Mission Fact Finding

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Dass offen diskutiert und auch ordentlich gestritten wurde, gilt als größtes Plus der eben zu Ende gegangenen Bischofssynode zum Thema Familie.

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Dass offen diskutiert und auch ordentlich gestritten wurde, gilt als größtes Plus der eben zu Ende gegangenen Bischofssynode zum Thema Familie.

Einen doppelten "Tunnelblick" konstatierte Kardinal Schönborn in Bezug auf die zu Ende gegangenen Beratungen der außerordentlichen Bischofssynode zum Thema Familie: Sowohl in der medialen Berichterstattung als auch beim Agieren der "besorgten" Bischöfe, wie Schönborn die konservative Speerspitze seinen Amtsbrüdern umschrieb, sei das Augenmerk auf dem Kommunionsempfang für wiederverheiratete Geschiedene sowie dem Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gelegen. Aber eigentlich seien das "Marginalien" angesichts etwa der Tatsache, dass weltweit immer mehr Menschen erst gar nicht heiraten würden. Das sei die viel drängendere Herausforderung, so der Kardinal am 20. Oktober bei einem Pressegespräch in Wien.

Wiens Erzbischof hatte sich bei den Beratungen als prominentes Mitglied des Reformflügels profiliert, indem er etwa eine theologische Denkfigur, die auf dem II. Vatikanum entwickelt worden war, aufgriff: Das Konzil hatte, um die damalige katholische Erstarrung in der Ökumene und gegenüber anderen Religionen zu überwinden, den anderen Kirchen, salopp gesagt, "zugestanden", zwar nicht die "wahre Kirche" zu sein, aber doch Elemente von Kirche in sich zu enthalten. Schönborn schlug vor, analog dazu die sakramentale Ehe als ideale Vollform anzusehen, aber in anderen Formen eheähnlichen Zusammenlebens "Samen des Wortes Gottes" zu entdecken.

Vordergründig schien sich Schönborn mit seinem Vorstoß nicht durchzusetzen. Er wurde von konservativen Hardlinern prompt angegriffen und wie auch Papst Franziskus selber massiv kritisiert. Das zeigt aber, dass darob doch intensiv diskutiert wurde. Im Abschlussdokument finden sich diese Vorschläge nur mehr rudimentär, wobei dort drei Abschnitte in den Einzelabstimmungen auch nur die einfache Mehrheit und nicht die nötige Zweidrittelmehrheit erhielten. In diesen Abschnitten wurde eine vorsichtige Öffnung in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen angedacht sowie der Umgang mit Homosexuellen, wobei die ganz und gar nicht keineswegs radikal formuliert war, sondern fast wörtlich eine frühere Stellungnahme der Glaubenskongregation wiedergab, in der von Respekt und Nicht-Diskriminierung von Homosexuellen in der Kirche die Rede ist. Dennoch erhält auch dieser Abschnitt nur eine einfache Mehrheit.

Papst will Perspektivenwechsel herbeiführen

Aber dass ungeschminkt diskutiert und eben auch gestritten wurde, und dass dies auch vor den Augen der staunenden Öffentlichkeit stattfand, dürfte, so die vom Papst abwärts geäußerte Einschätzung, das Besondere an dieser Bischofssynode gewesen sein. Schönborn nannte das Ziel der Beratungen denn auch "Fact Finding" - und das sei in Rom zweifellos mit großem Ernst geschehen.

Dem Papst sei es darum gegangen, einen Perspektivenwechsel herbeizuführen, also auf die Realität in Fragen der Familie zu schauen und darauf, wie die Kirche das begleiten kann. Bei den Konservativen habe der Blickwechsel Ängste ausgelöst, dass ein positiver Blick auf die Realität das Ideal verdunkle.

Schönborn zeigte sich insgesamt zufrieden, wenn auch nicht in allen Punkten. Ähnliche Einschätzungen kamen auch von anderen Teilnehmern, die für Veränderungen plädieren, etwa vom Münchner Kardinal Reinhard Marx, der das Ergebnis als "halb volles Glas" wertete. Während die Synode in Rom noch tagte, äußerten sich in Wien zwei prominente Kirchenmänner: Kardinal Walter Kasper, dessen Referat "Das Evangelium von der Familie", das er ihm Februar vor den Kardinälen hielt und das im Weltepiskopat die ersten großen Kontroversen zum Thema ausgelöst hatte, sprach am 15. Oktober auf der Wiener Theologischen Fakultät. Kasper berichtete dabei vom "Geist des Konzils", der die Synode durchwehe und von Beratungen, die in einem Klima der "Zuversicht, Freude und Freiheit" stattfänden. Einen Tag später hielt auch der austrobrasilianische Bischof Erwin Kräutler in Wien einen beachteten Vortrag, in dem er Ehe und Familie als "wunderbare von Gott geschaffene Institutionen" bezeichnete, die "nicht auf der Basis eines sturen, ausschließlich dogmatischen, oft sogar erbarmungslosen Legalismus behandelt oder geregelt werden" könnten.

Rezeption der Synode hierzulande

Allgemein wurde die Synode hierzulande überwiegend positiv rezipiert. Bischöfe - vom Vorarlberger Benno Elbs über den Innsbrucker Hirten Manfred Scheuer bis zu Egon Kapellari in Graz - zeigten sich ebenso optimistisch wie Laienvertreter. Die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich, Gerda Schaffelhofer, etwa qualifizierte das Ergebnis mit "Wir stehen bereits weit über der Mittellinie, müssen den Ball nur ins Tor bringen".

Differenzierter hingegen das Resümee von Regina Polak: Das Risiko eines offenen und freien Austausches von Argumenten sei innerkirchlich ein Fortschritt und selbst aus Perspektive der Organisationsentwicklung gelungen, schrieb die Wiener Pastoraltheologin auf katholisch.at. Die gesellschaftliche Realität sei bei der Synode aber nur Ausgangspunkt gewesen und als "Zeichen der Zeit" nur ungenügend erkannt worden. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, hält hingegen gar eine Segnung homosexueller Lebenspartnerschaften durch katholische Amtsträger für denkbar. Aus Deutschland kommt auch ein Ausspruch der vom Papst nominierten Synodenteilnehmerin Ute Eberl, der zu einem geflügelten Wort werden könnte. Die Berliner Familienreferentin hatte am Rande der Synode gemeint: "Wenn wir zuerst ins Wohnzimmer der Familien schauen und nicht ins Schlafzimmer, dann hilft uns das, offene Augen zu haben für ihre Sehnsucht und für das fragile Gefäß Ehe und Familie."

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