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Jüdische Geschichte als Aufgabe

1945 1960 1980 2000 2020

Tradition, Tradition ...: Im Judentum ist Beschäftigung mit der Geschichte die Grundlage für den Aufbruch ins Neue.Auszüge aus der Inaugurationsrede der neuen liberalen Rabbinerin in Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Tradition, Tradition ...: Im Judentum ist Beschäftigung mit der Geschichte die Grundlage für den Aufbruch ins Neue.Auszüge aus der Inaugurationsrede der neuen liberalen Rabbinerin in Wien.

Ich kann meiner Natur nach nur ein Mandat übernehmen, das niemand mir gegeben hat. In diesem Widerspruch, immer nur in einem Widerspruch kann ich leben." In dieser Aussage von Franz Kafka liegt im Grunde die Widersprüchlichkeit der jüdischen Tradition, die aber gerade daraus ihre Kraft zur Erneuerung schöpft: jüdische Existenz in jeder Epoche der Geschichte als Aufgabe zu leben. Jede Generation, Männer, Frauen und Kinder, stehen erneut am Berge Sinai um die Tora als Weisung zum Leben zu bekommen, als Gabe zum Aufbruch in eine neue und hoffentlich bessere Zukunft. [...]

Und so stehen wir auch heute hier, liebe Freunde, in dieser feierlichen Stunde, wo mir, die ich in dieser Stadt Wien geboren und als kleines Kind, wie eine zarte Pflanze aus dem Nährboden herausgerissen wurde und seither eigentlich nie wieder wirklich irgendwo zu Hause bin - die größte Ehre zu teil wird: eine Vermittlerin [...] der Lehre und Weisung zum Leben zu sein, in der ersten liberalen jüdischen Gemeinde Österreichs, Or Chadasch - Ein neues Licht. Für mich, seit vielen Jahren in Jerusalem wohnend, wo mein Mann Mosche, meine fünf Kinder und meine Enkelkinder geboren sind, ist es eine symbolische Erfüllung des Spruches: "Ein neues Licht lass über Zion aufleuchten, dass wir uns alle seines Glanzes erfreuen". Das Licht leuchtet nun hier in Wien durch die Anwesenheit der Urenkelin meines Vaters Abraham Thau, der als Schüler des bis heute berühmten und einflussreichen Wiener Oberrabbiners Zwi Perez Chajes uns als Kinder jüdisch und zionistisch erzogen hat. [...]

Flucht aus dem Judentum In den letzten Tagen habe ich einige von den Reden von Oberrabbiner Chajes gelesen und mit einem Staunen, das mich fast sprachlos macht, festgestellt, wie sehr ich von dieser Mischung von Judentum und Abendland geprägt bin: Diese Lehre, die zu den herausragenden humanistischen Traditionen aus den Quellen des Judentums, die Europa geprägt haben, gehört, bestimmt mein Denken und Handeln.

In einer Rede, gehalten zu Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahr am 7. September 1918, widmet sich Oberrabbiner Chajes dem Problem der "Flucht aus dem Judentum": "Seitdem ich in der jüdischen Öffentlichkeit meine Stelle auszufüllen trachte, habe ich mich noch stets bestrebt, auch zu den heikelsten Problemen klar und scharf Stellung zu nehmen ... Am Tag meiner Amtseinführung habe ich dem Vorstand gesagt: Was mich schreckt, ist nicht so sehr die an sich gewiss bedeutende und betrübende Zahl der tatsächlich Austretenden, sondern weit mehr die Tatsache, dass eine noch weit größere Zahl von Brüdern und Schwestern innerlich zum Abfall reif ist, nur noch ganz lose, ganz zufällig mit uns zusammenhängt und jeden Augenblick unsere Reihen verlassen ... kann."

