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Auch ihr wart einst fremd ...

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Die "Ausländerfrage" ist gemeinsames Thema für Christen und Juden über Wiens Wahlkampf hinaus.

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Die "Ausländerfrage" ist gemeinsames Thema für Christen und Juden über Wiens Wahlkampf hinaus.

Vergangenen Donnerstag, Wien, Israelitische Kultusgemeinde: ein voller Saal mit Juden und Christen mehrerer Konfessionen. Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich hatte zum jüdisch-christlichen Studientag "Integration von Fremden - Die Bibel als Charta für Fremdenpolitik" geladen. Auch wenn der zweite Teil des Veranstaltungstitels nicht unproblematisch klingt - eignet sich die Bibel ja kaum als Handbuch für Tagespolitik - stellte sich bald heraus, dass Christen und Juden viel zur aktuellen politischen Lage beizutragen haben, und zwar nicht nur in Form ihrer Hilfsorganisationen, die gerade im Bereich der Flüchtlings- und Migrantenbetreuung Unersetzliches leisten, und die für den Staat, der sich daraus - aus politischen Gründen - mehr und mehr zurückzieht, einspringen müssen.

Sind Polit-Slogans a la "Das Boot ist voll" also allgemein schon völlig akzeptiert? Verstärken die versteckten FPÖ-Plakate "Rot-Grün - Wien braucht mehr Ausländer" ("versteckte FP-Plakate" deswegen, weil sich diese Partei als Auftraggeberin der da affichierten Parolen versteckt) tatsächlich das flaue Gefühl im Bauch vieler Wiener? Derartige Fragen bewegen gerade rund um den Wiener Wahlkampf, und es ist einmal mehr an der Zeit, die grundsätzlichen Werte, auf denen eine Gesellschaft aufbaut, neu sowie ganz klar und deutlich zu benennen. Juden wie Christen müssen dabei auch aus ihrer religiösen Perspektive heraus sprechen und handeln.

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg zeigte beim erwähnten Studientag auf, wie wichtig in der jüdischen Bibel der respektvolle und menschliche Umgang mit Fremden ist. Für die Juden haben die diesbezüglichen religiösen Gebote alle eine geschichtliche Dimension: Ihr sollt gut sein zu den Fremden, denn ihr selbst wart einst Fremde in Ägypten - so lautet der Duktus in der jüdischen Bibel. Derartige Dimension des Erinnerns an die Geschichte des Fremdseins, die der Heimat-Findung vorausgeht, wäre auch in der österreichischen Auseinandersetzung um Asyl und Migration vonnöten. Schon der Blick ins Wiener Telefonbuch, wo es (von den Adamovichs über die Hojacs bis zu den Zsifkovits') von "ehemaligen Fremden" nur so wimmelt, macht klar, dass - im Prinzip - auch die "echten" Wiener und Österreicher mit solchem Gedächtnis behaftet sind - auch wenn sich viele an die einstige Fremdheit nicht erinnern mögen.

Die Christen, für die die jüdische Bibel zum einen ebenfalls gilt, können zum anderen auch ihrem Neuen Testament entnehmen, dass Angstmache vor Fremden oder vor einer "Multikulti"-Gesellschaft alles andere als christlich ist. Gerade die ersten Christengemeinden waren multiethnische Gemeinden, so die katholische Sozialethikerin Ingeborg Gabriel auf dem jüdisch-christlichen Studientag.

Christen und Juden vergewissern einander, dass in beiden religiösen Traditionen für Fremdenfeindlichkeit kein Platz ist; und das weltweit verbreitete Christentum - so die gemeinsame Erinnerung der Christen - hat vor kulturellen Barrieren nie kapituliert: Solche Botschaften müssen auch in der politischen Auseinandersetzung zu Gehör gebracht werden. Doch reicht dies, um der "Ausländer-raus-Masche" (oder zumindest: der "Ja-keine-Ausländer-rein-Masche"), mit der etwa die FPÖ auch den Wiener Wahlkampf bestimmen will, den Boden zu entziehen?

Von den religiösen wie humanistischen Werten, auf denen eine Gesellschaft aufbaut, hin zur Knochenarbeit politischer Umsetzung ist der Weg bisweilen weit. Doch die religiös Motivierten sind nicht nur in den Hilfs- und Betreuungseinrichtungen zu finden. Auch die Initiative "Land der Menschen" etwa, die mit großartigem Engagement das Gespräch zwischen "Alteingesessenen" und "Ausländern" in Gang bringt, wird wesentlich von Menschen mit solchem Hintergrund getragen. Anders gesagt: Es ist die viel beschworene Zivilgesellschaft, für die das Feld hier offen daliegt, und die Zivilgesellschaft bedarf derer, die sich gerade in Fragen der Integration und der so genannten Ausländerproblematik aufgrund ihrer jüdischen oder christlichen Identität engagieren.

Vor Trendwende?

Der Wiener Wahlkampf wird - wie seit zehn Jahren - stark übers Ausländerthema geführt. Trotz der einschlägigen FP-Wahlwerbung deutet zur Zeit aber wenig darauf hin, dass er zu einer "Überfremdungsschlacht" gerät, bei der alle größeren Parteien mit ausgrenzenden Aussagen zur Ausländerproblematik um Wählerstimmen wetteifern. Im Gegenteil: Die SPÖ etwa spricht in ihrer Wahlwerbung gezielt auch Migranten und deren Probleme an; immerhin leben in Wien genug eingebürgerte Immigranten, und die landläufige Unterscheidung Ausländer-Inländer ist ja eine subjektive und hat mit der Staatsangehörigkeit wenig zu tun: Wer beispielsweise nicht akzentfrei Deutsch spricht, gilt - Pass hin, Pass her - in jedem Fall als Ausländer.

Weitere Dynamik birgt die Forderung vieler Immigranten-Organisationen nach dem kommunalen Wahlrecht für Ausländer: Wurde diese Idee bis vor kurzem bloß von den Grünen verfolgt, so ist mittlerweile Bürgermeister Michael Häupl, der SP-Kandidat, auf den Zug aufgesprungen. Es bewegt sich also manches, und wenn noch die ÖVP zu überzeugen wäre, dass "Ausländer" ja auch Wähler sein könnten, schiene ein Durchbruch nahe.

Kündigt sich nach Jahren des Schürens der Fremdenfeindlichkeit endlich die Trendwende an? Sogar die FPÖ spricht ja mittlerweile von "Integration" der hier lebenden Ausländer (bei gleichzeitigem "Zuwanderungsstopp"). Blauäugigkeit sollte aber nicht aufkommen: Oberrabbiner Eisenberg versuchte beim jüdisch-christlichen Studientag hinter die Begriffe zu schauen. Wenn mit "Integration" eigentlich "Assimilation" gemeint ist, dann tritt Eisenberg dagegen auf: Bei den Juden habe die Assimilation einerseits dazu geführt, dass sie ihre jüdische Identität verloren hätten, andererseits schützte die Assimilation nicht davor, dass österreichische Juden 1938 von einem Tag auf den anderen zu "Fremden" gemacht worden seien. Eisenberg abschließend: "Das, was die Rechten unter ,Integration' verstehen, sind: * die Bundeshymne singen, * Lederhosen anziehen * und keine Tücher auf dem Kopf tragen."

Solche Wortmeldung des Oberrabbiners zeigt, dass jüdische Erinnerung den Blick schärfen kann - auch in der Auseinandersetzung der Gegenwart. Christen können hierbei auch die Tugend der Unterscheidung der Geister einbringen: Keine Frage, auch in der Ausländerdiskussion ist diese Unterscheidung wichtig.

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