Slowakei - © APA / AFP Photo / Joe Klamar - Christus- und Johannes-Paul.-II.-Statue im nordslowakischen Klin.
Religion

Johannes Paul II. – Papst der Slowaken

1945 1960 1980 2000 2020

Der ausgeprägte Kult um Johannes Paul II. in der Slowakei beruht auf slawischer Sympathie, aber auch auf gezielter (Kirchen-)Politik gegen den liberalen Westen.

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Der ausgeprägte Kult um Johannes Paul II. in der Slowakei beruht auf slawischer Sympathie, aber auch auf gezielter (Kirchen-)Politik gegen den liberalen Westen.

Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir uns gemeinsam an den heiligen Papst wenden müssen, damit auf seine Fürsprache hin die Corona-Pandemie aufhört.“ Mit diesen auch in der Slowakei verbreiteten Worten warb der Krakauer Alterzbischof Stanisław Dziwisz heuer für ein gemeinsames Gebet am 2. April um 21.37 Uhr, zur 15. Todesstunde Johannes Pauls II. Der jahrzehntelange Sekretär Karol Wojtyłas gilt südlich der Karpaten als Kronzeuge des fast 27 Jahre währenden polnischen Pontifikats. Gern begrüßt der Kardinal etwa die tausenden griechisch-katholischen Pilger aus der Ostslowakei, für die die Tageswallfahrt nach Krakau primär eine in die Vorstadt Łagiewniki ist.

Das dort befindliche Sanktuarium umfasst in der Unterkirche der monumentalen Basilika der Barmherzigkeit auch eine griechisch-katholische Kapelle, sodass sich die Pilger aus dem Nachbarland wie zu Hause fühlen. In der Reliquienkapelle wird eine Ampulle mit dem Blut des Papstes verwahrt, die Kardinal Dziwisz von den Ärzten der römischen Gemelli-Klinik erhalten hat. Dziwisz verfügt auch über Kleinreliquien, zumeist Blutstropfen auf einem Tuch, die bei einer Blutabnahme entstanden sind. Einige davon hat er slowakischen Kirchen gespendet, etwa für die dem Papst geweihte in der Pressburger Satellitenstadt Čierna Voda.

Blutreliquien hoch im Kurs

2015 übergab der zweite Nachfolger des Papstes als Krakauer Erzbischof eine Reliquie dem slowakischen katholischen Sender Televízia Lux für dessen Kapelle, aus der regelmäßig Gottesdienste ins ganze Land übertragen werden. Auf diese Weise ist der polnische Papst nicht nur in Zeiten der Covid-19-Pandemie potenziell in allen Haushalten des Landes präsent. Das katholische Radio Lumen, das alljährlich eine gesamt­slowakische Wallfahrt nach Krakau veranstaltet, erhielt eine Reliquie der von Johannes Paul II. hoch geschätzten heiligen Faustyna Kowalska. Im Jahr 2012, noch unter dem Rektorat des polnischen Medienexperten Tadeusz Zasępa, erhielt die ebenfalls in Reichweite Krakaus gelegene Katholische Universität Ružomberok eine Papst-Reliquie. Damit wurde auch die damals in eine schwere Krise schlitternde katholische Eliteschule an den polnischen Papst geschmiedet. An diesen drei Adressen ist deutlich zu erkennen, dass der Johannes-Paul-Kult in der Slowakei kein peripheres Phänomen ist, sondern in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.

So wie Reliquien des Papstes auf Wanderschaft gehen, so machte der Papstzug Totus tuus, der ab 2006 zwischen Krakau und Wadowice, dem Geburtsort Karol Wojtyłas verkehrte, in mehreren Städten der Slowakei Halt; im Jahr 2008 auf den Spuren Johannes Pauls bei seinem dritten und letzten Pastoralbesuch, fünf Jahre zuvor und drei Jahre später auf einer Rundreise durch die vier Visegrád-Staaten. Die Anlässe, des Papstes zu gedenken, sind zahlreich und werden von den Strategen der Kirche genutzt, wo immer es geht: sein Geburtstag, seine Wahl zum Papst, das auf ihn verübte Attentat, die von ihm vorgenommenen Seligsprechungen von Slowaken, die Erhebung der Slawenapostel Kyrill und Method zu Mitpatronen Europas, sein Todestag, seine Selig- und Heiligsprechung …

„Johannes Paul II. fehlt uns“, konstatiert Anton Ziolkovský, zehn Jahre lang geschäftsführender Sekretär der Slowakischen Bischofskonferenz und jetzt Direktor des Katholischen Bibelwerks. An Johannes Paul II. rühmt er „zwei präzedenzlose Schritte“: Als erster Papst habe er das kirchliche Slowakische Institut in Rom besucht und 1990, als er kurz nach der Samtenen Revolution die Tschechoslowakei besuchte, habe er nicht nur in Prag, sondern auch in Bratislava bei seiner Ankunft die Erde geküsst, obwohl der Staat noch nicht einmal in die kurzlebige Tschechische und Slowakische Föderative Republik umgewandelt war. Während des Kommunismus sei die „religiöse Unterdrückung potenziert worden durch die Geringschätzung von allem, was slowakisch war“, bringt es Ziolkovský auf den Punkt. Mehr noch als auf andere slawische Völker wirkte es auf die Slowaken, die sich historisch auf ein eigenes Staatswesen nur in Gestalt des vergleichsweise schemenhaften Großmährischen Reiches im neunten Jahrhundert berufen können, schlichtweg überwältigend, dass „einer der ihren“ Papst geworden war. Sooft der Papst Pilger am Petersplatz in ihrer Sprache begrüßte, wurde dies in den Medien vermerkt.

Ikone eines illiberalen Katholizismus?

Doch Anton Ziolkovský belässt es nicht beim nationalen Argument. Johannes Paul II.habe nicht nur „gewusst, welche Schäden der Kommunismus bewirkt und in den menschlichen Seelen hinterlässt“.