"Frustriertes, krankes Israel"

Zwei israelisch-palästinensische Friedensaktivistinnen auf der Suche nach kritischen Freunden Israels.

Die Furche: Die palästinensische und die israelische Regierung sind neu gewählt - alles beim Alten geblieben ist, wie der letzte Sonntag in Tel Aviv gezeigt hat, bei den Terroranschlägen. Wie soll die eu jetzt mit der palästinensischen Hamas-Regierung umgehen? War es richtig, dass die Hilfsgelder auf Eis gelegt wurden? Ist das ein Mittel, den Terror zu stoppen?

Amal Elsana-Alh'jooj: Nein, die eu hat sich da ins Bockshorn treiben lassen, das war ein von Israel und den usa aufgezwungenes Vorgehen. Es macht mich verrückt: Was ist eine Demokratie wert, wenn ich nicht wählen darf, wen ich will? Wer sind die Israelis, dass sie eine demokratische Wahl ignorieren können. Sie selber haben die schlimmsten Extremisten gewählt, früher einen Ariel Scharon, heute einen Avigdor Lieberman und niemand hat gesagt, das war keine demokratische Wahl.

Die Furche: Mit dem Unterschied, dass die Hamas dem Terror nicht abgeschworen hat.

Angela Godfrey-Goldstein: Und was ist mit dem israelischen Staatsterror?

Die Furche: Und was ist mit der Weigerung der Hamas, Israel ein Existenzrecht zuzugestehen?

Godfrey-Goldstein: Da müssen Sie genauer zuhören: Die Hamas erkennt Israel in den Grenzen von 1967 an - das ist ein wichtiger Unterschied.

Die Furche: Ich habe mir eingebildet, genau zugehört zu haben, aber dieses Zugeständnis ist mir neu.

Godfrey-Goldstein: Das sollten Sie auch nicht hören, deswegen wurde es auch von Tausenden Vorwürfen gegen die Hamas übertönt. Die Hamas hat sich aber zu einer seriösen Partei mit seriösen Politikern gewandelt; das sind Intellektuelle, die sind nicht korrupt und die gehen auch mittelfristig nicht in Richtung einer Scharia-Gesetzgebung. Und die Palästinenser sind eine säkulare Gesellschaft, die ein Abgleiten in den islamistischen Fundamentalismus nicht zulassen. Das war eine Protestwahl und die Palästinenser geben der Hamas eine Chance, zu zeigen, dass sie die ehrlichere, die bessere Politik machen...

Elsana-Alh'jooj: ...und ich glaube, die Hamas kann das schaffen. Auch die Christen haben die Hamas gewählt, da geht es nicht an erster Stelle um Religion. Für Christen ist die Hamas eine Widerstandsbewegung - die Hamas, das sind keine Islamisten, die kommen und die Leute in die Moschee schicken oder den Frauen den Schleier verordnen; die Hamas, das ist die Hoffnung der Palästinenser.

Die Furche: Und wie beurteilen Sie beide die Situation nach den letzten Parlamentswahlen auf israelischer Seite: Hat das Wahlergebnis den Weg zu einem neuen Anlauf für Friedensverhandlungen geebnet?

Godfrey-Goldstein: Die meisten Israeli sind extrem zynisch geworden, jede Hoffnung wurde schon so oft zunichte gemacht, dass wir uns nicht mehr von diesem oder jenem Wahlergebnis beeindrucken lassen. Das sehen Sie auch daran, dass viele junge Israelis die Partei der Pensionisten gewählt und diese so zu einem großen Wahlerfolg geführt haben. Die meisten ziehen sich in den privaten Bereich, in die Familien zurück; man denkt jetzt über die kleinen Dinge des Lebens nach, und wählt deshalb zum Beispiel die Pensionisten - denen kann man damit wenigstens wirklich helfen. Man will nicht mehr an Sicherheitsfragen denken, ans Sterben, an den Terror, an die besetzten Gebiet - es ist alles zuviel und es ändert sich sowieso nichts: Dieselbe alte faschistische Tagesordnung behält immer wieder aufs Neue die Oberhand.

