin ich wieder in Wien gelandet. Dann war Shutdown. Als gläubiger Jude – und auch ein Rabbiner kann ein gläubiger Jude sein – bin ich dem lieben Gott für dieses Timing wirklich dankbar.

DIE FURCHE: Und der Shutdown selbst? Wie Ostern und der Ramadan ist ja auch Pessach in diese Zeit gefallen. Wie haben Sie den heuer besonders außergewöhnlichen Sederabend verbracht? Per Videokonferenz?
Eisenberg: Orthodoxe Juden dürfen zu Pessach nicht telefonieren und keinen Computer gebrauchen, andere Juden nutzen trotzdem die digitalen Möglichkeiten. Ich habe – wie immer – einen Kompromiss gefunden: Einen Teil des Sederabends, bevor die Sonne untergegangen ist, habe ich mit meinen Kindern über Zoom gefeiert. Und dann hat ihn jeder in seiner engsten Familie begangen. Alle meine Kinder sind ja leider orthodox, so wie ich.

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger-Fleckl (Chefredakteurin)

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DIE FURCHE: FURCHE-Kolumnist Markus Krah hat geschrieben, dass manches am Pessach-Fest wie ein bitterer Komentar zur aktuellen Lage klinge, zum Beispiel die Vorstellung, Gott würde die Menschen mit Plagen strafen...
Eisenberg: Man kann auch die Nacht des Sederabends in Ägypten selbst – wie schon die Arche Noah – als Art Quarantäne sehen. Die Juden durften in dieser Nacht nicht außer Haus, weil der Todesengel die Erstgeborenen umgebracht hat – aber nicht die physischen Hausmauern haben sie geschützt, sondern die Tatsache, dass Eltern mit ihren Kindern bei Tisch gesessen sind und die Freiheit gefeiert haben. Das hat sie immun gemacht. Und das ist auch die Weisheit für Corona heute: Es geht um Zusammenhalt und darum, dass wir alle dasselbe Ziel haben, nämlich die Nichtansteckung.

DIE FURCHE: Der Shutdown erinnere ihn an eine „Welt im Schabbat“, hat der Wirtschaftsdenker Tomáš Sedláček – ebenfalls in der FURCHE – formuliert. Können Sie das nachempfinden?
Eisenberg: Ja – insofern, als auch der Schabbat viele Einschränkungen beinhaltet. Aber der Schabbat ist auch ein freudiger Tag. Wie man aus dem Schabbat erfrischt in eine neue Woche gehen kann, so hoffe auch ich, dass wir aus dieser Krise nicht geschwächt, sondern gestärkt in eine neue, bessere Welt gehen können.

Als gläubiger Jude – und auch ein Rabbiner kann ein gläubiger Jude sein – bin ich dem lieben Gott für sein Shutdown-Timing dankbar.

Paul Chaim Eisenberg

DIE FURCHE: Derzeit scheinen aber eher die Verteilungskämpfe zuzunehmen, ebenso antisemitisch grundierte Verschwörungstheorien. Macht Ihnen das Angst?
Eisenberg: Verschwörungstheorien sind sehr gefährlich, man denke nur an die aktuelle Rede von einem sogenannten „Asylantenvirus“. Gerade wir Juden haben oft unter solchen kruden Theorien gelitten. Während der Pest und anderer Seuchen im Mittelalter sind Juden weniger häufig erkrankt als andere – einfach deshalb, weil sie sich mehrmals täglich aus rituellen Gründen die Hände gewaschen haben. Und weil man immer einen Sündenbock sucht und dieser Sündenbock eh schon in Person der Juden da war, die „den Herrgott gekreuzigt“ hätten, hat man ihnen dann auch noch daran die Schuld gegeben. Dass heute an Corona die Juden schuld sein sollen, können jedenfalls nur verwirrte Geister behaupten.

