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„So stell' ich mir die Lösung vor""

FURCHE: Wie beurteilen Sie die Chancen einer Wiederannäherung Ägyptens an die „anderen" Araber?

ISSAM SARTAUWI: Ägypten hat bei allen arabischen Angelegenheiten stets eine zentrale Rolle gespielt. Seine jüngste Abwesenheit von den politischen Hauptbestrebungen der Araber ist nicht nur bedauert, sondern als folgenschwere Lücke empfunden worden. Inzwischen sind von den Gründen für die Isolierung Kairos von seiner arabischen Umwelt die psychologischen Hauptmomente weggefallen: Die Art und der persönliche Stil, mit dem Anwar as-Sadat seine bisherigen Partner, Helfer und Verbündeten vor den Kopf gestoßen hatte.

Heute ist in Ägypten ein Führer ganz anderer Art an der Macht. Darüber sind wir alle nur froh. Die sachlichen Gründe für den Bruch der Araber mit dem Ägypten Sadats bestehen freilich fort. Es geht dabei sowohl um verschiedene Unklarheiten im ägyptisch-israelischen Friedensvertrag wie um die Tatsache des Friedensschlusses im Alleingang.

FURCHE: Was hat nun die PLO den Israelis als Alternative zu den Vorkehrungen von Camp David zu bieten?

SARTAUWI: Sicher keinen -allerdings ungedeckten — Blankoscheck, wie ihn Sadat für Begin auszustellen versuchte. So weit der Weg zu unserer Eigenstaatlichkeit in Arabisch-Palästina auch sein mag, handelt es sich dabei doch um den eigentlichen Preis des Friedens mit Israel: einen Staat in Palästina für die Palästinenser, der aber ebensowenig alle Palästina-Araber in seinen Grenzen aufnehmen muß wie alle Juden der Welt der zionistischen Aliya gefolgt waren.

Was wir brauchen, ist ein international anerkanntes Vaterland,das auch die zweifellos fortbestehende palästinensische Diapora durch Staatsbürgerschaften, Pässe usw. schützen kann. Unter unserem teils fehlenden, teils unklaren und umstrittenen internationalen Status erwachsen der PLO die meisten Probleme. Und hier liegt auch die Hauptursache der mangelnden Gesprächsbereitschaft Israels.

Mit Hilfe unserer arabischen Freunde, Europas, von USA und UNO sowie den finanziellen Wiedergutmachungsleistungen Israels ist dieses „Kleinpalästina" lebensfähig und imstande, jeden rückwanderungswilligen Palästinenser aufzunehmen.

FURCHE: Die PLO würde also Israel in seinen Grenzen vor 1967 anerkennen, wenn den aus diesem Gebiet stammenden Palästinensern Entschädigungen gezahlt werden. Wo bleibt da das von der PLO als Interessenvertretung aller tffeimatvertriebenen" Palästina-Araber bis zur Stunde geforderte Rückkehrrecht an jeden Heimatort in ganz Palästina?

SARTAUWI: Dieses Heimkehrrecht ist tatsächlich unauf-gebbar. Wir würden Israel vor dessen Akzeptierung jedoch eine verbindliche Liste vorlegen, wer von diesem Anspruch überhaupt noch Gebrauch machen will. Davon unabhängig ist bei den „Wiedergutmachungen" an die Palästinenser nicht nur an solche Einzelabfindungen zu denken.

Abgesehen von diesem arabisch-palästinensischen Privatvermögen in Israel, das bis auf den heutigen Tag von israelischer Seite als solches anerkannt und getrennt verwaltet wird, geht es um Besitztümer des einstigen Mandats Palästina. Von ihnen muß der künftige arabische Palästinastaat den ihm gebührenden Anteil erhalten.

FURCHE: Wie steht es aber im Falle einer solchen Lösung mit Jerusalem? Muß nach den Friedensforderungen der PLO die Heilige Stadt aufs Neue geteilt und ihr Ostteil dem arabischen Staat aus Westjordanland und Gazastreifen einverleibt werden?

SARTAUWI: Die volle Souveränität über Ost-Jerusalem ist als PLO-Prinzip ebenso unaufgeb-bar wie das grundsätzliche Heimkehrrecht aller Palästinenser nach ganz Palästina. Das schließt zusätzliche Vereinbarungen im Interesse aller Bewohner von Jerusalem und ihres Zusammenlebens nicht aus. Das sind dann aber Zugeständnisse von unserer Seite.

FURCHE: Aus Ihrem Munde hört sich das alles sehr schön und relativ vernünftig an. Der springende Punkt ist nur: Privatmeinungen von Herrn Dr. Sartauwi oder offizielle Friedensangebote der PLO?.

SARTAUWI: Es handelt sich bei allem um Beschlüsse der Palästinensischen Nationalversammlung, die verbindlich sind. So geht es um den Entscheid von 1977 für die Errichtung eines palästinensischen Staatswesens in jenen Teilen Palästinas, die von Israel geräumt oder notfalls durch Kampf befreit werden sollten. Damit ist das frühere Konzept eines demokratischen und weltlichen Einheitsstaates von Christen, Juden und Muslimen auf dem Gebiet von ganz Palästina auch zugunsten der israelischen Eigenstaatlichkeit aufgegeben.

Zwar wird das aus verständlichen Gründen nicht direkt ausgesprochen, sondern nur negativ festgelegt. Aber schon der große jüdische Philosoph Spinoza lehrte, daß die Definition in einer Negation bestehe.

FURCHE: Allgemein ist jedoch die Meinung verbreitet, daß die PLO nicht nur die Existenz des Staates Israel, sondern auch die Präsenz eines Großteils, wenn nicht aller Juden in Palästina rückgängig machen möchte und zu diesem Zweck vor keinen Mitteln zurückscheut?

SARTAUWI: Selbst in der ältesten und härtesten Formulierung, und zwar der von Artikel 6 der „Charta" aus 1965, wird das Heimatrecht aller alteingesessenen Juden in Palästina anerkannt. Und mit dem einheitsstaatlichen Konzept, so überholt seine äußere Form inzwischen ist, wurde allen Israelis das Selbstbestimmungsrecht in Bausch und Bogen zugesprochen. Wir erwarten nur ähnliche Grundsatzerklärungen von israelischer Seite, um konkrete Friedensgespräche einleiten zu können.

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