Und dann stellt Chajes eine Frage und liefert zugleich die Antwort, die er "der Wichtigkeit und Deutlichkeit" wegen zwei Mal wiederholt: "Gibt es für einen freisinnigen Juden einen ernsten Beweggrund, der ihn zwingen könnte, innerlich und äußerlich dem Judentum zu entsagen, antworten wir ohne jedes Bedenken, mit einem klaren und entschiedenen Nein! Ich bitte euch aber", so fährt er fort, "nicht zu glauben, dass ich den bei Juden und Nichtjuden so viel verbreiteten Gedanken teile, es hätte ein jeder zu leben und zu sterben in dem Glauben, in dem er zur Welt kommt. Diese Anschauung hat für mich", so Oberrabbiner Chajes, "einen schweren Geburtsfehler. Tatsächlicherweise wird keiner in einem oder mit einem Glauben geboren. Der Glaube soll und muss für jeden denkenden Menschen das Ergebnis sein von durchaus persönlichen, aus eigener Kraft zu bildenden Gedanken und Gefühlen. [...] Der Umstand, dass dies oder jenes von unseren Vätern geglaubt wurde, kann für uns nur den Wert haben, dass es uns gewissermaßen seelisch verpflichtet, mit kindlicher Pietät und Achtung uns zu fragen, ob diese oder jene Art zu denken und zu fühlen auch unserem Habitus entspricht, kann uns aber keineswegs veranlassen, unsern Geist und unsere Seele in unerträglichen Ketten zu schmieden."

Chajes war ein höchst integrer Mensch, ein souveräner Geist, der in seiner Antrittsrede als Wiener Oberrabbiner 1918 erklärte: "Wer mir meine geistige Freiheit, meine Unabhängigkeit nimmt, der macht mich zu einem unbrauchbaren Werkzeug. Wer aber meint, durch Drohungen oder Lockungen, durch Schmähungen oder Versprechen mich von dem Wege abziehen zu können, den ich gehen muss, mich den Überzeugungen entfremden zu können, die ich jahrzehntelangem Ringen mir erkämpft, der wird auf Granit beißen." Es ging ihm um die geschichtliche Aufgabe des Judentums: das Befreiungswerk der Menschheit. Der Inhalt greift zurück auf das Urereignis am Berge Sinai, als die Kinder Israels nach einem Prozess der Auseinandersetzung am Ende die Gabe der Tora als Aufgabe empfangen mit den Worten "Na'aseh Venischma - wir werden tun, und wir werden hören": Es ist eben die menschliche Handlung, die die Lehre in ihrer Wahrheit bestätigt. Es ist der Mensch, der mit seinem Leben für die göttliche Wahrheit haftet. So wird jeder einzelne Jude und jede einzelne Jüdin ein Glied in der Kette der Tradition, in der diese ewige Wahrheit ihren zeitgemäßen Ausdruck findet, wo Leben und Lehre wahrhaftig eins sind.

Der Wunsch nach Tradition Nach dem Zivilisationsbruch Europas ist es nicht leicht die Gegenwart als Brücke zu verstehen, die von der Vergangenheit zur Zukunft führt und das Judentum auch für die nächste Generation relevant und glaubwürdig zu machen. [...] In vielen Gesprächen, die ich in den letzten Wochen in Wien mit jüdischen und nichtjüdischen Eltern von heranwachsenden Kindern geführt habe, klang [...] der Wunsch an, aus einer gemeinsamen Tradition Kraft zu schöpfen, um so den Bruch zu heilen über dem Abgrund, der trotz aller Versöhnungsarbeit und Aufarbeitung der Vergangenheit, noch immer und immer wieder, zwischen Judentum und Abendland aufbricht.

Im Judentum führt die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte als Quelle des Selbstverständnisses in allen Epochen zu neuen Einsichten. Die gesamte Geschichte des Volkes Israel wird nämlich im Geschehen einer jeden Zeit neu erlebt und gewinnt damit eine symbolische Bedeutung für die Zukunft. Jedes Geschehen, sei es eine Errettung oder sei es eine Katastrophe, bietet Anlass, in verständlicher Sprache zu erkunden und auszudrücken, was in der Erfahrung gelernt wurde, um die Zukunft aufzubauen. Die Krise der Tradition ist so gerade ein fruchtbarer Boden für einen Neuanfang.