Die Furche: Mit dem Wahlerfolg der von Ariel Scharon gegründeten Kadima-Partei und dem Niedergang des Likud scheint doch die Vorherrschaft der "Falken" gebrochen...

Godfrey-Goldstein: Das ist doch nur Nebelschlagen, das sind allein schöne Worte: wenn die uns sagen, es gehe um Frieden, es werde ein Palästina geben, es werde eine neue Zukunft geben und wir werden zusammenleben - das sind doch nur Tricksereien. Das erinnert mich an unsere Ministerpräsidentin Golda Meir, die in den 1970er Jahren sagte: "Meine Tür ist immer offen" - die Geschichtsschreibung hat mittlerweile eindeutig nachgewiesen, dass sie in ihrer Amtszeit alles daran gesetzt hat, das diese Tür immer sehr gut geschlossen geblieben ist.

Die Furche: Amir Peretz und seiner Labour-Partei ist es bei diesen Wahlen gelungen, die Stimmen von jüdischen und arabischen Israelis zu bekommen - weckt das neue Hoffnung, dass die Trennung zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen überwunden werden kann?

Elsana-Alh'jooj: Was bleibt uns anderes übrig, als auf Peretz und die Labour-Partei zu hoffen: Die Rechte sieht uns als demographische Gefahr, und will verhindern, dass unsere Frauen mehr als zwei Kinder haben. Die Rechte in Israel behandelt jedes Problem auf eine sehr paranoide Weise, so auch dieses: Am liebsten würden sie jede Nacht in mein Schlafzimmer kommen und mich vom Sex mit meinem Mann abhalten - die sind doch verrückt.

Die Furche: Haben sie nicht vor allem - die nicht unberechtigte - Angst, dass die arabischen Israelis in wenigen Jahrzehnten die Bevölkerungsmehrheit stellen werden; für das Heute bedeutet das aber auf jeden Fall: Israeli ist nicht Israeli...

Elsana-Alh'jooj: ...sondern nur ein jüdischer Israeli ist ein vollwertiger Bürger dieses Landes. Die arabisch-palästinensische Minderheit in Israel stellt 20 Prozent der Bevölkerung, doch uns werden sukzessive unsere Rechte verweigert, das fängt schon im Kindesalter an: für Bildung und Erziehung bekommen die jüdisch-israelischen Kinder dreimal soviel wie die arabisch-israelischen Kinder. Für die jüdischen Siedler baute der Staat mehr als 150 Ortschaften in der Negev-Wüste; für die arabischen Beduinen bauten sie nicht ein Haus. Unsere Leute leben in nicht genehmigten Siedlungen, ihre Häuser gelten als illegal, sie leben ohne jede Infrastruktur, ohne Wasser, ohne Elektrizität. Jeden Tag müssen sie fürchten, dass die Polizei kommt und die Häuser abreißt - das soll Demokratie sein?

Godfrey-Goldstein: Das ist eine Ethnokratie übelster Sorte - und diesen Faschismus, das zeigt auch der Wahlerfolg der russischen Einwandererpartei "Unser Haus Israel" von Avigdor Lieberman, gibt es nicht nur bei den Siedlern.

Elsana-Alh'jooj: Das Gerede von einem demokratischen Israel ist Bullshit; kommen Sie hinunter in die Negev, wo ich arbeite, dann sehen Sie, wie die Beduinen dort in kleinen Reservaten gehalten werden - und der große Rest des Landes für die eigenen Interessen konfisziert wird. Wir Araber in Israel sind Teil des palästinensischen Volkes, unsere Verwandten leben in Gaza oder der Westbank; und wir wollen raus aus der Rolle der Opfer und der Stellung als passive Minderheit, wir wollen Verantwortung übernehmen, auch für den Friedensprozess, denn wir haben eine entscheidende Stellung als Palästinenser in Israel. Wir stehen zu unserer Identität als Palästinenser und wir kämpfen genauso für unsere Identität als Bürger Israels und wollen nicht dauernd als Zweite-Klasse-Bürger behandelt werden.

