"Eines Tages werden wir wiederkehren"

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Für die Palästinenser bietet das Medium Film einen wichtigen Speicher des kulturellen Gedächtnisses und er liefert notwendige Gegenbilder.

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Für die Palästinenser bietet das Medium Film einen wichtigen Speicher des kulturellen Gedächtnisses und er liefert notwendige Gegenbilder.

Mit der Gründung Israels wurde der Nahe Osten in eine Spirale von Konflikten getrieben, aus der er sich bis heute nicht zu befreien vermocht hat. 50 Jahre Israel sind für die Palästinenser gleichbedeutend mit 50 Jahren Katastrophe - nakba, wie der hierfür geprägte arabische Begriff lautet.

Der Friedensprozeß, auf den so viele ihre Hoffnung gesetzt hatten, ist unter der Regierung Benjamin Netanyahus zum Stillstand gekommen. Hoffnungslosigkeit, Wut und Frustration machen sich im palästinensischen Volk mehr denn je breit. Dennoch gibt es auch Zeichen der Hoffnung. So setzt sich eine zwar kleine, doch wachsende Minderheit israelischer Intellektueller und Wissenschaftler kritisch mit der Geschichte und Gegenwart ihres Staates auseinander.

Die Gruppe von Historikern, die als Israels "Neue Historiker" bekannt wurden, hat das offizielle Geschichtsbild der israelischen Staatsgründung schrittweise in Frage gestellt. So hätten die Palästinenser ihre Dörfer und Städte nicht etwa aus freien Stücken und auf Empfehlung ihrer arabischen Verbündeten verlassen, wie die offizielle Version des Massenexodus von 1948 nach wie vor lautet, sondern seien aufgrund zahlreicher Massaker geflohen, an denen sich die jüdische Militärmiliz "Hagana" beteiligt hätte. Das Anliegen der "Neuen Historiker" ist eine "normalisierte" israelische Gesellschaft und "nicht eine Gesellschaft auserwählter Juden, die Teil einer geheiligten historischen Entwicklung sind", wie der israelische Historiker Ilan Pappe sagt.

Gegenbilder So unerläßlich die Arbeit dieser Historiker für einen dauerhaften Friedensprozeß ist, sie kann keineswegs die Stimmen des palästinensischen Volkes ersetzen, dessen Identität seit 50 Jahren unweigerlich mit dem Begriff der nakba verbunden ist.

Eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit für das historische Gedächtnis der Palästinenser bietet der Film, dessen weltweite bewußtseinsbildende Macht heute weniger denn je unterschätzt werden darf. Unter den Bildern, die während des letztjährigen israelischen Jubiläums in die Welt getragen wurden, fehlten diejenigen, die auch die Palästinenser und ihre Sicht auf die Geschichte wiedergaben. Die palästinensischen, arabischen aber auch europäischen Filme, die sich der Problematik angenommen haben, liefern so die notwendigen Gegenbilder.

Die Filmemacher, die sich im Umkreis des Ende der sechziger Jahre von der PLO gegründeten Verbandes des palästinensischen Kinos dieser Aufgabe verschrieben haben, wie etwa der in Berlin lebende Kais El Zubaidi, hatten keine andere Möglichkeit als die, die die Geschichte bot: Sie mußten Not, Entbehrung, Exil und Tod auf die Leinwand bringen. "Wie denn könnte das Kino der Geschichte ausweichen?", fragt der französische Filmkritiker Jean-Louis Comolli, nicht ohne jedoch auch auf die Hoffnung der Palästinenser aufmerksam zu machen: "Und dennoch, was in diesen Filmen erscheint, ist alles andere als Tatsachenunterwürfigkeit. Was hier erscheint ist Widerstand und Utopie!"

Erst in den siebziger Jahren sind die ersten Filme für und über Palästina entstanden, die ein breiteres Publikum anzusprechen vermochten. Es waren zumeist Filme, die noch nicht von Palästinensern selbst, sondern von Arabern und Europäern gedreht worden sind, und damit deutlich machen, wie schwierig die politische und finanzielle Lage der Palästinenser war und noch ist.

