Dan Ashbel, Israels Botschafter in Österreich, ist fast so alt wie sein Staat und liebt sein Land, "in dem die Mutter die Muttersprache ihres Kindes lernt".

Die Furche: Herr Botschafter, wünschen Sie sich ab und zu, Botschafter eines "normalen" Staates zu sein?

Dan Ashbel: Israel ist ein normaler Staat und ein normales Mitglied der Völkergemeinschaft. Als solches gebührt Israel und den Israelis ein normales Leben. Leider ist die Situation anders. Natürlich wünsche ich mir, ohne Begleitschutz in den Straßen spazierengehen zu können. Man nimmt es heute fast selbstverständlich, dass ein israelischer Botschafter, ein jüdisches Institut, sei es eine Synagoge oder Schule, bewacht werden müssen. Keiner stellt sich mehr die Frage: Warum ist das so? Warum ausgerechnet die Israelis? Warum ausgerechnet die Juden? Warum wir, die niemandem etwas antun? Ich denke ständig daran, und bedauere es, in so einer Situation leben zu müssen.

Die Furche: Ich bedauere es ebenfalls, die Welt bedauert es und leidet unter dem Nahostkonflikt - dass Israel daran völlig schuldlos und nur Opfer, nie Täter ist, glauben Sie aber selbst nicht.

Ashbel: Gibt es einen anderen Staat auf der Welt, dessen Recht zu existieren befragt und bezweifelt wird? Bei aller Kritik, die an Israel zum Teil berechtigt, zum Teil unberechtigt geübt wird - die Völkergemeinschaft nimmt es hin, dass sich die Nachbarn Israels das Recht nehmen, die Existenz Israels als Unrecht darzustellen. In unserer Unabhängigkeitserklärung steht klar und deutlich: "Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden …"

Die Furche: Israel verpflichtet sich in seiner Unabhängigkeitserklärung auch, "sich um die Herstellung der gesamtpalästinensischen Wirtschaftseinheit zu bemühen", und verspricht den in Israel lebenden Arabern "volle bürgerliche Gleichberechtigung" …

Ashbel: … und beides passiert!

Die Furche: Das sehen die Araber in Israel, das sehen die Palästinenser in ihren Gebieten ganz anders.

Ashbel: Wir haben den Gaza-Streifen geräumt - und was haben wir als Dank dafür bekommen? Raketen! Tausende Raketenangriffe! Wir haben uns total zurückgezogen, wir geben ihnen die Möglichkeit, eine eigene Autonomie zu entwickeln, wir unterstützen sie mit Wasser und Energie und Produkten aus Israel - und sie schießen auf uns!

Die Furche: Herr Botschafter, der Gaza-Streifen ist wirtschaftlich nicht überlebensfähig.

Ashbel: Das stimmt nicht. Die palästinensischen Autoritäten haben in den letzten 10, 15 Jahren sehr viel internationale Hilfe und Unterstützung aus Israel erhalten - der Gaza-Streifen könnte ein blühendes Gebiet sein, ein Beispiel für den Anfang eines erfolgreichen unabhängigen Staates. Und wäre der Gaza-Streifen friedlich, gäbe es auch offene Grenzen nach Israel und ins Westjordanland. Es gab Zeiten, da hat das täglich wunderbar funktioniert. Aber man kann jetzt von uns nicht erwarten, dass wir die Grenzen für Terroristen offen lassen.

Die Furche: Ein in kleine Einzelteile zerstückelter Palästinenserstaat wird sich nie konsolidieren können.

Ashbel: Uns ist die wirtschaftliche Bedeutung des Kontakts zwischen dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland bewusst - und es gibt auch Lösungsvorschläge für dieses Problem. Zu deren Umsetzung braucht es aber Frieden. Und solange es das Ziel der Hamas ist, Israel von der Landkarte zu tilgen und an seiner Stelle ein neues Kalifat zu gründen, solange wird es keinen Frieden geben. Israel wird vorgeworfen, dass es nicht mit der Hamas redet - aber die wollen doch gar nicht mit uns reden! Wir existieren nicht für sie!

Die Furche: In der bereits zitierten Unabhängigkeitserklärung heißt es auch: "Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten." Wie?

Ashbel: Unsere ganze Gegend, leidet an fanatischen Haltungen - davon befreit, könnten wir alle sehr gut leben. Deswegen müssen wir versuchen, die aufgeheizte Situation zu beruhigen.

Die Furche: Sie sind 1949 in Tel Aviv geboren, sind eines der ersten Kinder des neuen Staates Israel.

Ashbel: Mein Geburtsdatum ist eine langjährige Frustration: Als Israel zehn wurde, bekam jedes Kind mit Jahrgang 1948 eine Brosche, auf der drauf stand: "Mein Staat und ich sind zehn Jahre alt" - und ich war leider erst neun!

Furche: Dafür sind Sie noch keine 60 - auch was wert! Aber generell gefragt, was macht den Israeli aus?

Ashbel: Von den sieben Millionen Einwohnern Israels sind über zwei Millionen nicht in Israel geboren. In den ersten Jahren des Staates hat man bei uns von einem Schmelztiegel gesprochen. Heute würde ich die israelische Gesellschaft mit einer Salatschüssel vergleichen. Im gemischten Salat bleibt Tomate Tomate und Gurke bleibt Gurke … Diese Vielfalt macht Israel aus, so wie Ephraim Kishon gesagt hat: "Israel ist das Land, wo die Mutter die Muttersprache ihres Kindes lernt."

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

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