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Kampf der Rechtlosen

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Was sich seit 29. November 1987 in den von Israel besetzten Gebieten ereignet, kann als die größte arabisch-palästinensische Revolte seit 1936 bezeichnet werden.

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Was sich seit 29. November 1987 in den von Israel besetzten Gebieten ereignet, kann als die größte arabisch-palästinensische Revolte seit 1936 bezeichnet werden.

1936 erhoben sich die palästinensischen Araber unter ihrer reaktionären, halb-feudalen Führung gegen die britische Mandatsmacht und gegen die zionistische Kolonisation ihres Landes. Die Araber stellten damals noch die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Ihr Protest wurde durch die Angst, ihr Land zu verlieren, auf eine Minderheit herabgedrückt, oder gar vertrieben zu werden, angestachelt.

Es war ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen. Die Revolte wurde blutig niedergeschlagen. Zehn Jahre später, am 29. November 1947, beschloß die UNO über die Köpfe der einheimischen Bevölkerung hinweg, das Land in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Nicht zufällig begannen die jüngsten „Unruhen“ genau 40 Jahre nach diesem symbolträchtigen Tag.

Die Verhältnisse haben sich seit den dreißiger Jahren grundlegend geändert. Israel beherrscht das Land zwischen Mittelmeer und Jordan.

Konnte Israel bis 1967 noch relativ problemlos über eine dezimierte arabische Minderheit im Lande herrschen, sieht sich der zionistische Staat seit der Eroberung von Westbank und Gaza einer viel größeren und kompakteren palästinensisch-arabischen Bevölkerung gegenüber. Israel hat auf alle nur mögliche Weisen versucht, die politischen Unabhängigkeitsbestrebungen der Palästinenser, die durch die PLO verkörpert werden, zu unterdrük-ken.

Der letzte große Ansturm fand 1982 mit der Invasion in den Libanon statt. Aber so geschwächt und entwaffnet die Palästinenser auch sein mögen, sie sind da - und ihre Lebensbedingungen treiben sie zum Kampf.

Unter der Besatzung aufgewachsen, ökonomisch deklassiert, politisch rechtlos, ohne reale Aussichten auf eine Veränderung ihrer Situation — so erleben junge Palästinenser ihre Lage.

Ausgangspunkt der jüngsten

Aufstandsbewegung war der Gaza-Streifen. Die Flüchtlingslager dort können nur als große Elendsviertel beschrieben werden. Viele fahren täglich ins israelische Kernland, um die schmutzigsten und am schlechtesten bezahlten Arbeiten zu verrichten. Große Teile des Bodens im Gaza-Streifen, besonders aber in der Westbank, wurden von Israel übernommen. Dutzende Siedlungen wurden darauf errichtet.

Das ist der Hintergrund für die aufgestaute Wut, die Ende November zum Ausbruch kam. Unmittelbare Anlässe gab es zwei: Am 25. November drang ein palästinensischer Segelflieger über die libanesische Grenze nach Nord-Israel ein und tötete sechs Soldaten (FURCHE 49/1987). Ein paar Tage darauf tötete ein israelisches Fahrzeug vier Araber bei einem Unfall in Gaza. Das erste Ereignis förderte den Kampfesmut, das zweite die Wut der Palästinenser.

In den Wochen seit dem 29. November breitete sich der Aufstand auf das ganze Land aus. Palästinensische Solidarität diesseits und jenseits der „grünen Linie“ (ehemalige Grenze von 1967) brachte den teilweise gewaltsamen Protest ins israelische Kernland selbst.

Das brutale Vorgehen gegen mit Steinen bewaffnete Demonstranten führte zu internationalen Reaktionen, die der israelischen Regierung gewisse Sorgen bereiten dürften. Trotzdem haben sich bisher die offiziellen Positionen nur noch verfestigt. Seit 22. Dezember gibt es Massenverhaftungen. Der „sozialdemokratische“ Verteidigungsminister Jizchak Rabin erklärte, dem „Terror der PLO“ nicht zu weichen. Die Palästinenser würden mit Gewalt nichts erreichen. Ohne Gewalt auch nicht, vergaß er hinzuzufügen. Manche fordern wieder eine Militärverwaltung für die besetzten Gebiete, andere verlangen Deportationen.

Teüen der israelischen Bevölkerung ist klar, daß nur eine politische Lösung wirklich wirksam und dauerhaft sein könne; aber wenige sind bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Das Minimum wäre nämlich die Bereitschaft zu Verhandlungen mit der PLO und damit die Zustimmung zu etwaigen palästinensischen Souveränitätsansprüchen.

Bei ernsthaften Verhandlungen müßten daher israelischer seit s alle Illusionen fallengelassen werden, das Problem lasse sich auf einige Flecken in der Westbank reduzieren. Die Resultate des israelischen Usurpationsprozesses würden zur Diskussion stehen. Die israelischen „Tauben“ werden zwar eine politische Lösung fordern, die notwendige Bedingung dafür aber (noch?) nicht akzeptieren.

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