Kann man deshalb schon von einem palästinensischen Kino sprechen? Im engeren, nationalen Sinne sicherlich nicht - denn wie könnte es das sein? Die Antwort liegt vielmehr in der Bedeutung, die etwa der palästinensische Filmemacher Elia Suleiman stellvertretend für andere dem palästinensischen Kino gibt, denn dieses beinhaltet nach ihm "eine Hoffnung, eine Suche nach etwas, es ist ein nomadisches Konzept, im intellektuellen Sinne." Was er mit dem Wort "nomadisch" ansprechen will, umschreibt die historische Situation: Was das Kino zu einem palästinensischen Kino macht, ist nicht erst die zu stiftende Nation - in welcher Form auch immer -, sondern vielmehr das Zur-Sprache-Bringen des Problems Palästina - von wem und von wo aus auch immer. Deshalb ist das palästinensische Kino nicht nur einzig und allein das Kino von Palästinensern im engeren Sinne, sondern das Forum der Fragen, die dieses Volk betreffen. Und Fragen gestellt haben viele, wie etwa der Grieche Costa Gavras mit seinem Film "Hanna K." (1984) und der Syrer Mohamed Malas mit "Der Traum" (1988), um nur einige der berühmteren Filmemacher zu erwähnen.

Zu nennen ist in diesem Zusammenhang insbesondere der Film "Die Betrogenen" (1971) des Ägypters Tewfik Saleh, der die geschichtliche Situation der Palästinenser parabelhaft zum Ausdruck brachte und für ihr Selbstbewußtsein die Funktion einer politischen Initialzündung hatte. Der Film, der auf der Erzählung des großen palästinensischen Romanciers Ghassan Kanafani beruht, erzählt von drei Palästinensern, die vertrieben aus Israel in einem Wassertank eines Lastwagens versteckt die Grenze von Irak nach Kuweit zu überqueren versuchen, jenem Land, das für sie zur Illusion des gelobten Landes wurde. Weil jedoch die kuweitischen Zöllner die Zollformalitäten in die Länge ziehen, können sie jenseits der Grenze nur noch als Kadaver geborgen werden. Sie sind unter der Wüstensonne im metallenen und leeren Wassertank buchstäblich verschmort.

Es ist die tragische Symbolik, die den Film geradezu zum palästinensischen Nationalepos der siebziger Jahre machte, denn die Aussage des Films war eindeutig: Da war kein Freund, der unter der glühendheißen Sonne der Geschichte freundlich Wasser reichte. Genau das ist die Lektion, die die Palästinenser nach der arabischen Niederlage im Krieg von 1967 gelernt zu haben scheinen, als sie den langwierigen Kampf allein aufnahmen und die palästinensische Befreiungsfront PLO gründeten, die 1974 von den Vereinten Nationen und einige Jahre später 1993 von den Israeli selbst als legitime Verhandlungspartnerin anerkannt wurde.

Bilder aus dem Westen Gegenbilder zu liefern, das ist die Aufgabe des palästinensischen Kinos, und das bedeutet zum einen auch, kritisch die Bilder aus dem Westen zu hinterfragen. Genau das hat Jean-Luc Godard in seinem Film "Ici et ailleurs" für die Palästinenser getan, ein Film, der Anfang der siebziger Jahre in ihrem Auftrag hergestellt und mit arabischem Geld finanziert wurde. Godard wollte keine sensationellen Bilder von palästinensischen Widerstandskämpfern zeigen, vielmehr war es seine Absicht, die "Beziehungen zwischen den Bildern" von hier und dort zu analysieren: Hier eine französische Familie vor dem Fernseher, die Bilder von Widerstandskämpfern sieht, dort das lebendige, traurige Bild des palästinensischen Alltags. Godard versuchte zu verstehen, was zwischen Palästina und Europa, zwischen den in Palästina gedrehten Filmdokumenten und den in Europa kursierenden Bildern geschah.

