Theologie am Rubikon

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Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wie verträgt sich dieser Absolutheitsanspruch im friedlichen Miteinander der Weltreligionen?

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Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wie verträgt sich dieser Absolutheitsanspruch im friedlichen Miteinander der Weltreligionen?

Gott ist groß und Mohammed sein Prophet", schallte die Stimme des Muezzins laut über den Platz vor der Geburtskirche in Betlehem. Der alltägliche Vorgang löste am vergangenen Mittwoch einige Irritationen aus, denn das muslimische Mittagsgebet erklang während des gerade stattfindenden Papstgottesdienstes. Die Frage nach dem Neben-, Gegen- oder Miteinander der Religionen fand mit dieser Episode einen sinnfälligen Ausdruck - und eine pragmatische Lösung: Der katholische Gottesdienst wurde wegen dem islamischen Gottesdienst für kurze Zeit unterbrochen.

So tolerant sind Christen und Muslime nicht immer miteinander umgegangen, so friedlich begegnen sie einander auch heute - siehe Kosovo oder Nigeria - keineswegs überall. Konfrontation oder Koexistenz? Die Frage betrifft nicht nur Christentum und Islam, sondern bestimmt das Verhältnis zwischen allen großen Weltreligionen. Am Zweiten Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche erstmals den anderen Weltreligionen zugestanden, daß in ihnen unzählige Menschen eine erfüllende Sinndeutung und Existenzerfahrung erleben. Das Konzil sprach vom "Wahren und Heiligen" anderer Religionen und erblickte darin das Werk Gottes. Die Funktion von Jesus Christus im Heilsplan Gottes für alle Menschen ist aber nach wie vor das eigentliche Kriterium, die große Frage im Verhältnis zu den anderen geblieben. Die Kritik der Weltreligionen besagt: Jesus ist nicht einzigartig, besitzt keine göttliche Dimension, welche grundsätzlich über die anderer Menschen hinausginge, und er ist kein Erlöser. Gibt es eine theologische Lösung, um diesen fundamentalen Auffassungsunterschied für beide Seiten akzeptabel zu lösen?

Jesus allein genügt Von einem Vorschlag dazu hat sich der Papst erst kürzlich distanziert. Johannes Paul II. nutzte am 28. Jänner seine Ansprache an die "Plenaria" der Glaubenskongregation, den obersten Glaubenswächtern der katholischen Kirche, um vor einer Relativierung der Offenbarung in Jesus Christus zu warnen. Die These, daß die Offenbarung Christi nur begrenzt sei und in anderen Religionen ihre Ergänzung finde, sei konträr zum Glauben der Kirche, verdeutlichte der Papst. Weiters sei es "irrig, die Kirche als einen Heilsweg neben dem der anderen Religionen anzusehen".

Vor wem hat der Papst die Theologen der Glaubenskongregation gewarnt? Wer relativiert den Wahrheits- und Universalitätsanspruch des christlichen Glaubens? Obwohl der Begriff in der Ansprache nicht explizit genannt wird, verstand man die mahnenden Worte des Papstes als Kritik an der "Pluralistischen Religionstheologie", dem heute profiliertesten Ansatz, das Verhältnis der Religionen jenseits des christlichen Absolutheitsanspruchs zu denken.

Die pluralistische Religionstheologie ist seit den sechziger Jahren aus der konkreten Situation des Dialoges und Zusammenlebens verschiedener Religionen erwachsen. Die herausragenden Vertreter dieser Richtung - aus dem anglo-amerikanischen Bereich John Hick, Leonard Swidler und Paul F. Knitter, aus dem asiatischen Raum Raimundo Panikkar - haben durch die intensive Begegnung mit Menschen anderen Glaubens ein starkes Unbehagen an den traditionellen theologischen Aussagen über andere Religionen empfunden und sich auf die Suche nach einer neuen "Theologie der Religionen" gemacht.

Als Prinzipien der Pluralistischen Religionstheologie gelten, daß alle Religionen als Wege zum Heil anerkannt werden und die traditionelle Christologie, also der Glaube, daß alle Menschen durch Jesus Christus zum Heil gelangen, aufgegeben werden muß. "Die traditionelle Christologie mit ihrer Betonung der Endgültigkeit und Normativität paßt einfach nicht zu den Erfahrungen in der Arena des religiösen Pluralismus", bringt es der an der katholischen Xavier-Universität in Cincinnati lehrende, bei den Steyler Missionaren ausgebildete Paul Knitter auf den Punkt.

Gott hat viele Namen Im Abschied vom Christozentrismus (alle Menschen, wenn sie erlöst werden - inklusive Nicht-Christen -, werden durch Christus gerettet) sieht der aus dem multireligiösen Birmingham stammende, ursprünglich evangelikale Presbyterianer John Hick die kopernikanische Wende in der Theologie: Wie Kopernikus entdeckte, daß nicht die Erde im Mittelpunkt steht, sondern sich zusammen mit anderen Planeten um die Sonne dreht, so müsse das Christentum erkennen, daß Gott die Mitte der Religionen sei, und ihn ins Zentrum rücken. Um dieses Zentrum, wie immer man es auch nenne - "Gott hat viele Namen" -, kreise das Christentum mit allen Religionen.

Als Begründung für die Forderung nach dem Abschied vom Christozentrismus nennen die Vertreter der pluralistischen Religionstheologie, Jesus sei selber theozentrisch gewesen. Eine zentrale Stellung habe er nur für das Christentum. "Möglicherweise sind Buddha oder Mohammed ebenso universal oder bedeutsam wie Jesus", meint Knitter: "Gottes Mysterium ist unendlich; die Religionen bringen jeweils einen Aspekt zum Vorschein. Jesus ist ein Fenster, durch das wir auf das Universum des göttlichen Mysteriums schauen können, aber es kann doch noch andere Fenster geben." Um zu dieser Sicht zu gelangen, ist es laut Paul Knitter nötig, den "theologischen Rubikon" zu überschreiten. Für diesen Schritt ist aber bislang nicht nur der Papst nicht bereit. Die Behauptung, Gott sei überall genauso voll und umfassend offenbar geworden, ist biblisch-theologisch nicht zu halten, wird als Haupteinwand gegen die pluralistische Sicht vorgebracht. Zahlreiche neutestamentliche Formulierungen, die nicht als späte christologische Interpretation angesehen werden können, widersprechen demnach der pluralistischen Sicht. Der Bonner Fundamentaltheologe Heino Sonnemanns kritisiert bei den Pluralisten, daß sie den "Inklusivismus", den sie eigentlich bekämpfen wollten, selbst wieder einführen: Haben in der traditionellen Sicht Christus und Christentum die Weltreligionen inkludiert, so inkludieren in diesem Modell die Weltreligionen Christus.

Trotzdem, auch nach der Warnung des Papstes werden und müssen die Überlegungen zur Heilsfrage, zur Wirklichkeit des einen Mysterium Gottes in den verschiedenen Religionen weitergehen. Inzwischen ist aber schon viel erreicht, wenn Muslime den Papst in ihrer Heimat willkommen heißen, und dieser seinen Gottesdienst unterbricht, solange der Muezzin betet.

BUCHTIP Menschsein auf Heilswegen. Christliche Orientierung im Pluralismus der Religionen. Von Heino Sonnemans. Einhard/Butzon & Bercker, Aachen/Kevelaer 1999. 194 Seiten, brosch., öS 234,-/e 17,01

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