Godfrey-Goldstein: Die Frustration auf beiden Seiten ist riesig, und es wird immer schlimmer: Die Verhältnisse, in denen die Palästinenser leben, sind wie eine Zeitbombe - und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese explodiert. Obgleich ich ein wenig Hoffnung in Amir Peretz habe, bin ich nicht sicher, ob die Labour Partei dem Druck der Rechten standhalten wird. Und das bedeutet, dass weiterhin das meiste Wasser, das beste Farmland, Jerusalem und jene Siedlungen, die politische Bedeutung haben, in der Hand Israels bleiben - und das wird verhindern, dass jede Art von Road Map zu einem wirklichen Frieden jemals umgesetzt wird.

Elsana-Alh'jooj: Wir als arabisch-palästinensische Bürger Israels sind doch diejenigen, die am meisten Interesse an einem Frieden haben, denn wir stehen immer zwischen den Fronten: Wir sind Teil des palästinensischen Volkes, genauso sind wir Bürger Israels. Bis heute aber wurden wir in allen Verhandlungen ignoriert.

Die Furche: Was ist das größte Hindernis auf dem Weg zum Frieden: die Extremisten auf beiden Seiten, der Mauerbau, die Terroranschläge?

Godfrey-Goldstein: Auch nach dem teilweisen Abzug sind die besetzten Gebiete nach wie vor das größte Problem - sie führen zur Gewalt, zu den Spannungen, zu den Terrorakten. Und es liegt ganz allein und ausschließlich in der Macht Israels, diese Besatzung zu beenden, zu den Grenzen von 1967 zurückzukehren, und die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge zuzulassen - Israel kann es machen, wenn es will. Aber Israel will nicht, und es ist nicht leicht mein Land davon zu überzeugen, dass das der beste und sicherste und einzige Weg zum Frieden ist.

Die Furche: Wie und von wem soll diese Überzeugungsarbeit geleistet werden?

Godfrey-Goldstein: Wir Israelis sind doch nicht von Grund auf schlechte Menschen, wir sind nicht als Faschisten geboren, die immer schon ein anderes Volk unterdrücken wollten - wir sind in diese schreckliche Situation Stück für Stück und immer mehr und immer unheilvoller hineingeraten und heute brauchen wir Israelis die Hilfe der Welt - damit wir da wieder herauskommen und zu uns selbst zurückfinden. Wir sind verrückt, wir sind ausgebrannt, wir sind eine kranke und zerteilte Gesellschaft, wir sind traumatisiert und wir suchen nach Solidarität, Verständnis und Mitgefühl von außen. Und deshalb muss uns wieder und wieder und wieder und wieder von außen gesagt werden, dass wir den falschen Weg gehen - die internationale Staatengemeinschaft muss das schon aus Eigeninteresse machen und sie hat auch eine moralische Verpflichtung dazu.

Die Furche: Israel steht unter dem besonderen Schutz der Vereinigten Staaten, aber das wird wohl nicht die Hilfe von außen sein, die Sie meinen.

Godfrey-Goldstein: Genau, denn die amerikanische Außenpolitik macht das Problem noch größer: Unsere ungerechte Besetzung der Palästinensergebiete wird ja von den usa finanziert. Amerika soll statt dessen lernen, weniger Erdöl zu verbrauchen und einen bescheideneren Lebensstil zu führen und sie sollen aufhören, dem Rest der Welt einzureden, dass sie die alleinige Supermacht sind. Von einem wirklichen Freund erwarte ich mir, dass er mich davon abhält, betrunken mit dem Auto zu fahren. Ein wirklicher Freund Israels würde uns auffordern, dass wir die richtigen Grenzen akzeptieren und dass wir uns an das internationale Recht halten. Leben ist heilig, jedes Leben ist heilig - und warum erlauben wir nicht den Palästinensern auch so ein Leben zu leben, wie wir es selbst für uns erwarten.

Das Gespräch moderierte

Wolfgang Machreich.

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