Landau - © Foto: APA / Florian Wieser

Daniel Landau: „Die Gleichsetzung mit Juden ist ungeheuerlich“

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Die Politik sollte die Wissenschaft in die erste Reihe lassen, rät Daniel Landau, Mitinitiator des Corona-Lichtermeers - und er wünscht sich gruppenspezifische Covid-Botschafter.

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Die Politik sollte die Wissenschaft in die erste Reihe lassen, rät Daniel Landau, Mitinitiator des Corona-Lichtermeers - und er wünscht sich gruppenspezifische Covid-Botschafter.

Er möchte in keiner Gesellschaft mit Stacheldrahtzäunen zwischen Geimpften und Ungeimpften aufwachen, sagt Daniel Landau, Lehrer, Bildungsaktivist und Mitinitiator des Wiener Corona-Lichtermeers, das als Petition seine Fortsetzung findet.

DIE FURCHE: Herr Landau, das #YesWeCare-Lichtermeer zieht Kreise, hat nach Wien auch in Graz und Linz geleuchtet. Was sagen Sie, wenn Maßnahmengegner diese Symbolik jetzt ebenfalls vereinnahmen?
Daniel Landau:
Der Begriff „Lichtermeer“ ist nicht gepachtet und ist seit Langem dafür da, dass Menschen mit Licht zeigen können, wenn sie mit etwas nicht einverstanden sind und Kritik üben. Wir wollten ein Lichterzeichen setzen und zeigen, dass Österreich nicht dem Bürgerkrieg nahe ist, sondern dass viele Menschen gemeinsam ihr Danke an die Pflegekräfte sagen. Die zweite Gemeinsamkeit war das Trauern um die Opfer der Pandemie, auch das tut einer Gemeinschaft gut. Und nicht zuletzt war es unser Versuch, die Risse zu kitten, die unsere Gesellschaft trennen und bis in die Familien, Freundschaften, Beziehungen hineinreichen. Wir wollten ein Modell des Miteinanders aufzeigen, ohne wieder in den „Wir gegen andere“-Modus zu verfallen.

DIE FURCHE: ... der das Lichtermeer-Symbol jetzt aber gekapert hat.
Landau:
Wenn man sich das Label „Lichtermeer“ nur umhängt, gleichzeitig aber ein von Aggressionen getragenes Event veranstaltet, das die Gräben vertiefen und Gewinn aus dem Konflikt ziehen möchte, dann richtet sich das selbst, und die Menschen erkennen die Intention dahinter. Das Lichtermeer am vierten Adventsonntag, am Vorabend des Tags der Internationalen Solidarität, hat gezeigt: Es gibt eine große Mehrheit im Land, die sich solidarisch und nächstenliebend sorgt und der es nicht ums Quertreiben geht – mit einem aggressiven Subton, den ich nicht akzeptieren kann. Wenn Menschen und Familien sich nicht mehr auf die Straße trauen oder zwei jüdische Freundinnen von mir im Rahmen einer Demonstration der Maßnahmengegner in Wien niedergestoßen werden, dann muss uns das aufschreien lassen.

DIE FURCHE: Was ist vorgefallen?
Landau:
Die Frauen wurden niedergestoßen, nachdem sie Demonstrierende, die einen Judenstern trugen, auf die höchst missbräuchliche Verwendung dieses Zeichens hingewiesen hatten. Es ist eine Verdrehung und Verharmlosung der Geschichte, wenn Maßnahmengegner sagen: „Wir sind die neuen Juden.“ Sich mit ermordeten Menschen gleichzusetzen, finde ich ungeheuerlich. Unabhängig davon, dass mein Vater jüdisch war, und unabhängig davon, dass mir das Thema sehr wichtig ist. Wir dürfen es nicht hinnehmen, wenn die Kritik an den Corona-Maßnahmen in einer dermaßen aggressiven, zerstörerischen und erkennbar nicht konstruktiven Weise geäußert wird. Es kann nicht sein, dass eine Gruppe derart massiv Raum einnimmt, wobei es primär um die Artikulation von unbändiger Aggression geht. Welche Gruppe auch immer diese Risse verstärkt und alle Parteien, die das als politisches Geschäftsmodell betreiben, werden sich am Ende des Tages den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie dafür mit die Verantwortung tragen.

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