Die Begegnung mit dem jüdischen Erbe Europas eröffnet nun jenseits der Schuldfrage [...] die Möglichkeit, neue Lebensformen zu gestalten. [...] Es geht nämlich nicht nur um das Halten der Erinnerung an das Leiden der Hingemordeten, die die Nachgeborenen in oft verzweifelter oder ablehnender und jedenfalls umtreibender Erinnerung üben können, nicht nur um die politischen Implikationen der Restitutionsdebatte - dies alles stünde noch immer unter dem Zeichen der Schuldfrage - sondern es geht hier um die kardinale Frage: Gibt es für die nächste Generation eine Möglichkeit, sich zu der eigenen Tradition zu stellen? [...]

Sicherlich ist es nicht angemessen, die angetretene Haftung durch einebnende Vergleiche herunterzuspielen, die Singularität der Nazi-Verbrechen wie auch die Teilnahme Österreichs zu relativieren, aber wächst nicht auch, gerade dadurch, durch das Verbrechen an den Juden, eine Einsicht, nämlich die Aufgabe, gerade das "Jüdische" in der europäischen Tradition neu zu entdecken? Was damit im Einzelnen gemeint ist steht noch offen, aber sicherlich lohnt es sich, die spezifischen Züge der jüdischen Kultur und Geistesgeschichte im europäischen Kontext, insbesondere in Wien, neu zu entdecken.

Freiheit, Verantwortung und Selbstbestimmung sind leere Floskeln wenn sie nicht begleitet werden von einer inneren Haltung der "Dazugehörigkeit". Es gibt keine Kultur ohne Kulturträger. Die Ausgrenzung der Juden sollte nicht in historischer Perspektive enden in einer Ausgrenzung der Verbrechens an den Juden.

Am eigenen Haus an die Zerstörung erinnern Es schmerzt mich als gebürtige Wienerin, dass die 1988 errichtete Gedenktafel in der Leopoldsgasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk, im Herzen der einst hauptsächlich von Juden besiedelten Leopoldsstadt, an die Zerstörung des Polnischen Tempels in der sogenannten Kristallnacht 1938 - jenes Tempels, wo acht Jahre davor meine Eltern geheiratet haben, erst 50 Jahre danach und dann an einem Pfosten auf der Straße befestigt wurde und nicht am Gebäude selbst. [...]

In der Begegnung von Individuum und Gesellschaft, des einzelnen mit sich selbst und mit seiner Umgebung, findet die Gestaltung von Tradition statt. [...] So ist auch der Verlust an Tradition in Europa gekennzeichnet vom Verlust des europäischen Judentums, welches neben dem antiken griechisch-römischen Erbe und dem Christentum wie auch dem Islam das Denken in Europa geprägt hat. Die Erfahrungen, die die Völker Europas [...] in diesem Jahrhundert gemacht haben, sind ein Glied in der Kette, das [...] unentbehrlich ist, um weiterzuleben, und um den kommenden Generationen dies auch in würdiger und richtige Weise zu ermöglichen.

Die Ausgrenzung des Verbrechens an den Juden wäre somit ein Verbrechen an der Tradition selbst, die Quelle aus der jede Gesellschaft ihre geistigen Kräfte für eine Erneuerung schöpft. Was wäre ein besserer Akt der Erinnerung, am eigenen Haus an die Zerstörung und an das verlorene Erbe zu erinnern, so wie Juden eine Ecke der Synagoge ungepflastert lassen als Erinnerung an die Zerstörung des Tempels. [...]

Orte der Erinnerung sind [...] Geburtsorte des Neuanfangs, Orte, wo die Gegenwart sich in rückwärts gewandtem Blick für die Zukunft öffnet, wo die hypothetische Frage "welche Welt würde ich wohl durch mein Handeln schaffen, wenn es in meinem Vermögen stünde", eine Bedeutung gewinnt. Es erinnert an ein altes rabbinisches Wort [...]: "Du brauchst die Arbeit nicht zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, dich daraus zu entziehen."

Das Vertrauen auf die Kraft des Menschen autonom zu handeln wird zusammengehalten durch die Kette der Tradition, wo eine Generation der anderen die nicht vollbrachte Arbeit als Erbe weiterreicht. [...]

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