DIE FURCHE: Bleiben wir beim Thema Schuld: In den vatikanischen Archiven hat der Kirchenhistoriker Hubert Wolf unmittelbar vor dem Shutdown neues Material gefunden, das die Kontroverse um die Rolle von Papst Pius XII. während der Schoa weiter anheizte. Rolf Hochhuth, dessen Drama „Der Stellvertreter“ diese Debatte auslöste, ist soeben gestorben. Wie nehmen Sie diese Kontroverse wahr?
Eisenberg: Es gibt hier zwei Narrative: Das eine Narrativ betont das historisch nachweisbare Faktum, dass Pius XII. viele Juden gerettet hat – vielleicht auch durch seine vorsichtige Herangehensweise. Das andere Narrativ betont, dass er viel mehr hätte tun können und es nur darum gegangen sei, die Kirche und die Priester zu schützen. Wahrscheinlich ist ein wenig von beiden Seiten wahr. ich bin hier, wie immer, ein Kompromissler.

Eisenberg - © Foto: Ingo Pertramer, Brandstätter Verlag

Paul Chaim Eisenberg

Paul Chaim Eisenberg war von 1983 bis Juni 2016 Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Er ist Autor mehrerer Bücher und lebt in Wien.

Paul Chaim Eisenberg war von 1983 bis Juni 2016 Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Er ist Autor mehrerer Bücher und lebt in Wien.

DIE FURCHE: Sie haben während Ihrer Zeit als Oberrabbiner von Wien zwei Päpste getroffen. Johannes Paul II., der dieser Tage hundert Jahre alt geworden wäre, schrieb durch sein „Mea culpa“ und sein Gebet vor der Klagemauer Geschichte. Wie haben Sie ihn erlebt?
Eisenberg:
Zu ihm fallen mir zwei unterschiedliche Geschichten ein. Die eine hat sich 1988 in Mauthausen abgespielt, wo der Papst vom Leid der Juden gesprochen hat – und dann sehr viel vom Leiden Jesu. Als mich ein Journalist der New York Times später fragte, wie ich das gefunden hätte, habe ich jung und frech geantwortet: „Ich wusste gar nicht, dass Jesus in Mauthausen war.“ Die andere Geschichte erzählt hingegen von einem jüdischen Paar in Polen, das während des Zweiten Weltkriegs kurz vor seiner Deportation sein Baby zu Nachbarn gebracht und diese angefleht hat, es als ihr eigenes auszugeben und damit zu retten. Zugleich baten sie darum, das Kind nicht zu taufen und später der jüdischen Gemeinde zurückzugeben. Nach dem Kieg dachten die braven Christen aber, dass das nicht gut sei – und fragten ihren polnischen Priester, was sie tun sollten: Dieser sagte überraschenderweise, dass man das Kind wirklich nicht taufen solle, wenn die leiblichen Eltern darum ersucht hätten. Und dieser Priester war der spätere Papst Johannes Paul II. Ein bekannter Rabbiner sagte später dazu, dass dieser Mann auch wegen dieser Tat Papst geworden sei.

DIE FURCHE: Auf Johannes Paul II. folgte Benedikt XVI., der mit seiner Approbation der umstrittenen Karfreitags-Fürbitte für die Juden und dem Traktat „De Iudaeis“ für Irritationen gesorgt hat. Auch ihn haben Sie 2007 in Wien als Oberrabbiner getroffen.
Eisenberg: Ja, bei diesem Papstbesuch war ein Gedenken am Holocaust-Denkmal am Wiener Judenplatz vorgesehen. Dieses ist dann nach zwei bekannten Sprichwörtern abgelaufen: „In der Kürze liegt die Würze“ – und „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Reporter können ja aus jeder Rede Fake News machen, aber aus Schweigen nicht. Nach ein paar Minuten war alles wieder vorbei.

DIE FURCHE: Was erwarten Sie sich vom aktuellen Papst, Franziskus – auch hinsichtlich des Verhältnisses zum Judentum?
Eisenberg: Ich glaube, dass dieser Papst – wie Johannes XXIII. – die Fenster weiter öffnen wird und auch frischen Wind ins Gespräch mit Juden und Muslimen bringen will. Ob ihm das gelingt, wird die Geschichte beurteilen. Ich werde ihm jedenfalls dabei helfen und dafür beten.

Eisenberg - © Foto: Brandstätter Verlag
© Foto: Brandstätter Verlag
Buch

Das ABC vom Glück

Jüdische Weisheit für jede Lebenslage
Von Paul Chaim Eisenberg
Brandstätter 2019
160 S., geb., € 22,–