Wie aktuell dieser Aspekt nach wie vor ist, den Godard in seinem Beitrag für Palästina zur Sprache brachte, zeigt uns die Berichterstattung heutiger Zeit, die aus der - zwar nachvollziehbaren - Rücksicht gegenüber Israel nach wie vor vernachlässigt, daß es nicht nur Bilder aus Israel, sondern auch aus Palästina gibt, daß nicht nur das jüdische, sondern auch das palästinensische Volk von der Shoa mitbetroffen war und ist. In die gleiche Richtung arbeiten israelische Filmemacher der jüngeren Generation wie etwa Edna Politi in ihrem Film "Für die Palästinenser" (1974) oder Amos Gitai und Eyal Sivan, die kritisch das offizielle israelische Bild vom Palästinenser in Frage stellen.

Neue Generation Ende der achtziger Jahre, Zeit der Intifada, begann jedoch eine neue Ära des palästinensischen Kinos, als die Fernsehanstalten aus dem Westen gezwungen waren, palästinensische Filmemacher zu finanzieren, weil sie selbst nicht mehr Bilder von den besetzten Gebieten machen konnten. Eine neue Generation von palästinensischen Regisseuren nahm sich dieser Aufgabe an, vor Ort und im Ausland. Berühmtere Namen wie Michel Khleifi, Georges Khleifi, Elia Suleiman sind hier zu nennen.

Den traurigen Alltag der Flüchtlingslager offen und unverstellt der Welt in Bildern mitzuteilen, die Geschichte Palästinas aufzuarbeiten, das umschreibt heute die Anstrengungen des palästinensischen Filmschaffens, das mit vielen Problemen zu kämpfen hat. Es fehlt heute in Palästina nach wie vor so ziemlich an allem, um eine palästinensische Filmindustrie zu begründen: an Produktionsmitteln, an ausgebildeten Technikern, an Kinos. Doch neben diesen gravierenden Problemen kommt ein weiteres Problem hinzu, das auch das palästinensische Filmschaffen in seiner Kontinuität stark behindert. Da kann es schon vorkommen, daß palästinensische Filme ganz einfach verschwinden, wie das 1982 während der israelischen Invasion in Beirut der Fall war, der Stadt, die während der siebziger Jahre das Zentrum des palästinensischen Widerstandes bildete.

Nach wie vor leben das palästinensische Kino und seine Regisseure vorwiegend im Ausland und beziehen von da die finanziellen Mittel. Dieser Umstand widerspiegelt das Schicksal des Volkes in der Diaspora. "Jeder arbeitet mit den Mitteln, die er da finden kann, wo er ist, um seine Identität auszudrücken, und diese Suche nach Identität bestimmt die Einheit des palästinensischen Kinos", sagt Elia Suleiman, die aktuelle Lage charakterisierend.

In der Tat, der Weg zur Einheit des palästinensischen Kinos ist nach wie vor ein steiniger, doch daß die Filmemacher nicht den Mut verlieren, zeigt der Film "Nous retournerons un jour..." (1999) von Samir Abdallah und Walid Charara. Die 1998 in den palästinensischen Flüchtlingslagern gefilmten Bilder widerspiegeln eindrücklich, daß auch die dritte palästinensische Exilgeneration anhand von Photos, Besitzurkunden und Liedern eine noch immer lebendige Erinnerung an die Stätten ihrer Heimat bewahrt hat, die sie nie gesehen hat, an Häuser, über deren Trümmer die Zerstörer heute eiligst Bäume gepflanzt haben.

Das Volk, das heute in den "Hinterhof seiner Heimat" gedrängt ist, so der palästinensische Dichter Mahmud Derwisch, besitzt den Traum von einer Sache, den es aufzugeben heute weniger denn je bereit ist. Das zeigt das palästinensische Kino auf eindrückliche Weise.

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