Glaubensfrage

Zwischen allen Stühlen

1945 1960 1980 2000 2020

Wer für die Kontextualisierung des Koran eintritt, wird von vielen Seiten kritisiert.

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Wer für die Kontextualisierung des Koran eintritt, wird von vielen Seiten kritisiert.

Dem Islam wird immer wieder vorgeworfen, er sei keine friedliche Religion. In der Tat kommen Gewalt und Drohszenarien im Koran vor. Allerdings mache ich regelmäßig die Erfahrung, dass, sobald ein muslimischer Theologe diese koranischen Aussagen in ihrem historischen Kontext verortet, um deren Wirkmacht in der Geschichte stehen zu lassen, und stattdessen die Friedens­potenziale des Islams für den heutigen Kontext herausarbeitet, er sich sehr schnell mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, man würde den Islam schönreden.

Dabei ist historische Kontextualisierung solcher Stellen im Koran weder Verdrängung noch Schönreden, sondern ein Angebot an die Gläubigen selbst, die den Koran als normative Quelle lesen, mit solchen Passagen so umzugehen, dass sie darin keine Legiti­mation für sich sehen, Gewalt anzuwenden.

Erschwert wird die Aufgabe von Theologen, die sich für derartige Kontextualisierungen koranischer Aussagen einsetzen, wenn auch konservative Muslime ihnen vorwerfen, sie würden den Koran nicht ernst genug nehmen, weil sie ihn nicht wortwörtlich verstehen. Historische Verortung mache aus ihm kein universales Buch mehr, dessen Wort für alle Zeiten gelte.

Beide kritischen Lager teilen dieselbe wortwörtliche und ahistorische Lesart des Korans, die aus ihm ein starres und statisches Buch macht. Ich vertrete hingegen die Auffassung, dass wir zwischen historisch bedingten und ahistorischen Aussagen im Koran unterscheiden können. Zu den universalen ahistorischen Inhalten gehören vor allem solche der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit sowie der Würdigung des Menschen als Selbstzweck. Dass diese Werte in der Geschichte der Verkündigung des Korans durch die historischen Umstände nicht immer zur Entfaltung kommen, verlangt von uns den Versuch, sie von diesen historischen Umständen zu entfesseln.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster.