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Einst in Czernowitz

Sechs Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Monarchie Österreich-Ungarn erlebt das Bild des versunkenen Reiches eine Renaissance besonderer Art. Sie ist nicht nur im deutschen Sprachraum und in Staaten mit demokratischen Verfassungen zu verzeichnen. Das Interesse ist grenzüberschreitend. Bücher über Altösterreich werden in den USA und in Jugoslawien, in Italien und in Ungarn mit der gleichen Leidenschaft gelesen. Hohe Auf-

lagen sind der Beweis. Man macht mit Altösterreich gute Geschäfte.

Mannigfaltig sind die Gründe. Zu diesen gehört das allmähliche Verschwinden jener Generation, die die Monarchie seinerzeit gestürzt oder aber verteidigt hat. Der Weltruhm von Männern wie Sigmund Freud, Adolf Loos, Gustav Mahler, Franz Kafka, Gustav Klimt kommt dazu. Erstaunt fragen die Jüngeren nach der Struktur eines Staates, in dem so viel Bedeutendes geschaffen werden konnte — und sei es aus dem Geiste des Opponierens. Nationale Besonderheiten beleben die Diskussion. In Italien gehen Autoren der Frage nach, wieso manche Ordnungsprinzipien Altösterreichs auch unter den veränderten Verhältnissen der gegenwärtigen Zweiten Republik wirksam bleiben können. In Ungarn trifft der Historiker Peter Hanäk die Feststellung, daß sein Vaterland während der Zeit der Doppelmonarchie einen größeren Aufschwung erlebte als das übrige Zisleithanien. In Krakau bitten Universitätsprofessoren um die Gründung eines österreichischen Kulturinstituts. Verstärkt werden solche Ideen durch die Mode der Nostalgie.

Diese ist ein bemerkenswertes Zeichen der Unruhe und der Unzufriedenheit. Sie kann nicht damit abgetan werden, daß sich das Publikum angesichts der Möglichkeit eines nuklearen Krieges nach der vermeintlichen Ruhe einer „guten alten Zeit" sehnt. Viele suchen in Altösterreich auch ein Modell. Politische Mißstände jener Epoche sind ihnen bewußt, und die wenigsten denken an eine Restauration. Im Mittelpunkt der Sehnsucht steht das verschwundene Ideal einer Lebensform, die in ihrem Rhythmus humaner war und ein friedliches Nebeneinander von Menschen verschiedener Nationalitäten und Religionen offenbar möglich machte. Das Bild Altösterreichs dient in diesem Sinne als Stimulans einer Reform der Demokratie.

Wie aber lebte man damals? Wie war das Verhältnis zwischen Armen und Reichen,

zwischen Christen und Juden, zwischen Regierenden und Regierten? Wie war der Alltag? Wie wurden die Feste gefeiert?

Nur selten bieten Historiker die Darstellung des Alltags. Die zurecht berühmt gewordene „Tante Jolesch" von Friedrich Torberg beleuchtete die Szenerie aus einer besonderen Richtung. Auf sein Buch folgt nun das amüsante, in die Tiefe dringende, wirklichkeitsnahe und gerade deshalb rührende Werk Georg Drozdows-kis, „Damals in Czernowitz und rundum".

Drozdowski, einer französischen Familie entstammend, die in der alten Bukowina eine ihr gernäße Lebensform gefunden hat, erzählt eigene Erlebnisse. Seine mit zahllosen Anekdoten durchwobenen Erinnerungen geben uns, Jüngeren, eine Vorstellung von den Verhältnissen in jenem vielgeschmähten und trotzdem legendären Altösterreich. Sein Buch ist auf diesem Gebiet die wichtigste Neuerscheinung der letzten Jahre.

Drozdowski gehört zu den wenigen authentischen Zeugen der Zeit. Er hatte unlängst seinen 85. Geburtstag gefeiert und ist geistig wie körperlich ein jugendlicher Mann. Das heißt: Er kennt sich aus und verfällt weder der Rührseligkeit, noch dem Pathos. Im Gegenteil, sein außergewöhnliches Buch behandelt die Dinge ziemlich respektlos. Diese heitere Vitalität gewinnt durch die Lebenserfahrung eines Menschen, der viel gesehen hat, Maß und Richtung.

Da Georg Drozdowski zu den bedeutenden Lyrikern des Landes gehört, besitzt er das Verantwortungsgefühl des wirklichen Literaten. Er dient keiner vorgefertigten Weltanschauung, fördert keine vorhandene Tendenz. Da er mit dem Wort umgehen kann, sind seine Darstellungen voll Leben. Man könnte meinen, er plaudert nur so dahin, aber er verliert kein überflüssiges Wort. Die Meisterschaft in dieser unauffälligen sprachlichen Ökonomie erinnert an Maupassant, an den Novellenschreibei- Tschechow.

Für uns ist die Bukowina, die durch einen Vorstoß Josefs II. zu Österreich gekommen ist, ein Landstrich der Legenden, Czer-nowitz eine Stadt der zeitlichen und räumlichen Ferne. Einiges wurde uns im großen Roman „Ein Hermelin von Tschernopol" von Gregor von Rezzori vermittelt, doch fühlten wir bei der Lektüre des Buches die mythische Uber-höhung einer kaum noch ahnbaren Realität. Drozdowski schildert die Wirklichkeit. Die Darstellung ist wortmächtig und bescheiden.

In Czernowitz lebten damals Menschen von dreizehn Nationen und Volksgruppen friedlich nebeneinander. Die Aufzählung ist bemerkenswert: Deutsche, Rumänen, Ruthenen, Juden, Polen, Ungarn, Tschechen, Lipowaner, Slowaken, Bulgaren, Zigeuner, Huzulen und Goralen. Sie alle pflegten ihre Eigenheiten, dachten gar nicht daran, ihr Wesen oder ihre Traditionen zu verleugnen, respektierten aber ebenso selbstverständlich die Eigenart der anderen. Nationale Streitig-

keiten wurden in den Kreisen der Intelligenz ausgetragen und hinderten die Kontrahenten nicht, miteinander freundschaftlich zu verkehren. Es gab Kumpaneien und Duelle, Feindschaften und Liebschaften, Zuneigungen und Aversionen, doch galten sie immer dem einen Menschen, nicht der Gruppe. Man sprach deutsch, radebrechte polnisch, lernte rumänisch, schöpfte aus dem jiddischen Wortschatz, verstand ungarische und ruthenische Sprachbrocken und war bereit, auch die Dialekte der Lipowaner, der Huzulen und der Goralen aufzunehmen. Pfarrer, Pope und Rabbi genossen gleichermaßen Wertschätzung. Und man ließ sich gastfreundlich bewirten, ob nun Ostern nach römisch-katholischer Sitte oder nach den Geboten der griechisch-orthodoxen Kirche gefeiert wurde, und oft kam das jüdische Passah-Fest noch dazu.

Wenn man Drozdowskis Buch gelesen hat, weiß man, wie es zugegangen ist. Uns erscheint dieses Beispiel gelebter Toleranz wie ein Wunder, und zwar ein vergnügliches. In Czernowitz, damals, war es natürlich.

Neben den vielen trefflichen Schilderungen, klugen Reflexionen und geistreichen Anekdoten gibt es im Buch manche Schlüsselsätze. Sie sind von allgemeiner Bedeutung und betreffen auch den Standort des Autors.

Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs müssen die Deutschen heim ins Reich. Drozdowski schreibt: „Eines stand fest: Die Politik hatte den Menschen ausgetrieben, was vom alten Österreich in ihnen geblieben war." Und auf Seite 69 ist der Satz zu lesen: „Mir widersteht die Hochstapelei, die sich als Wissen tarnt."

Hier zweifelt nicht ein alter Mann an der angeblichen Allmacht der Politik und der gelehrten Sentenzen, nein, ein jugendlicher Geist rebelliert gegen Fanatismus und Besserwisserei. Hinter ihm steht das alte — und vielleicht zukünftige — Europa und eine sanfte, gegenüber Unsinn allerdings unerbittliche Geisteshaltung. Was damals in Czernowitz natürlich war, was heute unvorstellbar erscheint, könnte—müßte — unsere Zukunft sein. Dieses heitere Buch der Erinnerung ist ein Buch der Hoffnung.

DAMALS IN CZERNOWITZ UND RUNDUM Erinnerungen eines Altösterreichers. Von Georg Drozdowski. Verlag der Kleinen Zeitung, Kärnten. Klagenfurt 1984.200 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, öS 160,—.

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